An den Schlussfeiern wird gerne vom schönsten Beruf der Welt geredet. Sei es nun Landwirt/in oder Bäuerin. Gleichzeitig wird betont, dies sei mehr eine Berufung, denn ein Beruf. Das meinte auch LBV-Präsident Markus Kretz kürzlich im Rahmen der Feierlichkeiten am BBZN Schüpfheim. Er sprach aber auch Herausforderungen an. So erzählte er von einem Gespräch mit einer Bäuerin, die ihm mit Tränen in den Augen von einem schwierigen Sommer berichtete. Eine unangemeldete Tierschutzkontrolle sei nicht gut verlaufen, der Preisdruck bei Milch und Schweinen sei hart, der trockene Sommer mühsam. Und dann kam noch ein Todesfall im Umfeld dazu.
Generationenkonflikte sind ein Dauerbrenner
Auch das ist Landwirtschaft. Reden hilft in solchen Situationen und es braucht jemanden, der zuhört. Das bestätigt Fabienne Müller. Fabienne Müller heisst in Wirklichkeit anders, sie betreut das Sorgentelefon «Offeni Tür i de Not» für die Luzerner Landwirtschaft im Auftrag des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands (LBV) (siehe Kasten). Dabei bleibt sie im Hintergrund, das haben schon ihre Vorgängerinnen erfolgreich so gehandhabt.
Müller ist selbst Bäuerin und Mutter und weiss über das Hofleben Bescheid. Zwar betreut sie erst seit Anfang des Jahres das Angebot. Gehört hat sie in der Zeit schon einiges. Interessanterweise seien bei ihr weniger die aktuellen Sorgen wie Marktpreise oder Wetter Thema.
Sondern eher Dauerbrenner, dabei ganz zuoberst steht das Zusammenleben der Generationen auf dem Hof. Dies bestätigen auch Beraterinnen und Berater an den Bildungszentren. Die Landwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten gewaltige technische Fortschritte miterlebt und ist innovativ. Beim Thema Generationenkonflikte allerdings sei sie im «Mittelalter» stehen geblieben, sagt ein Berater, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Man wisse mittlerweile, dass das Modell mit mehreren Generationen, die auf engstem Raum arbeiten und wohnen, selten alle glücklich mache. Trotzdem werde der Fehler immer und immer wiederholt. Dabei könnte etwa ein Wegzug der älteren Generation – und seien es nur einige hundert Meter – so viel vereinfachen, meint der Berater.
Oft braucht es psychologische Hilfe
Fabienne Müller kommt aus dem Pflegebereich und hatte schon immer ein Gespür fürs Zuhören, Schlichten und Helfen. Die Nachfrage nach dem Angebot sei sehr unterschiedlich, erzählt sie. Es könne sein, dass das Telefon dreimal am Tag klingele, mit drei halbstündigen Gesprächen in der Folge, dann herrsche auch wieder mehrere Wochen Funkstille. Von diesem Phänomen habe ihre Vorgängerin schon berichtet, eine Erklärung dafür hätten beide nicht gefunden. Manchmal komme ein Anruf, wenn man meine, dass nun alle am Heuen seien. Es rufen mehr Männer als Frauen an und diese seien häufig zwischen 40 und 60. Das könnte damit zusammenhängen, dass Männer weniger ein soziales Netzwerk pflegen als Frauen, vermutet Müller.
Über viele Jahre angestaut
Meist müsse sie erst zuhören. Beim Gegenüber hätten sich Probleme manchmal über viele Jahre angestaut. Es sei eine Erleichterung, einer unabhängigen Person davon zu berichten. Wobei Müller nicht einfach abnickt. Sondern die Anrufer manchmal auch sanft auf den Boden der Tatsachen bringen muss, wenn diese offensichtlich falsch liegen. Einigen geht es nach einem ersten Gespräch bereits besser.
Andere werden weitergereicht. Etwa an Fachleute im psychologischen Therapiebereich oder bei fachlichen Problemen auch an den LBV, etwa in die Rechtsberatung oder die Begleitgruppe Tierschutz. Bei Tierschutzfällen gelte es, keine Zeit zu verlieren. Einige Gespräche dauerten über eine Stunde, andere rufen mehrmals an. Viele Anrufer seien sich bewusst, dass sie eher psychologische Hilfe bräuchten als eine klassisch landwirtschaftliche Fachberatung. Eine Familienberatung sei in vielen Fällen empfehlenswert. Vor allem, wenn sich die neue Person, oft die Schwiegertochter, in den alten Strukturen auf dem Hof nicht zurechtfindet. Oder auch wenn sich ein Familienmitglied minderwertig fühlt.
Anvertraute Geheimnisse bleiben bei ihr
Die Anrufer meldeten sich fast immer mit ihrem Namen und berichteten offen über ihre Probleme mit Hof und Familie. Wie verarbeitet Fabienne Müller die Geschichten? «Recht gut», sagt sie. Jedes ihr anvertraute Geheimnis bleibe auch bei ihr, am Familientisch sei ihre Arbeit kein Thema.
Belastend seien vor allem Themen rund um Suizid. Auch Sucht komme vor. Hier geht es vor allem um den Alkoholmissbrauch. Es sind meist alte Geschichten, die sich über Jahre aufgestaut haben. «Reden ist das A und O», sagt sie deshalb. Das wäre so einfach, findet Müller. Sei man doch heute offener als früher. Wer seine Sorgen über eine lange Zeit mit sich schleppt, sei häufig nur noch schwer wieder auf die positive Schiene zu bringen.
Ein Angebot in Luzern
«Offeni Tür i de Not» will Menschen in sozialer und/oder psychischer Not sowie bei physischer Überlastung und finanzieller Bedrängnis eine direkte und diskrete Anlaufstelle sein. So wird es auf der Webseite des LBV beschrieben. Das Projekt bietet Beratung und Begleitung für die bäuerliche Bevölkerung in allen Lebenssituationen. Die Anlaufstelle wird von erfahrenen Bäuerinnen betreut. «Sie sprechen die gleiche Sprache, können zuhören und haben ein erfahrenes und kompetentes Team im Hintergrund.» Die Betreuerinnen können bei Bedarf und auf ausdrücklichen Wunsch auf einen Psychotherapeuten, einen Rechtsanwalt und die landwirtschaftliche Beratung zurückgreifen.
Telefonisch unter Tel. 041 939 20 39 oder per E-Mail an offeni.tuer@luzernerbauern.ch können LBV-Mitglieder mit der «Offeni Tür i de Not» Kontakt aufnehmen.

