Vor mehr als einem Monat haben landwirtschaftliche Lernende von der einen zur neuen Lehrmeisterfamilie gewechselt oder die Ausbildung eben erst begonnen. Die Umstellung ist oft riesig und Heimweh kann da zum Problem werden. Das wissen Reto Spörri, Leiter Bildung Landwirtschaft am landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg in Gränichen AG und Anne Stettbacher, Leiterin Beratungsstelle für Lernende am Inforama in Zollikofen BE.
Sie erhält pro Schuljahr etwa drei bis acht Anfragen zu diesem Thema – und zwar von Lernenden selbst wie auch von besorgten Berufsbildern und Eltern. Die Dunkelziffer der von starkem Heimweh Geplagten dürfte aber deutlich höher ausfallen. Heimweh tritt am häufigsten im ersten Lehrjahr auf, kann Jugendliche aber auch im zweiten oder dritten Lehrjahr belasten.
Unterschiedliche Herausforderungen kommen zusammen
Reto Spörri gibt zu bedenken, dass die Jugendlichen im Alter von 15 Jahren ihre Berufslehre beginnen. Der Wechsel von der Volksschule in die Berufswelt sei gross. Nicht zuletzt auch, weil sich die Lernenden plötzlich in einem Spannungsfeld mit diversen Herausforderungen befinden würden.
«Sie müssen sich im Rahmen der landwirtschaftlichen Ausbildung von ihrer Familie lösen, leben und arbeiten in einer neuen Umgebung und einem neuen Umfeld. Und es werden berufliche Anforderungen gestellt: praktische Arbeit, Berufsschule, üK», erklärt der Bildungsverantwortliche.
Nicht vergessen werden darf, dass die Jugendlichen einer grossen körperlichen Entwicklung und Reifung ausgesetzt sind und ihre Rolle in der Gesellschaft sowie unter Gleichaltrigen finden müssen. Zudem benötigen sie viel mehr Selbstständigkeit und Selbstorganisation. Da fehlt vielleicht plötzlich die Mutter, Mami, die zuvor noch unterstützend wirkte – etwa, wenn der Wecker überhört wird oder alles Material für den Schultag eingepackt werden muss.
Da kann Heimweh aufkommen
«Eine grosse Distanz zum Zuhause, die ungewohnte neue Situation oder wenig Erfahrung mit längeren Aufenthalten ausserhalb der Familie können Heimweh auslösen», weiss auch Anne Stettbacher. Schwierigkeiten im Lehrbetrieb oder belastende Ereignisse in der Familie oder im Freundeskreis könnten das verstärken.
Wie die Bäuerin und psychosoziale Beraterin Doris Brönnimann in einem früheren Artikel erläuterte, können Anzeichen für Heimweh sein: Rückzug, Traurigkeit, Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Kopfschmerzen, Aggressionen oder Angstzustände. Diese gilt es zu beachten. Denn Heimweh, das versteckt oder unterdrückt werden muss, kann sich verstärken. Tipps zum Vorgehen bei starkem Heimweh sind sehr personenabhängig und individuell.
Konkret umsetzbare Tipps können helfen
Tipps für Eltern:
- Zuhören, die Situation ernst nehmen, aber kein Mitleid zeigen.
- Das Kind darin bestärken, durchzuhalten.
- Feste Anrufzeiten vereinbaren, statt mehrmals am Tag Nachrichten zu senden. Das hilft, sich auf die Arbeit zu fokussieren.
Tipps für Berufsbildnerfamilien:
- Bewusst machen, in welchem Spannungsfeld sich die Jugendlichen befinden.
- Gemachte Beobachtungen ansprechen, damit ein Dialog entsteht. Die Frage «Wie geht es dir?», kann reichen, damit sich die Jugendlichen öffnen.
- Verständnis zeigen, nicht bagatellisieren, regelmässige Gespräche anbieten.
- Fragen, was ihnen guttun und Erleichterung verschaffen würde. Die Bedürfnisse können sehr unterschiedlich sein: Manche möchten abends noch etwas mit der Lehrbetriebsfamilie unternehmen, andere benötigen Kontakt zur eigenen Familie oder zu Freunden. Auch Tiere können vielen Jugendlichen Geborgenheit geben. Wichtig sind genügend Zeit und möglichst wenig zusätzlicher Druck.
- Je nach Situation kann im Arbeitsumfeld, das eine oder andere Spannungsfeld bewusster beachtet oder darauf eingegangen werden.
- Regelmässige Besuche zu Hause ermöglichen. Zu Beginn vielleicht jeden Sonntag freigeben.
Tipps für Jugendliche:
- Trotz Scham: Das Wichtigste ist, die Themen zu Hause und auch bei der Berufsbildnerfamilie anzusprechen.
- Überlegen, was helfen und Erleichterung verschaffen kann. Das können kleine Rituale wie abendliches Telefonieren sein. Auch Fotos von vertrauten Menschen oder persönliche Gegenstände, wie die eigene Bettwäsche oder Kissen von Zuhause, können ein Gefühl von Nähe und Geborgenheit vermitteln.
- Kontakt zu anderen Jugendlichen in der Umgebung suchen (etwa zu Schulkollegen, die in der Nähe ihre Ausbildung machen, Training in einem Sportverein etc.).
- Sich klar darüber werden, dass Heimweh nicht von heute auf morgen vergeht, sondern Zeit benötigt.
Ein Betroffener erzählt, was ihm geholfen hat
Ein junger Mann (Name der Redaktion bekannt), der während seiner Ausbildung von Heimweh betroffen war, erzählt, dass er Mühe hatte, als er ins zweite Lehrjahr gewechselt hatte. Das Familiengefüge im ersten Lehrjahr, mit kleinen Kindern in der Familie, sei anders gewesen als im zweiten, wo die Kinder bereits ausser Haus waren und kein Trubel mehr am Tisch herrschte.
Auch die Unterbringung in einem Nebengebäude brachte mehr Distanz zur Lehrmeisterfamilie. «Ich hatte am Anfang Mühe und benötigte Zeit zum Einleben», gesteht er. Regelmässiger Austausch mit dem Vater und das Heimfahren an Dienstsonntagen nach dem morgendlichen Stalldienst hätten ihm geholfen, meint er. Zudem habe er Kontakt zu einem Kollegen aus der Berufsschule aufgenommen, der in der Nähe wohnte. Dadurch habe er weiteren Anschluss an Jugendliche in der Region des Lehrbetriebes gefunden. Das sei sehr wertvoll gewesen, blickt er zurück.
Die Lehrstelle wechseln?
Wenn trotz aller Bemühungen, das starke Heimweh nicht vergeht und die Arbeit und das Lernen zu sehr negativ beeinträchtigt, kann ein Lehrstellenwechsel die Lösung sein. Vielleicht reicht einer, der näher am Wohnort liegt. Vielleicht müsste es einer sein, bei dem Übernachten zu Hause möglich ist. Auch das sollten betroffene Jugendliche und Eltern im gemeinsamen Gespräch herausfinden. Sollte es so weit kommen, ist für Doris Brönnimann – im Wissen, dass alle ihr Bestes gegeben haben – klar, dass es wichtig ist, nicht nach Schuldigen zu suchen.

