Von einem Unternehmensleiter mit 240 Mitarbeitern würden viele wohl erwarten, dass dieser eine fundierte und langjährige Ausbildung in Betriebswirtschaft und Unternehmensführung aufweist. Dass es auch mit weniger Präsenzstunden in der Schulstube geht, beweist der Schwyzer Martin Langenegger: Seine sechs Primarschuljahre in den Achtzigerjahren an der Bergschule Stoos bestanden aus halbtägigem Unterricht. Auch die Sekundarschulzeit im Muotathal dauerte nicht lange, zwei Jahre erschienen Martin Langenegger ausreichend.
Visionäre Betriebsführung auf dem Lehrbetrieb
Mehr Begeisterung für das Erlernen von Neuem kam bei Martin Langenegger in der landwirtschaftlichen Ausbildung auf. In seinem Lehrjahr bei Priska und Baptist Reichmuth im Schwyzer Talkessel blühte der Bergbauernbub so richtig auf.
«Bei der Familie Reichmuth habe ich viel gelernt. Besonders die visionäre Betriebsführung, aber auch die Professionalität im Pflanzenbau und in der Tierhaltung beeindruckten mich», erinnert sich Martin Langenegger zurück. Sein zweites Lehrjahr machte er dann auf dem elterlichen Betrieb. Es folgten die damalige Winterschule und die Meisterprüfung, welche er ohne nennenswerten Aufwand bewältigte. Im Sommer ging er jeweils z’Alp.
Als Bahnbegleiter gestartet
Als 20-jähriger motivierter Jungbauer sah er beruflich zwei Möglichkeiten: Entweder einen grossen Landwirtschaftsbetrieb im In- oder Ausland aufzubauen oder zu übernehmen, oder aber in seinen elterlichen Bergbauernhof einzusteigen und dazu noch eine ausserbetriebliche Herausforderung zu finden. Er entschied sich für die zweite Variante.
Im Winter 1997 begann er bei der Stoosbahn als Bahnbegleiter. Ein Jahr später wurde er Pistenpatrouilleur, und im Jahr darauf war er bereits Betriebsleiter der Skianlagen. Wie auch bei der Tourismusregion Stoos selbst ging es auch bei Martin Langenegger rasant weiter: 2007 übernahm er die Betriebsleitung der Stoosbahnen AG, 2021 wurde er dann zum Geschäftsführer ernannt. Heute führt Martin Langenegger das Tourismus- und Gastronomieunternehmen gemeinsam mit seinem Team und rund 240 Mitarbeitenden.

Schlaflose Nächte wegen akuten Finanzproblemen
In diesen letzten 30 Jahren erlebte Martin Langenegger bei der Stoosbahnen AG viele Höhen und Tiefen. «Die grösste Schwierigkeit lag anfänglich darin, dass wir trotz akuter Finanzprobleme dringend in die Bahninfrastruktur investieren mussten, damit wir für den Ski- und Bergtourismus wieder attraktiv wurden. Wenn dann über die wichtigen Weihnachtstage auch noch der Schnee ausblieb, gab es schon ab und zu schlaflose Nächte», blickt der heute 51-Jährige zurück.
Dank eines visionären Verwaltungsrats, der die richtigen strategischen Entscheide fällte, und eines tollen Teams sei es dann aber trotzdem vorwärtsgegangen. Es wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein dreistelliger Millionenbetrag in die Bahn- und Beschneiungsanlagen investiert.
Der grösste Meilenstein war die Eröffnung der Zubringerbahn im Jahr 2017, welche als steilste Standseilbahn der Welt gilt. «Die Realisierung dieses Projekts dauerte 13 lange Jahre, entsprechend gross war damals die Erleichterung», so Martin Langenegger. Dank der spektakulären Standseilbahn und dem mittlerweile enorm populären Gratweg vom Klingen- zum Fronalpstock ist die Stoos-Region heute nicht mehr nur ein bekanntes Skigebiet, sondern wird auch im Sommer sehr stark frequentiert.
«Wenn ich eine Wiese mit einem schönen Pflanzenbestand mähen kann, erfüllt mich das»
Geschäftsführer und Bergbauer Martin Langenegger
2013 wurde ein Gemeinschaftsstall erstellt
Trotz seiner Geschäftsleitungsstelle steht Martin Langenegger fast jeden Morgen im eigenen Stall. Im Jahr 2013 übernahm er zusammen mit seiner Frau Vreni Langenegger auf rund 1000 m ü. M. seinen elterlichen Betrieb Chälenberg.
Ebenfalls 2013 realisierte er zusammen mit einem anderen Landwirt den 22 x 46 Meter grossen Gemeinschaftsstall, wo seine 10 Kühe, 30 Jungtiere und rund 35 Stück Vieh des Partnerbetriebes Platz finden. Neben dem Heimbetrieb bewirtschaftet Martin Langenegger im Sommer auch noch zwei Alpen mit rund 100 Stössen Vieh. Dabei wird er von zwei Angestellten unterstützt.
Grosse Unterstützung von der Familie
«Es ist klar, ohne die grosse Unterstützung meiner Frau Vreni, meiner Eltern, meines Bruders und mittlerweile auch meiner drei Kinder hätte ich in den vergangenen Jahren die Aufgaben auf dem Landwirtschaftsbetrieb nie bewältigen können», betont Martin Langenegger.
Aber auch bei den Stoosbahnen AG kann er mit einem sehr motivierten Team zusammenarbeiten. Martin Langenegger hat nie eine Ausbildung in Unternehmensführung oder Betriebswirtschaft gemacht.
«Ich bin ganz einfach in meine Aufgaben hineingewachsen. Mein Motto war stets Learning by Doing. Von mehreren meiner langjährigen Wegbegleiter bei der Stoosbahnen AG konnte ich enorm profitieren.» Vor allem habe er lernen müssen, seine Aufgaben zu priorisieren und, wenn möglich, zu delegieren.
Ein Lernprozess sei auch gewesen, mit Kritik umzugehen. Seine Doppelrolle als Landwirt und Geschäftsführer eines Tourismusunternehmens führe vereinzelt zu kritischen Stimmen. Solange es aber um die Sache gehe und nicht persönlich werde, sei das seiner Meinung nach auch kein Problem.

Erstmals mehrere Wochen ausserhalb der Schweiz
Die Doppelbelastung fällt ihm heute schon nicht mehr ganz so leicht wie vor 30 Jahren. «Das Schöne ist aber, dass nun meine Kinder immer mehr Aufgaben auf dem Betrieb übernehmen.» Im letzten Herbst verbrachte er erstmals in seinem Leben mehrere Wochen ausserhalb der Schweiz.
Er reiste mit seiner Frau Vreni nach Kanada, wo er mehrere Farmen besuchte. So ein richtiges Hobby hat der Stöösler allerdings keines. «Auch wenn das wohl viele nicht glauben, meine unterschiedlichen Aufgaben auf dem Hof und im Unternehmen erfüllen mich auch heute noch enorm.»
Dazu geniesse er auch die gemeinsame Zeit mit der Familie, auch wenn das vielfach ebenfalls beim Arbeiten ist. Stimme dann auch noch das Resultat der Arbeit, macht das Martin Langenegger glücklich: «Wenn ich zu Hause eine Wiese mit einem schönen Pflanzenbestand mähen kann oder sich das Alpvieh auf den Weiden gesund und gut genährt zeigt, erfüllt mich das sehr. Gleiches gilt, wenn ich sehe, dass unsere Gäste auf einer top präparierten Skipiste oder in der schneefreien Zeit in unserer herrlichen Bergwelt unterwegs sein können.»
Sommerserie
Die BauernZeitung stellt in den nächsten Wochen Persönlichkeiten vor, die ursprünglich den Beruf Landwirt lernten, inzwischen aber auch in anderen Branchen tätig sind. Wir berichten von ihrem Werdegang, ihrer Tätigkeit, aber auch von ihrer Meinung zur Landwirtschaft.

