ABO

Was einer Bäuerin nach dem Verlust ihres Sohnes durch einen Forstunfall Halt gibt

Konkrete Hilfe statt gut gemeinter Floskeln, die Arbeit mit Pferden und der Austausch im Trauerkaffee: So fand Käthi L. zurück in den Alltag.

Eine unvorhersehbare, ungewöhnlich starke Windböe, an jenem, ansonsten windstillen Morgen. Sie fällte eine bereits vorbereitete Tanne früher als erwartet. Der Baum erschlug Patrick L. (✝29, vollständiger Name der Redaktion bekannt), der an einem anderen Baum arbeitete. Sein Vater und sein Bruder mussten das Unglück hilflos mitansehen.

Käthi L. (59, vollständiger Name der Redaktion bekannt) wartete derweil zu Hause in der Bauernküche mit dem Mittagessen. Je länger sich die Männer verspätet hatten, desto unruhiger wurde sie. Als es an der Tür läutete, hoffte sie inständig, es sei der Pöstler. Doch obwohl sie bereits eine Vorahnung hatte, standen zwei Polizisten vor der Tür. Sie baten sie, sich zu setzen.

Die Welt bricht zusammen

«Ich fragte: Ist es schlimm oder ganz schlimm?», erinnert sie die Bäuerin. «Ganz schlimm», lautete die Antwort. Ihre nächste Frage war: «Welcher ist es?» In diesem Moment brach ihre Welt zusammen. Schock, Wut und die unfassbare Realität trafen sie mit voller Wucht. Die ersten Stunden nach der Nachricht verbrachte sie wie betäubt. Sie durfte ihren jüngsten Sohn noch einmal sehen. Man hatte ihn an den Waldrand getragen, wo sie ihn berühren und streicheln konnte. Dies war ein erster Schritt auf dem langen Weg des Begreifens, Loslassens und Abschiednehmens.

Die Familie wurde verständigt und zusammen mit Patricks Freundin versammelten sie sich gemeinsam mit dem Care-Team in der Bauernstube. Käthi L. erinnert sich, wie sie völlig aufgewühlt versuchte, alle zu bewirten und dafür zu sorgen, dass es niemandem an etwas fehlte. Sie musste beschäftigt sein, musste etwas tun.

Hilfe leisten – aber richtig

Oft hörte Käthi L. damals den Satz: «Melde dich, wenn du Hilfe brauchst.» Das Care-Team intervenierte sofort: «Sagt nicht, dass ihr helfen wollt. Sagt konkret, was ihr übernehmt. Bringt Essen vorbei, erledigt den Stalldienst oder begleitet jemanden auf einen Spaziergang.» Die folgende Zeit war geprägt von Entscheidungen, die keine Mutter je treffen möchte. Die Beisetzung musste geplant werden. «Wenn du entscheiden musst, ob dein Kind verbrannt oder begraben wird», erzählt sie unter Tränen, «dann ist das kaum auszuhalten.»

Warum konnte dieser Baum nicht einen Meter weiter links oder rechts fallen?

Immer wieder verspürte Käthi L. Wut über das Unfassbare.

Und immer wieder war da die Wut. «Warum konnte dieser Baum nicht einen Meter weiter links oder rechts fallen? Warum musste es einen so jungen Menschen treffen?»

Was hilft, ist individuell

Auch gut gemeinte Worte halfen oft nicht. Sätze wie «Es war seine Bestimmung» oder «Alles ist vorhergesehen» machten sie nur noch wütender. Eine Kollegin brachte sogar einen Trauerhund vorbei. «Vielleicht hätte das jemand anderem geholfen oder zu einem späteren Zeitpunkt. Aber in diesem Moment war einfach alles zu viel.» Trost spendete dagegen die Beerdigung. Der Pfarrer und die Familie gestalteten einen würdevollen und berührenden Abschied mit Lieblingsmusik von Patrick L. und liebevoller Blumendekoration.

Nach der Beisetzung warteten weitere schmerzhafte Aufgaben. Das Auto und der Töff mussten verkauft, die Wohnung geräumt werden. Jeder Gegenstand, jede Erinnerung machte deutlich, dass der Sohn nicht mehr zurückkommen würde.

Auch dank der Betreuung der Enkelkinder fand Käthi L. zurück in den Alltag. (Bild: Privat)

Alltägliche Arbeiten geben Halt

«Eines Morgens konnte und wollte ich nicht mehr aufstehen», erinnert sich Käthi L. «Alles war zu viel: das Leben, der Schmerz, die Trauer.» In diesem Moment hatte sie plötzlich das Gefühl, als würde Patrick ihr zurufen: «Mueti, du musst aufstehen.» Mit der Zeit fand die Familie langsam wieder in einen Alltag zurück. Die Arbeit mit den Pferden, der Garten, die Betreuung der Grosskinder und des Lehrlings – all diese Aufgaben geben Halt und Struktur. «Kreativ sein, basteln und dabei an Pädi denken hilft mir, oder mit einem Blüemli sein Grab besuchen. Ich nehme mir gelegentlich Zeit für einen Besuch im Trauerkaffee Oftringen AG, wo ich Menschen mit ähnlichen Schicksalen treffe.»

«Was ich vor allem am Anfang überhaupt nicht ertragen konnte, war das Alleinsein. Die Ruhe. Dann kreisten die Gedanken, und die Wut kam wieder hoch.» Die Trauer, sagt sie, komme in Wellen. Noch immer sieht sie seinen letzten Besuch bei der Pferdebox vor sich – an jenem verhängnisvollen Tag. Und wie er anschliessend in seinem typischen «Pädi-Schritt» davonging. «Am Sonntag vor dem Unfall feierten wir meinen Geburtstag. Ich weiss noch, wie ich ihm einen Kuss auf seinen Bart drückte», erzählt Käthi L. Geburtstage, Weihnachten, der erste Schnee – all die Erlebnisse, die früher selbstverständlich gemeinsam erlebt wurden, müssen nun ohne Patrick stattfinden.

Weine oder sprich Worte – mehr kannst du nicht tun.

Sprüche wie dieser von Erich Fried halfen Käthi L. in der Trauerarbeit.

Käthi begann, schöne Sprüche und Gedanken zu sammeln, schrieb Tagebuch und suchte nach Antworten. Sie hörte Vorträge und schaute Videos von Menschen, die ähnliche Schicksalsschläge erlebt hatten. Sie las Bücher von Autoren wie Pascal Voggenhuber oder Elisabeth Kübler-Ross. «Ich wollte wissen, wie das mit dem Sterben ist», sagt sie. «Ich hoffte, durch dieses Wissen meinen Schmerz lindern zu können.»

Nach vorn blicken, statt zurück

Doch eines Tages änderte sich etwas. «Plötzlich wollte ich nichts mehr wissen. Weder von Menschen, die mit Verstorbenen sprechen können, noch von Sterbeforschern.» Stattdessen zog es Käthi L. hinaus in den Garten. In der Mittagspause hört sie heute lieber schöne Musik. «Ich habe den Wunsch, mich nicht herunterziehen zu lassen. Ich will weiterleben. Patrick ist für immer ein Teil von mir und in meinem Herzen.» Dann lächelt sie und erzählt: «Kurz nach seinem Tod, auf dem Feld beim Heuen, hat mich ein Schmetterling gestreift. Ich weiss, das war ein Zeichen von ihm. Wir bleiben immerwährend verbunden.»

Weiterlesen

  • Hansruedi Schelbert setzt bei seinem Güllenfass auf tiefen Schwerpunkt, wenig Gewicht und eine Zentrifugalpumpe.

    Leicht, wendig und verschleissarm: Dieses Güllefass passt für steile Hänge

    Während Güllefässer für den Einsatz auf der Fläche immer grösser werden, geht Hansruedi Schelbert im Berggebiet bewusst den anderen Weg: mit 3500 Litern und wenig Gewicht.
    Show more
  • Gewinnen Sie zwei Tickets für die OLMA 2026!

  • Akupressur bei Mensch und Tier: Bäuerin aus Weissbad setzt auf Ursachenforschung

    ABO