Als Jüngster von zehn Kindern auf einem Kleinbauernhof wurde mir vieles vorenthalten, was für meine älteren Geschwister selbstverständlich war. So durfte ich lange Zeit nicht dabei sein, wenn eine Kuh kalbte.

Eines Tages aber, mitten in der Heuernte, war es so weit. Viel Heu war einzubringen, alle Arbeitskräfte wurden gebraucht und gerade jetzt war noch eine von unsern fünf Kühen am Kalben. Kurzerhand bestimmte mein Vater: «Du bleibst daheim und wachst im Stall.» «Wenn d Wasserblatere gange isch, chonsch go rüefe», sagte er.

Das Loch anstarren

«Wenn d Wasserblatere gange isch?» Was sollte ich mit dieser Aussage anfangen? In unserem Stall war im hinteren Teil ein grosses rundes Loch in der Decke, wo mit einem Rohr der Stalldampf zum Dach hinaus geleitet wurde. Darunter lag immer ein grosser Strohhaufen zum täglichen Einstreuen. Meine älteren Brüder hatten mir erklärt, dass von dort oben die Kälbchen auf die Welt kämen.

So ging ich also auf Vaters Geheiss in den Stall. Kontrollierte zur Vorsicht noch den Wasserhahn, setzte mich wachsam auf das Stallbänklein und starrte auf das grosse, runde Loch in der Stalldecke. Erst als sich weiter vorn im Stall eine Kuh mit einem dumpfen Muh meldete, und ich sah, wie ein nasses, langbeiniges Wesen sich bemühte, auf die Beine zu kommen, ging mir das nötige Licht auf. Ein Vorteil hatte diese abrupte Aufklärung für mich: Von Stund an glaubte ich nicht mehr alles, was mir erzählt wurde.

Was der Stier kann

In dieser Zeit hatte jede Gemeinde einen Stier auf einem Bauernhof zu halten, der zum Decken aller Kühe bestimmt war. So wanderte eines Abends ein älterer Knabe zum Dorf hinaus mit einer brünstigen Kuh am Seil und begegnete dem Dorfpfarrer. «So Hans, wohere wottsch met dinere Chue», fragte der Pfarrer. «Zom Stier», antwortete Hans. Der Pfarrer dachte sich, wie kann man auch eine so delikate Aufgabe einem unschuldigen Buben übertragen und sagte daher: «Cha das ned din Vater mache?» «Nenei», erklärte Hans entschieden. «Das cha nor de Stier!»

Einige Zeit später kam die künstliche Besamung auf. In jenen Tagen bestellte ein Bauer den Besamer per Telefon, weil die dritthinterste Kuh brünstig war. Sorgsam stellte er ein Becken mit sauberem Wasser auf das Stallbänklein, ein sauberes Handtuch und Seife daneben. Dazu ein Couvert mit dem nötigen Geld.

Sprachliche  Fallstricke

Er entschuldige sich wegen dringender Feldarbeit, erklärte er auf einem beigelegten Blatt, und schrieb dazu: «Bitte dritte Kuh von hinten besamen.» Als er zum Mittagessen heimkam, sah er, dass der Besamer da gewesen war, er hatte auf dem beiliegenden Blatt geschrieben: «Bei uns werden alle Kühe von hinten besamt.»

Eine Bäuerin hatte beim Frühstück gehört, wie ihr Mann den Besamer per Telefon bestellt hatte. Also ging sie nach dem Anruf mit ihm hinaus in den Stall, legte einen alten Teppich auf den Boden, schlug zwei Nägel in die Wand und hängte an den einen ein sauberes Handtuch. Als der Bauer kopfschüttelnd fragte, was es damit auf sich habe, mit dem Teppich und den Nägeln in der Wand, sagte seine Frau: «Ja irgendwo wird der Besamer wohl seine Hosen aufhängen.»

Toni Merki ist pensionierter Landwirt, liest jede Woche die BauernZeitung von A bis Z und schreibt gerne über sein Leben.