Wenn ich einst alt bin, trage ich Mohnrot. Weil ich das Brennen nicht missen möchte in meinen Gliedern, in meinem Herz. Einen grossen Hut, der weit auslädt und das Gesicht anmutig verschattet, werde ich tragen. Ich werde stolz sein, wenn die Leute hinter mir tuscheln: Da geht die verrückte Alte mit ihrem roten Hut.»
Dieser wunderbare Text stammt nicht von mir; es ist wichtig, das in der heutigen Zeit von Plagiatsvorwürfen hervorzuheben. (Ein Plagiat ist die Anmassung fremder geistiger Leistungen.) Ich habe abgeschrieben bei Elisabeth Schlumpf (geb. 1932), Psychotherapeutin und Autorin. Nicht nur älteren Frauen empfehle ich, auf ihrer Website zu schnuppern. Dort gibt es für Leserinnen und Leser Gedanken, Ratschläge und Überlegungen, die das Herz erwärmen. Wo wir beim Lesen immer wieder für uns murmeln: «Sie hat ja so recht!»
Mehr Übung im weniger zuhören
Zu meinem 75. Geburtstag sandte ich Freundinnen und Bekannten Elisabeth Schlumpfs Text: «Wenn ich einst alt bin, trage ich Mohnrot.» (Auf ihrer Website aufgeführt.) Nun bin ich älter, die Worte gelten immer noch. Denn auch ich will weniger machen, auch ich will nicht mehr überall zuhören, auch ich mag nicht mehr sitzen bleiben, wenn’s langweilig wird. Wenn Leute mich belehren, weil ich als Alte ja nichts mehr weiss (!), und wenn sie auf ihrer Meinung beharren, will ich nett lächeln und darüber hinweggehen. Interessanterweise habe ich immer mehr Übung darin. Hier will ich eine Erklärung einfügen zu meinem Alter. Es stimmt, ich bin 78, aber ich sage, ich bin 77.
An meinem 75. Geburtstag predigte ich meinem Mann, meinen Brüdern, Freunden und Bekannten, ich würde nun zwei Jahre lang 75 sein. Denn 75, das ist eine schöne Zahl. Im Gegensatz zu 76. An meinem 77. Geburtstag verkündete ich, nun würde ich zwei Jahre 77 bleiben: eine wunderbare Zahl. 78 – das ist gar nichts dagegen.
Ich komme zurück zu meinen Überlegungen über das, was ich nicht mehr mag. Es soll niemand glauben, dass ich nichts mehr tun will; dass ich mich nicht mehr fürs Leben interessiere; dass ich nicht gerne mit jemandem plaudere, der/die mir Neues und Tiefgreifendes erzählt. Ich will weiterhin wissen, ob es neue Erkenntnisse gibt in der Sprachkultur, neue Entdeckungen bei romanischen und gotischen Bauten.
Nicht alt, sondern grad richtig
Ich begebe mich gerne an Orte, wo ich früher war, und schaue mir die Veränderungen an, ohne dabei zu lamentieren über bessere Zeiten. War früher alles besser, frage ich mich? Damals war ich jung, da waren keine melancholischen Gedanken. Die Welt sah einfacher aus. Ob sie es war? Eine Bekannte von mir wurde eben 70. Da haben wir zusammen über den Text von Elisabeth Schlumpf nachgedacht. Fühlten uns dabei nicht alt, sondern grad richtig.
Wir zählten die Vorteile auf, welche das Älterwerden und das Altsein mit sich bringen. Denn diese Vorteile gibt es zuhauf. Unsere Überlegungen beendeten wir mit einer Aussage von Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916): «Und ich habe mich so gefreut!, sagst du vorwurfsvoll, wenn dir eine Hoffnung zerstört wurde. Du hast dich gefreut – ist das nichts?» Welch tröstliche Worte ins neue Jahr!

