Auf die stereotype Frage mancher Mitmenschen antworten wir genauso automatisch mit «es geht uns gut». Einfach, weil man dem andern nicht sagen will, wie man sich fühlt, weil man keine Lust hat oder einfach, weil die Aussage stimmt. Es geht uns gut.

Es geht uns Bauern grundsätzlich gut. Politisch will ich nicht werden. Aber wir haben Arbeit –davon nicht zu wenig – wir haben einen Tierarzt für Notfälle, Maschinen, die uns die Arbeit erleichtern, vielleicht auch einen Angestellten. Wir müssen nicht täglich zwei Stunden auf überfüllten Autobahnen zur Arbeit fahren, und kein Chef kostet uns die letzten Nerven. Wir sind unser eigener Chef. Wir leben frei in einer wunderbaren Landschaft und haben vielleicht sogar einen Nachfolger für den Hof. Es geht uns gut.

Das ist nicht überall so. Unser Angestellter aus Rumänien – der Nachfolger unseres schweigsamen Marian, man erinnert sich vielleicht – hat schwer zu kämpfen. Oft reden wir am Mittagstisch über die Situation in Rumänien, und ich bin immer wieder erschüttert von den Zuständen dort. Rumänien ging es nach dem Tod des Diktators Rumanescu eigentlich gar nicht mal so schlecht, die Bauern hatten Arbeit, und sie konnten ihre Rinder und Schweine gut auf dem Markt verkaufen.
Nach dem Beitritt in die EU wandelte sich das Ganze. Die Verkaufspreise für Fleisch stiegen auf Schweizer Niveau, während sie für Lebendgewicht gerade mal zwei Franken erhalten. Sie können ihre Ware nicht mehr verkaufen, weil Importe aus der Türkei um einiges billiger sind. Ein Automechaniker verdient drei Euro in der Stunde, das Brot hingegen kostet drei Euro/kg. Es geht ihnen nicht gut.

Levi hat hier von seinem Lohn viele alte Geräte gekauft, die er auf seinem 5-ha-Hof nutzbringend einbringen will und er denkt, er kann überleben. Überleben. Was für ein Wort. Und das in Europa. Nicht umsonst arbeiten so viele Rumänen auf schweizerischen Bauernhöfen, fern der Heimat. Weil sie sonst nicht überleben können. In Rumänien leben 40 Prozent der Familien auf dem Lande vom Eigenanbau, sind Selbstversorger, um buchstäblich nicht verhungern zu müssen.
Die Bauern arbeiten sozusagen schwarz. Weil sie sonst zu viele Abzüge haben, von Geld, welches sie gar nicht haben. Sie haben somit auch keine Altersvorsorge. Und so müssen sie auch für die Kosten selber aufkommen, wenn sie krank werden und ins Spital müssen. Jeden Abend müssen sie beim Traktor den Diesel ablassen, weil er sonst am Morgen «anderweitig» abgezapft wurde, und die Batterien müssen sie sowieso ins Haus nehmen, die werden sonst gestohlen. Kürzlich wurde sein Bruder, der auf dem Hof arbeitet, für die Armee zwangsrekrutiert. Die ganze Familie ist entsetzt.

Es deprimiert mich immer wieder, solches zu hören und darum müssen wir vermehrt in uns gehen und uns immer wieder sagen: Eigentlich geht es uns doch gut.

Claudia Gysel