«Ich will richtig kochen lernen, den Haushalt führen – und allgemein etwas fürs Leben lernen.» Für Rafael Rychen ist das einer der Gründe, weshalb er sich für das Zwischenjahr Bildungsjahr Hauswirtschaft (BJHW) entschieden hat. Dieses Zwischenjahr im Bereich Hauswirtschaft wird im Kanton Bern angeboten (siehe Kasten).
Eine Lehrstelle als Landschaftsgärtner ist Rafael Rychen sicher, antreten kann er sie allerdings erst im nächsten Sommer. Die Zeit bis dahin wollte der 16-Jährige sinnvoll nutzen, alle geprüften Angebote haben ihm jedoch nicht zugesagt.
Schliesslich wurde er auf das BJHW aufmerksam und dachte sich: «Warum eigentlich nicht?» Zuhause auf dem elterlichen Bauernhof habe er auch gelegentlich in der Küche geholfen. Zudem gefiel ihm die Tatsache, dass auf einigen Ausbildungsbetrieben grosse Gärten vorhanden sind. So auch auf seinem jetzigen Ausbildungsbetrieb auf dem Egghof in Höchstetten BE bei Brigitte und Matthias Sieber.
Das ist das Bildungsjahr Hauswirtschaft
Das Bildungsjahr Hauswirtschaft ist ein privates Zwischenjahr, Träger ist der Verband Bernischer Landfrauenvereine (VBL). Die Jugendlichen arbeiten vier Tage im anerkannten Familienhaushalt und besuchen am Inforama Waldhof in Langenthal BE einen Tag in der Woche die Schule.
Die Ziele des Angebots sind:
- Selbstständiges Führen und Verwalten eines Haushaltes.
- Förderung der Integration und Anpassung in Familie/Gesellschaft.
- Stärkung der eigenen Persönlichkeit.
- Sprungbrett für zukünftige Berufe.
Zum Zielpublikum gehören:
- Jugendliche mit Interesse und Lernbereitschaft für verschiedene Arbeitsgebiete in einer Familie.
- Jugendliche, die ein praktisches Zwischenjahr dem schulischen vorziehen und noch etwas Zeit benötigen für die Berufswahl.
Voraussetzungen für Ausbilderin:
Folgende Berufsgruppen werden als Ausbilderinnen «Bildungsjahr Hauswirtschaft» zugelassen:
- Absolventin der bäuerlich-hauswirtschaftlichen Fachschule mit folgenden abgeschlossenen Modulen: Ernährung und Verpflegung, Produktverarbeitung, Gartenbau, Reinigung und Textilpflege, Familie und Gesellschaft, Haushaltsführung.
- Bäuerin HFP/FA.
- Hauswirtschaftslehrerin.
- Hauswirtschaftliche Betriebsleiterin (HBL).
- Fachfrau Hotellerie Hauswirtschaft EFZ.
Die Schulfächer decken die Themen Ernährung, Verpflegung, Produktion und Verwertung, Garten, Haushaltspflege, Allgemeinbildung und Persönlichkeitsbildung ab. Die Kosten für das Bildungsjahr Hauswirtschaft inklusive Schulmaterial betragen für die Eltern rund 4600 Franken. Das private Angebot ist nicht stipendienberechtigt. Die Jugendlichen erhalten einen Lohn.
Vergleichbare Angebote
Auch in anderen Kantonen gibt es vergleichbare Angebote. Landwirtschaftsbetriebe im Aargau und in der Zentralschweiz bieten Jugendlichen nach der obligatorischen Schulzeit das «Agriprakti» an. Das Hauswirtschaftsjahr ist ein Angebot des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands.
Bei «Brücke Ebenrain» gibt es nicht nur bäuerliche Haushaltungen als Partnerbetriebe für das Praktikum. Es gibt Praktikumsplätze z. B. in Alters- und Pflegeheimen, Gastrobetrieben, Gärtnereien, Bäckereien, Kitas, Metallbaubetrieben und weiteren. Entsprechend wird dieses Angebot auch von Knaben besucht.
Das Brückenjahr «Startpunkt Wallierhof» besteht aus der Kombination von 60 Prozent praktischer Arbeit und 40 Prozent Schulunterricht. Zur Auswahl stehen Landwirtschaftsbetriebe und Privathaushalte, die es ermöglichen, in verschiedenen Arbeitsbereichen anzupacken und Erfahrungen zu sammeln.
Vorreiterrolle als erster Mann
Bislang haben ausschliesslich junge Frauen das private Zwischenjahr des Verbands Bernischer Landfrauenvereine (VBL) absolviert. Dass Rafael Rychen als junger Mann mit dem BJHW Neuland betritt, stört ihn nicht. Bei seinem Entscheid, dieses Jahr absolvieren zu wollen, hat er dem Gedanken, was denn Kollegen denken könnten, keine grosse Beachtung geschenkt.
«Es kommt schon gut», habe er gedacht. Und tatsächlich gab es nur vereinzelte Reaktionen von Kollegen. Vielmehr hat sich Rafael Rychen darüber Gedanken gemacht, was alles Neues auf ihn zukommen wird. In seiner Familie erlebt er viel Rückhalt. Sowohl die Eltern als auch die Grosseltern fanden seinen Entschluss gut. Der Tenor innerhalb der Familie lautet denn auch: «Es sollten viel mehr Jungs das Bildungsjahr Hauswirtschaft machen.»
Das Leben in einer fremden Familie sei zu Beginn schon etwas «komisch» gewesen. Doch Rafael Rychen hat sich schnell eingelebt. Mittlerweile seien die Arbeitsabläufe schon fast normal. Und er erzählt von der Arbeit mit den Hühnern, dem Garten, dem Kochen und der Arbeit im Hofladen. «Putzen geht auch. Daran musste ich mich aber zuerst etwas gewöhnen», verrät er.
Den vorhandenen Putzplan benötige er nur noch manchmal als Spickhilfe. Ansonsten habe er die Abläufe, wann was zu erledigen ist, schon gut im Kopf. Und er schwärmt: «Ich mag die Abwechslung, das viele Draussensein und das Grossräumige. Ich sehe viel Neues und durch das Leben in einer anderen Familie werde ich selbstständiger», zählt er auf. In der Schule sei er von den Mädchen gut integriert worden. Und nach knapp drei Monaten auf dem Betrieb der Familie Sieber erklärt er bestimmt:
«Der Entscheid war kein Fehler!»
Rafael Rychen bereut nicht, das Bildungsjahr Hauswirtschaft begonnen zu haben.
Es muss auf beiden Seiten passen
Wenn Rafael Rychen anderen Jungs, die über das BJHW nachdenken, sich aber vielleicht nicht trauen, einen Rat geben müsste, wäre es dieser: «Macht einfach. Probiert es aus. Es muss euch gefallen – und nicht anderen.» Fast scheint es, dass sich Rafael Rychen seiner Vorreiterrolle als allererster junger Mann, der das BJHW absolviert, gar nicht wirklich bewusst ist.
Doch dem ist nicht so. Seine Ausbilderin Brigitte Sieber machte ihn bereits beim ersten Telefonat darauf aufmerksam, worauf er sich einlässt, und dass er der einzige Junge in der Schule sein würde. Beim Schnuppern haben dann beide Seiten rasch gemerkt, dass es zwischenmenschlich passt. Und das sei das Wichtigste: «Der oder die Jugendliche muss zum Betrieb und zu unserer Familie passen. Egal, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist», erklärt Brigitte Sieber bestimmt.
Interessen zählen, nicht das Geschlecht
Die Bäuerin macht ebenfalls deutlich, dass Rafael keine Sonderbehandlung erhalte und genauso putzen müsse, wie seine Vorgängerinnen auch. «Zwar liegen seine Stärken mehr beim Unkrautjäten und Hacken», erklärt sie.
Es könne auch sein, dass Rafael etwas mehr im Garten arbeite als einige Mädchen vor ihm. Das hat aber nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern vielmehr mit den Interessen, die die Jugendlichen jeweils mitbringen, und denen die Ausbilderin versucht, Rechnung zu tragen. Für die Zukunft hofft Brigitte Sieber, dass sich wieder mehr Jugendliche – Mädchen und auch Jungen – für das Angebot interessieren.

