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Burn-out in der Landwirtschaft: Hilfe muss näher an die Höfe rücken

Viele Bäuerinnen und Landwirte haben ihre Grenze schon einmal erreicht. Trotzdem werden Hilfsangebote zu wenig genutzt. Ein Netzwerk setzt auf Früherkennung durch vertraute Personen aus dem landwirtschaftlichen Umfeld.

Die Schweizer Landwirtschaft ist gründlich erforscht. Eigentlich. Während zu Pflanzenbau, Tierhaltung, Agrarpolitik und Betriebswirtschaft viel Forschung betrieben wird, bleibt die psychische Gesundheit in der Landwirtschaft ein Randthema.

Das Risiko für Burn-out ist fast doppelt so hoch

International ist das Thema angesichts alarmierender Befunde in den vergangenen Jahren zunehmend in den Fokus gerückt. Für die Schweiz ermittelte eine Agroscope-Studie im Jahr 2017 bei Landwirt(innen) und Bäuerinnen eine Burn-out-Gefährdungsrate von 11,6 Prozent – fast doppelt so hoch wie die rund 6 Prozent in der Vergleichsbevölkerung.

Unter finnischen Milchproduzentinnen und Milchproduzenten berichteten 42 Prozent von leichten und 9 Prozent von schweren Burn-out-Symptomen. Auch aus Kanada kamen beunruhigende Zahlen.

Rund 130 mögliche Symptome

Eine Früherkennung von Burn-out ist allerdings schwierig. Das liegt auch daran, dass Burn-out zwar als arbeitsbezogene Stresserkrankung klassifiziert ist, in der Fachliteratur aber gleichzeitig etwa 130 verschiedene Symptome beschrieben werden. Diese reichen von Schlafstörungen, Grübeln, Tinnitus und Rückenschmerzen bis hin zu Libidoverlust und einer erhöhten Infektanfälligkeit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert drei Kernmerkmale:

  • Gefühle von Erschöpfung oder Energielosigkeit
  • zunehmende mentale Distanzierung von der Arbeit
  • verminderte berufliche Leistungsfähigkeit

Wenn Warnsignale als normal gelten

Eine unterschätzte Dimension der Früherkennungsproblematik liegt laut den Forschenden auch bei den Betroffenen selbst: Anzeichen einer Überlastung werden von Menschen in der Landwirtschaft häufig nicht als Warnsignale wahrgenommen, sondern als normaler Bestandteil des Berufslebens akzeptiert.

Dabei gehören lange Arbeitstage, körperliche Erschöpfung und kaum Erholungszeit für viele Schweizer Bäuerinnen und Bauern zum Alltag.

Forschungsprojekt untersucht Belastungen

Das vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) finanzierte Forschungsprojekt «Burn-out-Prävention in der Landwirtschaft» der Ostschweizer Fachhochschule (OST) nahm sich dieses Themas an.

Eine Onlinebefragung unter 367 Landwirtinnen und Landwirten in der Ostschweiz sowie 20 qualitative Interviews zeigen, wo die grössten Belastungen liegen: bei der hohen Arbeitslast, der zunehmenden Bürokratie und dem Verlust gesellschaftlicher Anerkennung. Dabei gaben fast zwei Drittel der Befragten (64,9 %) an, in der Vergangenheit aufgrund einer schwierigen Situation an ihre persönlichen Grenzen gestossen zu sein. Lediglich 10,9 % verneinten dies, die verbleibenden Befragten machten keine Angabe. Darüber berichtete die Fachzeitschrift «Agrarforschung Schweiz» kürzlich.

Mehr als die Hälfte der Befragten geht neben der Arbeit auf dem Betrieb einem Nebenerwerb nach. Dadurch werden die ohnehin knappen Erholungsphasen zusätzlich verkürzt.

Als die drei höchsten Belastungen haben die Befragten die Themen Arbeitsbelastung, rechtliche Vorschriften und gesellschaftlicher Anerkennungsverlust angegeben.(Bild: Quelle OST / Grafik Matthieu Induni, BauernZeitung)

Wenn Verschuldung zur Dauerbelastung führt

Oftmals verläuft die Entwicklung eines Burn-outs nach einem ähnlichen Muster: Investitionen in den Betrieb führen zu Verschuldung. Diese erzwingt einen Nebenerwerb, der wiederum eine Dauerbeanspruchung verursacht.

Diese Belastung kann sich über Monate oder Jahre aufbauen – bis Körper und Psyche nicht mehr mitmachen. Weil Erschöpfung im landwirtschaftlichen Umfeld oftmals als normal gilt, werden Warnzeichen häufig erst spät erkannt.

Hilfsangebote sind bekannt, werden aber kaum genutzt

Psychosoziale Angebote wie das Bäuerliche Sorgentelefon, Coaches oder medizinische Fachpersonen sind bekannt – und wichtige Anlaufstellen, insbesondere in akuten Krisensituationen. Trotzdem besteht gemäss der Untersuchung eine deutliche Lücke zwischen dem vorhandenen Angebot und seiner tatsächlichen Nutzung.

Das Problem liegt demnach nicht bei der Qualität der Hilfsangebote, sondern bei deren Zugänglichkeit. Die meisten Angebote folgen einer «Geh-hin-Logik»: Betroffene müssen selbst anrufen, einen Termin vereinbaren oder eine Beratungsstelle aufsuchen.

Gerade im Verlauf eines Burn-outs geht diese Handlungsfähigkeit jedoch zunehmend verloren. Hinzu kommen kulturelle Hürden. Begriffe wie Burn-out, Psychotherapie oder psychosoziale Beratung sind vielen Menschen in der bäuerlichen Lebenswelt fremd oder mit Vorbehalten verbunden.

Bei den Bewältigungsstrategien stehen laut der Untersuchung Gespräche im Umfeld zuoberst, an erster Stelle tauscht man sich mit dem Partner oder der Partnerin aus, auf dem zweiten und dritten Platz stehen die Familie und Kolleg(innen).(Bild: Quelle OST / Grafik Matthieu Induni, BauernZeitung)

Vertraute Personen sollen Warnsignale erkennen

Als Ergänzung zu bestehenden Angeboten schlagen die Forschenden deshalb eine «Kommt-auf-den-Hof-Logik» vor. Personen, die landwirtschaftliche Betriebe ohnehin regelmässig besuchen, könnten eine wichtige Rolle bei der Früherkennung übernehmen.

Dazu gehören etwa Tierärztinnen und Tierärzte, Besamungstechnikerinnen und Besamungstechniker, Betriebsberatende sowie Treuhänderinnen und Treuhänder. Werden sie für Belastungssignale sensibilisiert und entsprechend geschult, können sie betroffene Personen frühzeitig an geeignete Beratungsstellen weitervermitteln.

Dieser Ansatz setzt dort an, wo bereits eine Vertrauensbasis vorhanden ist. Für 83,7 Prozent der Befragten ist Vertrauen die wichtigste Eigenschaft eines Hilfsangebots. Ein landwirtschaftlicher Bezug und persönliche Lebenserfahrung werden dabei teilweise als wichtiger eingeschätzt als klinische Fachkompetenz.

Am liebsten nutzen die Befragten als Hilfskanal ein Beratungsgespräch direkt auf dem Betrieb.(Bild: Quelle OST / Grafik Matthieu Induni)

Peers begleiten auf Augenhöhe

Eine weitere wichtige Rolle könnten sogenannte Peers oder Genesungsbegleitende übernehmen. Dabei handelt es sich um Personen aus der Landwirtschaft, die selbst eine Burn-out-Erfahrung gemacht haben.

Sie können Betroffene auf Augenhöhe begleiten, Verständnis für die besondere Situation auf einem Landwirtschaftsbetrieb vermitteln und die Zeit zwischen einem ersten Hilfekontakt und einer professionellen Behandlung überbrücken. Diese Wartezeit kann mehrere Wochen betragen.

Schweizweites Netzwerk wird aufgebaut

Das Projekt «Burn-out-Prävention in der Landwirtschaft 2.0» setzt diesen Ansatz in den Jahren 2025 bis 2028 um. Durchgeführt wird es vom Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband und der Ostschweizer Fachhochschule.

Unterstützt wird das Vorhaben unter anderem vom Schweizer Bauernverband, von kantonalen Bauernverbänden, dem Maschinenring, Agridea, dem Bäuerlichen Sorgentelefon und der Fachstelle Hofkonflikt.

Auf der Grundlage einer überkantonalen Charta soll ein schweizweites Netzwerk aus Brückenpersonen, Peers und Beratungsorganisationen entstehen. Weitere Organisationen und Partner können sich dem Netzwerk anschliessen.

An der neuen Umfrage teilnehmen

Burn-out und Burn-out-Prävention in der Schweizer Landwirtschaft sind bisher nur wenig erforscht – obwohl Menschen in der Landwirtschaft überdurchschnittlich häufig betroffen sind.

Mit einer neuen schweizweiten Umfrage sollen Ursachen und Belastungen besser verstanden sowie Unterstützungsangebote gezielt aufgebaut und weiterentwickelt werden.

Gesucht werden möglichst viele Personen, die in der Schweizer Landwirtschaft tätig sind. Die Projektverantwortlichen rufen deshalb dazu auf, an der Umfrage teilzunehmen und sie im eigenen Umfeld weiterzuverbreiten.

Jetzt an der Umfrage teilnehmen und den Link teilen

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