Plus

«Als junge Frau werde ich einfach weniger ernst genommen», sagt die angehende Betriebsleiterin Rahel Häfliger

Nach ihrer Erstausbildung zur Hotelfachfrau entschied sich die Walliserin doch noch, den Betrieb ihres Vaters in Visp zu übernehmen. Eigentlich wollte sie das schon als Kind – im Weg standen ihr gesellschaftliche Vorurteile.

Ragusa weitet die Nasenlöcher und schnuppert an der Hand von Rahel Häfliger. Mit grossen Kulleraugen blickt sie die angehende Betriebsleiterin an. Diese tätschelt ihr den Hals. Die Holsteinkuh Ragusa ist nicht nach dem Schoggistängeli, sondern nach der sizilianischen Gemeinde in Italien benannt. «All unsere Kühe tragen den Namen von Destinationen», sagt die 23-Jährige und zeigt auf eine Gruppe Kühe: «Das ist Lampedusa und dort steht Formosa.» 

Schon in der vierten Klasse schrieb Häfliger in das Freundschaftsbuch eines Klassenkameraden, dass sie irgendwann den Betrieb ihres Vaters in Visp VS übernehmen möchte. «Dass ich Landwirtin werden will, war mir schon immer klar.» Doch als sie ihren Wunsch in der ersten Sekundarstufe, als es um die beruflichen Zukunftspläne ging, zum ersten Mal äusserte, wurde sie den Rest des Schuljahres von ihren Klassenkamerad(innen) damit aufgezogen.

«Es braucht eine eigene Stimme für Betriebsleiterinnen»
(Bild: )

Die Visper Landwirtschaft ist weiblich 

«Ich bin als Bauernhofkind einiges gewohnt. Schon von klein auf war: ‹Ih du stinksch›, kein seltener Kommentar.» Entgeistert entschied sich Rahel Häfliger zur Lehre als Hotelfachfrau. Nahtlos hängte sie die zweijährige Lehre zur Landwirtin an – nun auf dem Weg zur Berufsprüfung. Wenn sie den Gutsbetrieb Häfliger 2030 übernimmt, wird sie zu den 7 % der weiblichen Betriebsleiter gehören. Die restlichen 93 % der Schweizer Betriebe werden von Männern geführt.  

Hier in der Umgebung sieht die Situation aber anders aus: Die Landwirtschaft in Visp ist weiblich – die Mehrheit der Betriebe wird von Frauen geführt. Auch das Landwirtschaftliche Zentrum liegt mit Astrid Schmid als Betriebsleiterin und Karin Oesch als Direktorin in Frauenhänden. «Das macht mich unglaublich stolz und zeigt, dass wir genau das Gleiche können wie Männer», kommentiert Rahel Häfliger. 

Die Tochter als Nachfolgerin 

Ihr Umfeld habe sich über ihre Entscheidung gefreut, sagt Rahel Häfliger. «Mein Vater war baff. Bei drei Töchtern rechnete er nicht unbedingt damit, dass eine von uns den Hof übernehmen würde. Er machte uns auch nie Druck.»  

Im Stall haben 200 Mastsauen Platz – wegen der Preise haben Häfligers aber nur 70 eingestallt.(Bild: Geraldine Wälchli)

Auch ihr Partner sei positiv eingestellt. Er sei Besamer und habe selbst einen Betrieb im Nebenerwerb. «Bei jemandem aus der Landwirtschaft ist das Verständnis einfach grösser», erzählt Häfliger. Und zu ihren Zukunftsplänen gehören auch Kinder. «Dann werden mich mein Partner und meine Eltern auf jeden Fall unterstützen.» 

Rahel Häfliger schlendert durch den Anbindestall und schiebt mit dem Stiefel das Heu auf die Seite. Ihr Vater, Franz Häfliger, baute diesen vor 37 Jahren selbst. Er hat Platz für 30 Milchkühe. Daneben steht ein Stall für 200 Mastsauen. «Bei diesen Preisen haben wir aber nur 70 eingestallt», erzählt sie.

Der Betrieb von Familie Häfliger umfasst 50 Hektaren an zwei Standorten. Rahel Häfliger und ihr Vater betreiben Ackerbau mit Kartoffeln und Mais. Die Milch fliesst in die Augstbordkäserei in Turtmann VS und wird zu AOP-Raclettekäse verarbeitet. Kartoffeln, Fleisch und den Rest der Milch vermarkten Häfligers direkt. 

Neue Generation mit eigenen Ideen 

Bis sie den Betrieb übernimmt, ist Rahel Häfliger bei ihrem Vater angestellt. Und die Aufgabenteilung ist ganz klar: Sie kümmert sich um die Tiere und ihr Vater konzentriert sich auf den Ackerbau. Konflikte gebe es nicht viele, und wenn, dann würden sie diese gleich miteinander klären. «Arbeitet man mit der Familie auf dem Hof, darf man nicht nachtragend sein.» 

Sie schliesst die Türe des Anbindestalls. Er gehört zu ihrem ersten konkreten Zukunftsplan. «Ich wollte schon immer einen Laufstall.» Dieser ist momentan in der Planung. Die Bauherrschaft haben beide inne. «Mein Vater lässt mir freie Hand, wie ich den Betrieb in Zukunft gestalten will. Da bin ich unglaublich froh.»‌

So kommen die Kühe zu ihren Namen 

1989 baute Rahel Häfligers Vater den Betrieb und stellte seine Eltern an – mit Rahel Häfliger leben alle drei Generationen auf dem Betrieb zusammen. Er bildet das Nest der Familie. Wie Zugvögel fliegen sie regelmässig aus – das Reisen liegt in ihrer DNA. Nach der Lehre fuhr Vater Franz Häfliger für eine Reiseagentur Car und steckte damit später die gesamte Familie mit dem Reisefieber an. 

Die Familie hält ihre Reisen mit Stecknadeln fest. Jedes Familienmitglied hat eine eigene Farbe.(Bild: Geraldine Wälchli)

Rahel Häfligers Mutter ist Reiseleiterin, ihre Schwester, die 29-jährige Michèle, arbeitet auf der Schweizer Botschaft in Bischkek in Kirgisistan, und auch die 27-jährige Sara, Lehrerin in Ried-Brig, sieht gerne die Welt. «Wir reisen alle gerne», sagt Rahel Häfliger. Als Souvenirs bringen die Familienmitglieder Ideen für Viehnamen mit nach Hause. Zuoberst auf Rahel Häfligers «Bucketlist» stehen Asien und Afrika. 

«Wir wechseln uns immer ab, wenn jemand reisen geht», erzählt sie. Um den Kopf im Alltag abzuschalten, schwingt sie sich auf den Pferderücken, spielt Trompete in der Musikgesellschaft Visp oder flitzt im Winter auf den Ski die Berge runter.  

«Man traut mir weniger zu» 

Sich im landwirtschaftlichen Milieu zu etablieren, war für Rahel Häfliger aber nicht ganz einfach: «Als junge Frau werde ich einfach weniger ernst genommen», sagt sie. Ihre Erstausbildung als Hotelfachfrau helfe ihr da keinesfalls. «Man traut mir weniger zu. Ich werde von anderen Landwirten weniger nach Hilfe gefragt und auch die Mitarbeitenden hören eher auf meinen Vater. Frauen müssen sich viel mehr beweisen.» 

Bewiesen habe sie sich vor drei Jahren. «Meine Eltern waren auf dem Rückweg von den Ferien. Ich war mit unserem Mitarbeiter und meiner Grossmutter alleine. Der Heustock geriet in Brand.» Glücklicherweise entdeckte Rahel Häfliger den Brand schnell und alarmierte umgehend die Feuerwehr. «Die Nachbarsbetriebe halfen, wo sie konnten. Sie lobten mich für meine ruhige Art.» Dank ihrer schnellen Reaktion war der Stall 24 Stunden später wieder bezugsbereit. 

Was sie ihrem jüngeren Ich gerne weitergeben würde? «Zieh dein Ding durch. Egal, was andere sagen, mach, was du willst.» Ob sie den Umweg über die Hotelfachschule bereue? «Nein, das war eine Lebensschule. Und vielleicht kombiniere ich das Ganze und baue den Schweinestall in eine Pension um. Agrotourismus wäre spannend», findet sie. Das sei aber teuer und aufwendig. Häfliger lacht und fügt an: «Zuerst gibt es den Laufstall für die Kühe. Und dann vielleicht einen Hofladen.» 

Auf dem Rücken der zehnjährigen Freibergerstute Haya schaltet Rahel Häfliger ihren Kopf ab.(Bild: Geraldine Wälchli)