Achterbahn der Emotionen: So wurde Michael Ledermann zum Helden

Sieg gegen den Titelverteidiger, ein Verzicht aus reiner Ehrlichkeit, eine schwere Verletzung und ein Dankesgruss aus dem Spitalbett: Der Kilchberger Schwinget 2026 zeigt den Berner Landwirt von seiner eindrücklichsten Seite.

Ein Tag wie ein Rausch, gefolgt von einem Tag wie ein Absturz. Am Samstag, 5. September, steht Michael Ledermann im Sägemehl von Kilchberg ZH und liefert den vielleicht eindrücklichsten Auftritt seiner Karriere: Er bodigt den Titelverteidiger, verzichtet aus reiner Ehrlichkeit auf einen Sieg – und liegt Stunden später verletzt im Ring.

Am Sonntag meldet er sich aus dem Spitalbett, frisch operiert, mit einer kompletten Ruptur der Hamstrings – einem vollständigen Riss der Muskelsehnen an der Oberschenkelrückseite. «Eine Achterbahn der Emotionen», nennt der 25-jährige Berner Landwirt diesen Tag auf Social Media. Und genau das ist er: ein Tag, der zeigt, wer Michael Ledermann ist, weit über den Schwingsport hinaus.

Ein Fest der Gegensätze

Der Kilchberger Schwinget gilt als einer der Höhepunkte der Saison, und Michael Ledermann sorgte 2026 gleich mehrfach für Gesprächsstoff.

Bereits vor der Mittagspause bodigte er den Titelverteidiger Samuel Giger – ein Resultat, das aufhorchen liess, weil Giger den Tag am Ende doch noch als Sieger beenden sollte. Nach einem gestellten Gang gegen Martin Roth folgte im fünften Umgang der eigentliche Höhepunkt des Tages, allerdings nicht wegen eines Sieges, sondern wegen eines Verzichts darauf: Ledermann hatte seinen Kontrahenten Nick Alpiger soeben auf den Rücken gelegt, ging dann aber selbst zum Kampfrichtertisch und korrigierte die Wertung zu seinen eigenen Ungunsten. Er habe im entscheidenden Moment keinen Griff mehr an Alpigers Schwinghose gehabt, erklärte er den überraschten Kampfrichtern – eine Ehrlichkeit, die selbst Kampfrichter-Chef Peter Ackermann so noch nicht erlebt hatte, wie er gegenüber «Blick» äusserte.

Praktische Konsequenzen hatte der Verzicht kaum noch – Ledermann war nach einem Gestellten im vierten Gang gegen Martin Roth ohnehin schon aus dem Rennen um den Schlussgang. Umso schwerer wiegt, dass er trotzdem auf einen Sieg verzichtete, den ihm niemand madig gemacht hätte.

Im sechsten und letzten Gang gegen Mario Schneider verletzte er sich schliesslich schwer und musste, gestützt von seinen Schwingerkollegen, den Ring verlassen. «Ich spüre etwas am hinteren Oberschenkel», sagte er noch am Fest, bevor sich zeigte, wie ernst die Verletzung tatsächlich war. Die Diagnose folgte am Wochenende: eine komplette Hamstring-Ruptur, verbunden mit einer Operation und einer monatelangen Pause.

Was die Geste über den Menschen sagt

Wer Michael Ledermann in den vergangenen Jahren verfolgt hat, den überrascht die Fairplay-Aktion vom Kilchberger kaum. Der Landwirt aus Mamishaus bei Schwarzenburg BE gilt als Unikum im Sägemehl: Sein Schwingstil ist unkonventionell, seine Auftritte sind unberechenbar, und wiederholt hat er betont, sich lieber auf seinen Instinkt zu verlassen als auf starre Taktik.

Diese Offenheit, auch gegenüber dem eigenen Scheitern, zieht sich durch seine ganze Geschichte: Als Jugendlicher war er zunächst zu schwach für den Spitzensport. Während seiner Landwirtschaftslehre wechselte er für drei Jahre in die Romandie und schwang dort für den Südwestschweizer Verband, bevor er in die Berner Spitze zurückkehrte. Heute gehört er mit 40 Kränzen, davon 12 Bergkränze, und dem Status als Eidgenosse zur festen Grösse im Bernisch-Kantonalen Schwingerverband.

Dass ausgerechnet ihn nach einer derart integren Aktion das Verletzungspech ereilte, gibt der Geschichte vom Kilchberger etwas fast Symbolisches: Wer im Schwingsport auf den eigenen Vorteil verzichtet, wird nicht automatisch belohnt. Der Sport, schreibt Ledermann selbst, könne einem sehr viel nehmen – und trotzdem überwiege am Ende, was er einem gebe.

Botschafter für die junge Generation

Neben dem Sägemehl engagiert sich Michael Ledermann als Markenbotschafter für IP-Suisse, unter anderem beim BauernZeitung-Wettbewerb «Lernende des Jahres». An der diesjährigen Preisverleihung in Allmendingen bei Bern sprach er mit den Finalistinnen und Finalisten über Berufsfreude und Durchhaltewillen: Wer seine Arbeit gerne mache, bringe automatisch alles unter einen Hut, sagte er dort den jungen Berufsleuten.

Es ist eine Botschaft, die zu seiner eigenen Biografie passt: gelernter Landwirt, mittlerweile auch Agro-Techniker HF, stellvertretender Agrarleiter bei der Landi Schwarzenburg – Ledermann verbindet landwirtschaftlichen Alltag und Spitzensport seit Jahren, ohne das eine dem anderen unterzuordnen.

Der Landwirt und Agrotechniker gefällt mit einem fulminanten Schwingstil. Sein Unfall in Zürich geht einher mit dem Saisonende im Schwingsport. (Bild: Pia Neuenschwander)

Genau diese Doppelrolle macht ihn für die Landwirtschaft zu einer glaubwürdigen Stimme. Wenn ein Eidgenosse mit Bauernhof-Hintergrund jungen Berufsleuten sagt, dass sich Einsatz und Leidenschaft auszahlen, hat das ein anderes Gewicht, als wenn dieselbe Botschaft aus der Werbeabteilung kommt.

Der Blick nach vorne

In seiner Mitteilung aus dem Spital dankt Michael Ledermann seinen Sponsoren, die auch in verletzungsbedingten Zeiten hinter ihm stünden, sowie Familie und Freunden. Nach der erfolgreichen Operation liege der Fokus nun auf der Genesung. Die Leistung, die er trotz allem am Kilchberger gezeigt habe, mache es ihm leichter, nach vorne zu schauen, schreibt er – und gratuliert dem verdienten Sieger Samuel Giger, den er selbst Stunden zuvor noch bodigen konnte.

Wie lange die Pause tatsächlich dauert, ist offen. Für die Schwingerfamilie und für die Landwirtschaft, die in Ledermann einen ihrer authentischsten Vertreter hat, bleibt vorerst nur, ihm gute Besserung zu wünschen – und daran zu erinnern, dass echte Fairness manchmal genau dort sichtbar wird, wo sie am meisten kostet.

Hey Lädi, ganz gute Besserung. Wir sind tief beeindruckt von deiner Aktion und wünschen dir von ganzem Herzen gute Besserung!
Deine Fans von der BauernZeitung

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