Auch im ehemaligen Bürgerasyl von Alberswil und Ettiswil, heute ist das Gebäude ein Teil des Agrarmuseums Burgrain, habe es tragische Geschichten von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen gegeben, berichtete die ehemalige Museumsleiterin Beatrice Limacher. Das Asyl sei von 1871 bis zur Aufhebung 1962 auch eine Armenanstalt gewesen, für Leute mit geistiger Behinderung, geschwängerte Mägde, alkoholisierte Knechte und weitere vom Schicksal getroffene Leute, die man von der Gesellschaft fernhalten wollte.
«Wir wollen mit der Ausstellung aufrütteln.»
Beatrice Limacher, ehemalige Leiterin Agrarmuseum Burgrain
«Die hatten niemanden und waren niemand», nahm Limacher Bezug auf die aktuelle gleichnamige Ausstellung im Aussenraum des Museums. Bis 80 Insassen hätten im Asyl gelebt, geführt nach strengen Regeln von Baldegger-Schwestern, mit striktem Alkoholverbot. Es sei aber schon vorgekommen, dass die Lust auf Most oder Schnaps bei Besuchen auf Bauernhöfen gestillt wurde. Mit entsprechenden Folgen bei Exzessen: Für Randalierer und sonstige Störenfriede gab es im Keller des Asyls gar ein Gefängnis, erzählte Limacher.
Ein Stück Geschichte, das lange verdrängt wurde
Es sei wichtig, das Thema im Agrarmuseum Burgrain zu vermitteln, denn auch auf Schweizer Bauernhöfen hätten Verdingkinder vor noch nicht allzu langer Zeit viel Leid erlebt, meinte Museumsleiterin Edith Reddig.
Wann wird Fürsorge zu Zwang? Wann ist Zwang legitim? Wie lassen sich Machtmissbrauch und Unrecht verhindern? Solchen Fragen wird in der Ausstellung «Ich bin einfach niemand gewesen – Fürsorge und Zwang in der Schweiz» nachgegangen. Damit werde ein lange verdrängtes Kapitel der Schweizer Geschichte aufgenommen. Von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen waren Hunderttausende von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen betroffen. Erst aufgrund eines Bundesgesetzes von 1981 wurde seitens der Politik mit der Aufarbeitung begonnen, Entschädigungen ermöglicht und Entschuldigungen ausgesprochen.
Schicksale von Betroffenen werden erzählt
Die Ausstellung besteht aus drei frei und kostenlos zugänglichen Räumen auf dem Gelände neben dem ehemaligen Asyl. Im Pavillon «Ich bin einfach niemand gewesen» erzählen sieben Betroffene ihre Lebensgeschichte. Diese kann per Kopfhörer angehört werden, Texte ergänzen die Tonspuren.
Erzählt wird etwa das Schicksal von Uschi Waser: 1952 als Tochter einer Jenischen unehelich geboren. Das Hilfswerk «Kinder der Landstrasse» nimmt sie als Säugling ihrer Mutter weg. Sie wird als Kind vom Stiefvater und vom Onkel vergewaltigt. Klagt die Täter später an. Der Onkel wird bedingt bestraft, der Stiefvater freigesprochen. Bis zu ihrem 14. Geburtstag wird sie 53-mal zwischen Heimen, Pflegefamilien und ihrer Mutter hin- und hergeschoben.

Oder aus neuerer Zeit Christian Tschannen: 1971 in Solothurn geboren. Nach der Scheidung der Eltern wurden der Bub und sein Bruder der Mutter weggenommen. Er lebte von 1979 bis 1985 in einer Pflegefamilie in Schangnau im Kanton Bern. Er muss ab siebenjährig hart arbeiten, bekommt zu wenig zu essen und erleidet Gewalt. 1986 wird er ins Jugenddorf Bad Knutwil umplatziert. Arbeitet ohne Lohn für industrielle Auftraggeber und wird vom Vorarbeiter schwer verprügelt.
Geringschätzung war weitverbreitet
Im Pavillon «Im Charakter verlogen und verschlagen» wird gezeigt, welche Rolle Autoritätspersonen spielten. Die Betroffenen waren ihrer Willkür, Verachtung und Gewalt ausgesetzt. Dabei ging es nicht nur um die Bosheit einzelner Täter. Menschen, deren Lebensweise nicht den gesellschaftlichen Normen entsprach, wurden auch von der Gesellschaft allgemein abgewertet und ausgegrenzt.
Im dritten Raum mit dem Titel «Schluss mit Zwang» werden die Reaktionen der Öffentlichkeit aufgezeigt. Erst in jüngerer Zeit wurde gegen solche fürsorgerischen Zwangsmassnahmen aufbegehrt, es häuften sich kritische Medienberichte.
Und heute wird der Frage nachgegangen, wie so etwas so lange möglich war, ohne dass jemand aufbegehrte. «Kein Unrecht in solchem Umfang kann geschehen, ohne dass die Gesellschaft mitmacht, und sei es nur, indem sie wegblickt», heisst es auf einem Plakat. «Das Ausmass der Ignoranz war gross. Wie ist es heute?», wird weiter gefragt.
Ausstellung mit Mitwirkmöglichkeit
Die Ausstellung im Agrarmuseum Burgrain kam in Zusammenarbeit mit dem Museum Luzern zustande. Dort ist noch bis Ende Oktober im Rahmen einer nationalen Wanderausstellung, finanziert vom Bundesamt für Justiz, die Wanderausstellung «Versorgt. Verdingt. Vergessen?» zu sehen. Die Module beim Burgrain sind seit dem 12. Juli und noch bis zum 4. August 2026 zu sehen.
Begleitend zur Ausstellung gibt es auch ein Erzählcafé, und zwar am 29. Juli um 18 Uhr. Dabei sind Betroffene, Angehörige und Interessierte eingeladen, ihre Erfahrungen und Fragen einzubringen. Ab dem 7. August findet eine mehrtägige Geschichtswerkstatt statt. Dabei können die Teilnehmenden die Themen Fürsorge und Zwang in der eigenen Lebensgeschichte oder in der Familie erforschen. Fachpersonen zeigen, wie man Informationen sammelt und in einem Archiv nach Unterlagen sucht.
Dafür ist eine Anmeldung erforderlich unter info@museum-burgrain.ch oder telefonisch unter 041 980 57 09.

