Bei der Lehrstellensuche in der Landwirtschaft läuft es wie sonst wo auf dem freien Markt: Je mehr Erfahrung jemand mitbringt, desto höher sind die Chancen auf eine begehrte Stelle. Das heisst auch: Besonders viel Erfahrung bringt mit, wer aus einem bäuerlichen Haushalt stammt und bereits das erste Lehrjahr hinter sich hat. «Allerdings kommen zunehmend Bewerbungen von Jugendlichen, die keinen landwirtschaftlichen Hintergrund haben», stellt Mathias Roth, Präsident der Berufsbildungskommission (BBK) des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft (VTL), fest.
Bringen wenig Erfahrungen mit Maschinen mit
Gleichzeitig sei der Frauenanteil unter den Lernenden eher höher als noch vor 20 Jahren. Beide Gruppen – die sich nicht selten überschneiden würden – hätten besonders Mühe, einen ersten Lehrbetrieb zu finden. «Die Herausforderung besteht hauptsächlich darin, dass sie kaum Erfahrungen im Umgang mit Maschinen mitbringen und daher zunächst nicht zum Melken, Kreiseln oder Gülleausbringen eingesetzt werden können», so Mathias Roth weiter.
Das betreffe insbesondere Lernende in Erstausbildung, während Kandidat(innen), die schon eine Lehre hinter sich hätten, häufig bereits praktische Kompetenzen mitbringen würden.
Lehrbetriebe mit mehr Erstjahreslernenden
Laut dem Berufsbildner kann jedoch das Vermitteln von grundlegenden landwirtschaftlichen Fertigkeiten für einen Lehrbetrieb – je nach persönlichen Voraussetzungen der auszubildenden Person – mit einem beträchtlichen Mehraufwand verbunden sein. Wer also wählen kann, schliesst einen Lehrvertrag lieber mit einem oder einer Lernenden im zweiten oder dritten Lehrjahr ab.
Dazu kommt, dass attraktive Lehrstellen oftmals auf Jahre hinaus ausgebucht sind. Dabei handelt es sich häufig um solche, die vielseitig sind und einen hohen Mechanisierungsgrad aufweisen. «Wer hingegen als Lehrbetrieb weniger bieten kann, bleibt öfters an den Erstjahreslernenden hängen», erklärt Roth.

«Es ist herausfordernd, wenn jemand kaum Erfahrungen im Umgang mit Maschinen mitbringt.»
Basiswissen zu Traktor, Ackerbau und Tierhaltung
Vor diesem Hintergrund hat die BBK drei freiwillige Massnahmen erarbeitet, um die Lehrbetriebe zu entlasten und die Lernenden zu fördern:
Zwei Jahre auf dem Betrieb: Nach Empfehlung der BBK sollen Lernende mit wenig landwirtschaftlichen Erfahrungen möglichst zwei Jahre auf demselben Betrieb verbringen. Das hat laut Mathias Roth für beide Parteien Potenzial: Die Auszubildenden profitieren von Wiederholungen von Aufgaben, die Betriebe dagegen haben mehr vom zweiten Jahr, nachdem die erste Zeit mehr Aufwand abverlangt hat.
Zusätzliche Lehrstelle: Lehrbetriebe dürfen eine zusätzliche Lehrstelle anbieten, wenn sie Lernende mit wenig Vorkenntnissen aufnehmen.
Intensivkurs: Mitte August findet auf einem Lehrbetrieb versuchsweise ein zweitägiger Intensivkurs für Lernende mit wenig Vorkenntnissen statt. Im Zentrum stehen Mechanisierung und Arbeitssicherheit. Vermittelt werden u. a. Basiswissen zu Traktor, Ackerbau und Tierhaltung. «Wichtig ist auch die Möglichkeit, praktische Aufgaben gleich zu üben», betont Mathias Roth. Die Kosten dafür übernimmt der Berufsbildungsfonds. Für den ersten Kurs sind acht Lernende in Erstausbildung angemeldet, gleich viele Männer wie Frauen. Der BBK-Präsident ist gespannt auf die Rückmeldungen von Lernenden und Lehrmeistern. «Je nach Bedarf werden wir im Herbst zwei weitere Tage anbieten.»
Der Strickhof bietet ebenfalls Kurse an
Unter den landwirtschaftlichen Schulen der Ostschweiz bietet auch der Strickhof eine praktische Vorbereitung an: Seit Jahren finden während der ersten Ausbildungszeit ein eintägiger Traktoren- sowie ein zweitägiger Melkkurs statt, die Theorie und Praxis vereinen. Die Kurse finden im Rahmen eines Freifachs statt, das allen Lernenden offensteht.
«Unter den Teilnehmenden machen jedoch jene ohne landwirtschaftlichen Hintergrund den grössten Anteil aus», sagt Regula Hauenstein, Spartenleiterin der Grundbildung Landwirtschaft am Strickhof. Allerdings gebe es auch bei Bauernkindern keine Garantie, dass sie die entsprechenden Grundlagen wie routiniertes Traktorfahren automatisch mitbringen würden, räumt sie ein.
Zahlen zur Ausbildung
Das Bildungs- und Beratungszentrum Arenenberg zählt jährlich 55–60 neu eintretende Lernende Landwirt(in) EFZ. Der Frauenanteil schwankt seit etwa fünf Jahren zwischen 20 und 25 Prozent. «Um hier eine Tendenz auszumachen, ist es noch zu früh», sagt Urban Reifler, Hauptlehrer am Arenenberg. Über den Anteil der Lernenden, die keinen landwirtschaftlichen Hintergrund haben, wird keine Statistik geführt. Bei sieben bis neun Prozent der Lehrverhältnisse kommt es zu einer Auflösung des Lehrvertrages, wovon zwei von drei Lernenden eine Anschlusslösung innerhalb der Landwirtschaft auf einem anderen Lehrbetrieb finden.

