Bei mir herrscht Ordnung. Ein Blick, ein Griff und die Sucherei geht los. Brauche ich in meinem Arbeitszimmer etwas Bestimmtes, muss ich oft suchen. Gerade dann, wenn ich einige Zeit vorher aufgeräumt, oder besser gesagt umgeräumt habe.
Ich kann schlecht Sachen wegwerfen, auf jeden Fall nicht Materialien wie Wolle und Stoff. In meinem Arbeitszimmer stapeln sich Stoffe aller Art. Jeans in allen Grössen die nicht mehr tragbar sind, türmen sich, um wiederverwertet zu werden. Als Stuhlkissen für den Sitzplatz, zum Flicken von Arbeitskleidern oder auch zum Einfügen in Patchworkarbeiten.
Die Patchworktechnik kam aus Amerika zu uns, obwohl ich vermute, dass sie zuerst bei uns war. Mit den Ausgewanderten nach Amerika importiert, war es eine Arbeit, die Frauen aus Notwendigkeit und nicht selten aus Armut nähten. Jedes noch so kleine Stück Stoff konnte so verwertet werden. Daraus entstanden dann die Decken, oder eben die Quilts. Als es nicht mehr bloss Flickdecken oder Plätzlidecken waren, sondern amerikanische Kunstwerke, wurden sie bei uns auch wieder entdeckt.
Etwas weniger lang ist es her, dass Stricken und Häkeln wieder aktuell geworden sind. Junge Leute haben die kreative Arbeit mit «myboshi» und «myoma» aufleben lassen und auf ihre Art unter die Leute gebracht. Strick- und Häkelmeisterschaften sorgen für Zeitungs- und Fernsehartikel. Anleitungen und Materialbestellungen übers Internet erleichtern den Start.
Mich freut diese Tendenz. Ich stricke sehr gerne, es beruhigt mich und hilft abschalten. Wer im Internet und in Facebook stöbert, findet jede Menge Stricktreffs und Strickforen, wo man sich austauscht, seine Werke mit Fotos zeigt und auch Hilfe anfordern kann.
Früher trafen sich die Frauen im Winter auch zum Handarbeiten oder gemeinsamen Spinnen, im Kanton Bern gab es in einigen Gegenden in meiner Jugend noch den «Spinnet». Die Frauen kamen am Nachmittag zusammen um zu stricken (früher wurde sicher auch gesponnen), gegen Abend kamen dann die Männer oder Burschen dazu, es wurde getanzt.
Heute informiert man sich im Netz und findet heraus, wo der nächste Stricktreff ist. Stricken verbindet wieder.
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Die Materialien für heutige Handarbeiten sind in einer Riesenauswahl vorhanden. Wolle und Baumwolle in vielen Zusammensetzungen mit Seide, Leinen, Bambus und synthetischen Fasern gemischt. Es gibt Garne, die aus alten Textilien gefertigt werden. Damit fertigt man Wohnaccessoires, Teppiche und anderes. Die Nadelstärke wird gross gewählt, fast schon Besenstiele. In einer Anleitung habe ich gelesen, dass man nicht zu lange am Stück stricken sollte, wegen allfälliger Gelenkschmerzen oder sogar Entzündungen.
Nun, ich glaube zwar nicht, dass die allzu neumodischen Strickwaren sehr praktisch sind, aber jedem das Seine. Ich bleibe beim Altmodischen, ähnlich wie bei der Stoffverwertung stricke ich kleine Stücke oder Bänder und füge sie zu einer Decke zusammen, so kann ich alle Resten aufbrauchen. Oft stapeln sich dazu Stricksachen, die wiederverwertet werden sollen. Die Arbeit geht mir noch einige Zeit nicht aus.
Alte Sachen neu verpackt kommen heute an. Es war auch schon früher so. So manches kommt wieder, oder auf jeden Fall vieles, lassen wir uns überraschen.
Erika Hubeli