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Pflege der Eltern auf dem Hof: Früh planen, bevor die Familie überfordert ist

Ein nächtlicher Sturz zeigt, warum Familien Wohnsituation, Notruf und Spitex rechtzeitig besprechen sollten, damit die Betreuung betagter Eltern nicht alle Kräfte aufzehrt.

Manche Aufgaben begleiten einen ein Leben lang. Für Heidi Brunner (Jg. 1955) gehört das Sorgen für andere Menschen dazu. Als älteste Tochter einer Bauernfamilie erlebte sie schon als Kind, wie selbstverständlich die Grossmutter auf dem Hof bis zu ihrem Tod betreut wurde. Damals stellte niemand die Frage, wer diese Arbeit übernimmt – sie gehörte einfach zum Familienalltag.

Auch später blieb Care-Arbeit ein Teil ihres Lebens. Die Bäuerin pflegte während vieler Jahre ihren asthmakranken Schwiegervater zu Hause, zog gleichzeitig sechs Kinder gross und engagierte sich neben Haus und Hof zusätzlich in verschiedenen Vereinen und Ämtern. Seit 12 Jahren arbeitet Heidi Brunner als Sigristin in der reformierten Kirche Gränichen AG, weil sie den Kontakt ausserhalb des Hofes ins Dorf schätzt und benötigt.

Der Wunsch, auf dem Hof zu bleiben

Heute steht Heidi Brunner vor einer Herausforderung, die viele Menschen kennen: der Betreuung der eigenen Eltern. Nach einem mehrwöchigen Spitalaufenthalt wollten diese um jeden Preis in ihr Zuhause zurückkehren – auf den abgelegenen Hof, auf dem sie jahrzehntelang gelebt und gearbeitet hatten.

Besonders die Mutter hatte ihr Leben fast ausschliesslich im häuslichen Umfeld verbracht. Autofahren hat sie nie gelernt, Ferien waren während der Jahre mit Kindern und Tieren kaum möglich. Durch ihre zurückgezogene Lebensweise war sie fast menschenscheu geworden.

Gemeinsam mit ihren Geschwistern versuchte Heidi Brunner, den Eltern den Wunsch nach einem Leben zu Hause zu erfüllen. Die Familie organisierte Unterstützung, koordinierte Einsätze und übernahm viele Aufgaben selbst. Doch mit der Zeit zeigte sich, wie schwierig eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung tatsächlich ist.

Notrufknopf am Körper tragen

Der Wendepunkt kam nach einem nächtlichen Sturz. Der Vater fiel, die Mutter suchte den Notfallknopf und stürzte ebenfalls. Obwohl beide Hilfe benötigten, konnte niemand rechtzeitig alarmiert werden. Dabei hatte die Familie immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig es wäre, den Notrufknopf am Körper zu tragen oder nachts griffbereit auf dem Nachttisch zu deponieren. Gefunden wurde der Knopf später neben dem Telefon – an seinem gewohnten Platz, auf dem er tagsüber lag.

Für die Kinder war dieses Erlebnis ein Schock. Die Sorge um die Eltern liess sie nachts kaum noch schlafen. Schliesslich empfahlen sowohl die Spitex als auch der Hausarzt, einen Pflegeplatz zu suchen. Die Entscheidung fiel niemandem leicht. Als Heidi Brunner und ihre Schwestern die Eltern ins Pflegeheim brachten, flossen Tränen.

Schuldgefühle der erwachsenen Kinder

Auf die Frage einer Pflegefachfrau, ob der Arzt oder die Spitex zu diesem Schritt geraten hätten, antwortete die Mutter: «Nein, unsere Kinder wollten das so haben.» Ein Satz, der schmerzt. Denn die Geschwister hatten nicht aus Bequemlichkeit gehandelt. Sie waren an ihre Grenzen gelangt. Die Verantwortung für eine 24-Stunden-Betreuung über längere Zeit zu tragen, war neben Familie, Beruf und den eigenen Verpflichtungen nicht mehr möglich. Trotzdem bleibt das Gefühl zurück, die Eltern enttäuscht zu haben.

Hinzu kommt eine weitere Belastung, die viele Angehörige kennen: Eltern akzeptieren ihre Hilfsbedürftigkeit oft nur schwer. Ein Leben lang haben sie gearbeitet, Verantwortung übernommen und für andere gesorgt. Nun sind sie auf Unterstützung angewiesen. Für die Kinder wiederum ist es schmerzhaft zu erleben, dass die Eltern nicht erkennen können, wie sehr die Situation auch ihre Kräfte beansprucht.

Das ist wichtig

Aus ihrer Erfahrung zieht Heidi Brunner eine wichtige Erkenntnis: Care-Arbeit braucht nicht nur Liebe und Einsatzbereitschaft, sondern auch Planung. Familien sollten frühzeitig darüber sprechen, welche Unterstützung sie im Alter wünschen und welche Hilfe von aussen möglich ist.

Dazu gehören Überlegungen zur Wohnsituation, zu Hilfsmitteln oder zu alternativen Betreuungsformen. Solche Entscheidungen lassen sich nicht erst dann treffen, wenn eine Krise eintritt.

Trotz aller Schwierigkeiten hofft Heidi, dass ihr Vater mit der Zeit auch die Vorteile der neuen Situation erkennen kann. Denn die Mutter ist in der Zwischenzeit verstorben. Gegenwärtig sei es für alle Beteiligten schwer, sagt sie. Doch vielleicht werden eines Tages die Erleichterung und die Gewissheit überwiegen, dass der Vater sicher betreut ist und die Verantwortung nicht mehr allein auf den Schultern der Familie lastet.

Fragen klären, nicht verdrängen

Die intensiven Gespräche und gemeinsamen Entscheidungen haben die Geschwister enger zusammengeschweisst. Gemeinsam setzen sie sich mit Fragen auseinander, die früher oft verdrängt wurden.

«Die Pflege und Betreuung von Angehörigen kann eine wertvolle Aufgabe sein», sagt Heidi Brunner. Damit sie nicht zur Überforderung wird, braucht es jedoch Verständnis, gegenseitige Rücksichtnahme und eine gute Organisation. Denn die Sorge füreinander endet nicht mit dem Erwachsenwerden der Kinder.

Für viele Menschen schliesst sich einmal ein Kreis: Wer einst betreut wurde, übernimmt später selbst Verantwortung. Care-Arbeit hört nie ganz auf – sie gehört zu unserem Leben. Umso wichtiger ist es, dass sie gesehen, anerkannt und auf mehrere Schultern verteilt wird.

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