Dieser Tage rollt die vierte Hitzewelle des Jahres in der Schweiz an. Hohe Temperaturen, Wassermangel und Klimawandel beschäftigen Menschen und Medien. Nun veröffentlicht eine Gruppe von Personen, die teils mit Vornamen und Beruf, teils als «weitere Bäuer(innen) und Landwirt(innen)» auftreten, einen offenen Brief samt Petition auf Campax. «Schluss mit dem Schweigen, setzt euch für uns ein!», so die Forderung.
Nicht nur anpassen, sondern auch das Klima schützen
Der Brief ist an Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbandes (SBV), und den SBV-Vorstand adressiert. Während sich der SBV als Verband die letzten Wochen beharrlich zur historischen Trockenheit ausgeschwiegen habe, hätten sich einzelne Exponenten geäussert, heisst es in dem Schreiben. Gefordert würden aber nur kurzfristige Massnahmen wie eine Lockerung der RAUS-Bestimmungen, Senkung der Zölle auf Futtermittel und vereinfachte Bewilligungsverfahren für Wassersammelbecken.
Das ziele einzig auf die Abfederung der aktuellen Trockenheit ab, so die Kritik. Man unterstütze diese Forderungen grundsätzlich, da sie für einzelne Betriebe wichtig sein könnten. «Sie ignorieren jedoch die Tragweite und die menschengemachte Ursache der Klimakrise», heisst es in dem Schreiben weiter. Neben Massnahmen zur Anpassung brauche es daher dringend auch effektive Klimaschutzmassnahmen.
Engagement in den falschen Kampagnen
Der SBV habe sich aber in der Vergangenheit immer wieder dagegen ausgesprochen, die Dringlichkeit ignoriert, den Autobahnausbau befürwortet und mit den Wirtschaftsverbänden jede umwelt- und klimapolitische Vorlage bekämpft. Gleichzeitig kritisieren die Absender des offenen Briefes, der SBV engagiere sich in landwirtschaftsfernen Abstimmungskampagnen, etwa zur Prämien-Entlastungs-Initiative oder gegen die 13. AHV-Rente. «Es drängt sich uns immer wieder der Verdacht auf: Unser Berufsverband vertritt uns nicht mehr», so das Fazit.
Nicht mehr in der Lage, den Verfassungsauftrag zu erfüllen
Das mache wütend und frustriert, heisst es weiter. «Wir pflegen bei über 35 Grad den ganzen Tag draussen unsere Kulturen und setzen uns der Gefahr von Sonnenstich, Hitzeschlag, Kreislaufkollaps und Hautkrebs aus.» Im Brief wird weiter beschrieben, wie Tiere wegen Futtermangels notgeschlachtet werden müssten oder durch Hitzestress krank würden. Ernteausfälle, Hitze und Wassermangel erhöhten den wirtschaftlichen Druck. «Und schlussendlich sehen wir uns nicht mehr in der Lage, unseren verfassungsmässigen Auftrag der Lebensmittelproduktion und des Ressourcenschutzes wahrzunehmen.»
Was es aus Sicht der Absender braucht, sind angemessene Rahmenbedingungen. Daher fordere man den SBV dazu auf, «uns und die Schweizer Landwirtschaft wieder effektiv zu vertreten und für einen wirksamen und nachhaltigen Klimawandel einzustehen.»
Der SBV wehrt sich: «Der Vorwurf ist falsch»
Der SBV hat den Brief erhalten und werde ihn beantworten, sagt Sprecherin Sandra Helfenstein auf Anfrage. Und weiter: «Was wir sicher schon sagen können, ist, dass der Vorwurf, der SBV setze sich nicht für den Klimaschutz ein, falsch ist.» Helfenstein erinnert an die Ja-Parole bei der Abstimmung über das CO2-Gesetz, bei der es um die Reduktion der Treibhausgasemissionen zur Erfüllung des Pariser Klimaabkommens ging.
«Befremdlich», dass ein klarer Absender fehlt
Helfenstein lässt Zweifel über die Absender des Schreibens und der Petition anklingen. «Was wir beim Durchsehen der Namen und Postleitzahlen festgestellt haben: Da dürfte es einige Namen darunter haben, die keine Bäuerinnen und Bauern sind», erklärt sie. Diese Personen würden demnach nicht «bei 35 Grad auf den Feldern schuften», so Helfenstein. Vielleicht wüssten die Betroffenen nicht einmal, dass sie als «Bäuerinnen und Bauern» ausgegeben werden. Entsprechend findet es die SBV-Sprecherin befremdlich, dass der Brief keinen klaren Absender hat. «Es gibt also offenbar niemanden, der offiziell dahintersteht, respektive dazu steht», schlussfolgert sie. Die Landwirt(innen) und Bäuerinnen, die Mitglied beim SBV seien, könnten sich zudem direkt und demokratisch im Verband einbringen. «Sie müssen uns keine offenen Briefe schreiben», schliesst Sandra Helfenstein.

