Wer Kinder hat, kennt es: Schnell ist ein Sturz passiert, der nicht immer ohne Folgen bleibt und einen Arztbesuch nötig macht. Das Kind ist krank und benötigt eine Untersuchung oder eine Impfung muss aufgefrischt werden. Wer in diesen Fällen einen Kinderarzt hat, kann sich glücklich schätzen – auch wenn die Wartezeit auf einen Termin vielfach länger dauert.
Wer zum ersten Mal ein Kind bekommen hat, steht vor der Frage: Wo finde ich eine Kinderärztin, die noch neue Patienten aufnimmt? Denn der Schweiz gehen die Kinderärzte aus. Zu diesem Schluss kommt eine landesweit durchgeführte Studie der Universität Bern.
Ein Forschungsteam unter Claudia Kuehni, Leiterin der Forschungsgruppe Kinder- und Jugendgesundheit und Professorin am Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern, hat gemeinsam mit der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie (Pädiatrie Schweiz) die aktuelle Situation der kinderärztlichen Grundversorgung systematisch untersucht.
Kantonale Unterschiede
In der Schweiz kommt demnach im Schnitt eine Vollzeit arbeitende Kinderärztin bzw. ein Kinderarzt auf rund 1600 Kinder unter 18 Jahren, heisst es in der Medienmitteilung zur Studie. Das ist weit mehr, als pro Ärztin oder Arzt empfohlen wird.
Für die Erwachsenenmedizin empfiehlt die Schweizerische Ärztegesellschaft (FMH) einen Hausarzt auf 1000 Einwohner(innen). Dass die Termine mit Kindern jedoch meist zeitaufwendiger sind und daher mehr Ärztinnen benötigt würden, versteht sich von selbst. Die Studie zeigt aber auch deutliche Unterschiede auf. So ist der Mangel an Kinderärzten nicht überall gleich gross, es gebe «markante regionale Unterschiede».
Die Versorgung mit Kinderärzten ist in ländlichen Kantonen viel schlechter als in städtischen. Besonders viele Kinderärzte fehlen in der Zentral- und Ostschweiz. In Appenzell Ausserrhoden (1 Arzt pro 4750 Kinder), Obwalden (1 pro 4150), Schaffhausen (1 pro 3550) oder Thurgau (1 pro 3100) behandeln die Kinderärztinnen viel mehr Kinder als in städtischen Kantonen wie Genf. Dort kommt etwa ein Kinderarzt auf 750 Kinder und in den Kantonen Basel-Stadt, Waadt und Tessin je rund einer auf 1100 Kinder.
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Längere Anfahrtswege auf dem Land
«Ländliche Kantone sind daher häufiger von Versorgungsengpässen betroffen», teilen die Verantwortlichen mit. Pro Tag würden mehr Patienten behandelt, sie könnten weniger Zeit pro Vorsorgeuntersuchung einplanen und teilweise keine neuen Patientinnen und Patienten mehr aufnehmen.
Die ungleiche Verteilung bleibt nicht ohne Folgen. Familien müssen längere Anreisewege und Wartezeiten in Kauf nehmen oder bei dringlichen Anliegen auf hausärztliche Dienste oder Spitalambulatorien ausweichen. Das belastet das Gesundheitssystem zusätzlich und kann die Gesundheitskosten ansteigen lassen. Auch kann die Kontinuität der Betreuung beeinträchtigt werden, sind die Verfasser der Studie der Meinung.
Das liebe Geld ist ein Grund
Auch die Gründe der Engpässe wurden durch die Studie ermittelt. Diese basieren auf einem hohen Anteil an Teilzeitarbeitenden in der Grundversorgung (87 Prozent). Aber auch finanzielle Anreize sind Gründe, warum sich mehr Kinderärzte in urbanen Gebieten niederlassen. Die Analysen hätten gezeigt, dass in Kantonen mit höheren Taxpunktwerten – also mit besser vergüteten medizinischen Leistungen – die Dichte an Kinderärztinnen und Kinderärzten höher sei.

Bern. (Bild: Universität Bern/Ramon Lehmann)
«Unsere Resultate liefern eine aktuelle, belastbare Datengrundlage für die Politik, um gezielt in jenen Regionen Massnahmen zu ergreifen, in denen die Versorgung besonders knapp ist», sagt Claudia Kuehni dazu. «Dazu gehören bessere und regional ausgeglichenere finanzielle Rahmenbedingungen, Massnahmen zur Reduktion administrativer Last und eine Stärkung der kinderärztlichen Grundversorgung in Ausbildung und Weiterbildung.» Die Forschungsgruppe arbeitet bereits an einer Folgestudie zur Sicht der Eltern.

