«Wir wollen richtig gute Tutti-Frutti-Produzenten werden», sagt Roland Lenz. Eine bemerkenswerte Aussage für einen Weinbauern. Wenn man aber in seinen Rebbergen in Uesslingen TG steht – die er lieber als Weingärten bezeichnet, um ihrer Diversität gerecht zu werden –, ist die Herkunft des Tutti-Fruttis keine Frage mehr.
Hier wachsen neben Rebstöcken zahlreicher Sorten auch Haselnüsse, Mandeln, Kaki, Maulbeeren und weitere Fruchtbäume. In breiten Streifen zwischen den Rebreihen betreibt Lenz zusätzlich auf insgesamt 1,5 ha Ackerbau. Hafer und Dinkel sind bereits geerntet. Daraus gibt es Haferflocken für Birchermüesli bzw. Mehl und Gebäck für das Bistro des Betriebs. Körnersorghum steht Ende August noch. Später landet auch diese Ernte auf den Tellern der Bistrobesucher.
Gleicher Ertrag mit einem Drittel weniger Fläche
Für Roland Lenz sind seine Weingärten eine Form der ökologischen Intensivierung. Sie erlauben ihm, auf einem Drittel weniger Fläche denselben Traubenertrag bei gleichbleibender Qualität zu erzielen. Hinzu kommt die diversifizierte Produktpalette. Das rechnet sich, was zentral ist für den Betrieb. «Schliesslich haben wir 14 Mitarbeitende, deren Löhne zu bezahlen sind», bemerkt Lenz. Sein Ziel seien 250 000 Flaschen Wein pro Jahr. 2026 kann er ausserdem 1500 250-g-Säckchen Tutti-Frutti direktvermarkten.
«Ich kann es mir nicht leisten, konventionell zu arbeiten»
Zentral für den Erfolg dieses Systems ist der Bodenaufbau mit steigenden Humusgehalten – dank Verzicht auf Pflanzenschutzmittel, Vermeidung von Verdichtung, gezieltem Komposteinsatz und ständiger Bedeckung – und die positiven Effekte der Biodiversität in den Weingärten. So sorgen Fledermäuse zusammen mit den dicken Zellwänden der Piwi-Trauben dafür, dass Schäden durch Kirschessigfliege und Traubenwickler ausbleiben.
«Ich kann es mir nicht leisten, konventionell zu arbeiten», erklärte Roland Lenz einer Schar Besucher, die einer Einladung der Forschungsgruppe Permakultur der HAFL gefolgt waren. Das Thema des Tages: Permakultur in der Praxis sowie die Vor- und Nachteile des Flächencodes 725.



Der Flächencode sollte vereinfachen, nicht fördern
Den Code 725 gibt es seit sechs Jahren, um Permakulturflächen zu erfassen. Er ist definiert als kleinräumige Mischung verschiedener Kulturen mit mehr als 50 Prozent Spezialkulturen. «Der Permakultur-Code sollte die Erfassung solcher Flächen vereinfachen», erläuterte Jonas Plattner vom Fachbereich Direktzahlungen beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). Eine Förderung derartiger Mischkulturen sei nicht das Ziel gewesen. Auch gibt es keine Pflicht, Permakulturen mit dem Flächencode 725 anzumelden. Alternativ lassen sich nicht näher definierte Mischkulturen als «übrige offene Ackerfläche» oder «übrige Flächen mit Dauerkulturen» deklarieren.
Heute etwa 115 ha angemeldete Permakultur in der Schweiz
Vorteilhaft am Code 725 ist die Anerkennung der ganzen so angemeldeten Fläche als Spezialkultur sowohl für Direktzahlungen als auch für die SAK‑Berechnung. Allerdings gibt es aufgrund der sehr offenen Definition keine spezifischen Beiträge für einzelne Kulturen auf der Permakulturfläche. Auch ist die Teilnahme an verschiedenen Direktzahlungsprogrammen nicht möglich. Bei Reben kommt hinzu, dass die Anmeldung als Permakultur nicht mit der Weinverordnung und dem Traubenpass vereinbar ist.
«Die Fläche mit Permakultur nimmt auf tiefem Niveau langsam, aber stetig zu», schilderte Jonas Plattner die schweizweite Entwicklung. 2025 waren etwa 115 ha auf 330 Betrieben mit dem Code 725 angemeldet.
Eine Nische und in der Regel kleine Flächen
Im Kanton Thurgau sind 0,016 Prozent der LN als Permakultur erfasst, schilderte Thomas Fröhlich vom kantonalen Landwirtschaftsamt. Diese 8 ha verteilen sich auf 22 Thurgauer Betriebe und umfassen jeweils zwischen 1–140 Aren. «Oft sind es Betriebe mit Direktverkauf und gestalterischen Freiheiten. Die Kunden sehen die Vielfalt», beschrieb Fröhlich.
Nach seiner Analyse von Luftbildern erreichen allerdings manche Betriebe die vorgegebenen 50 Prozent Spezialkulturen nicht – so sind etwa vielfältige Beete strahlenförmig auf einer Wiese angeordnet. «Diese Betriebe müssen noch ausbauen», bemerkte Thomas Fröhlich. Dass mit dem Flächencode 725 kein Mindesttierbesatz verbunden ist, ergänzte er als weiteren Vorteil zur Liste seines Vorredners.
Eine Lösung und «Riesenchance» für den Rebbau
Roland Lenz ist mit seinen grossflächigen Weingärten ein Pionier der Permakultur in Rebbergen. Mit der Flächenerfassung tat er sich lange schwer. «Wenn ich die Haselnüsse als Obst erfasst hätte, hätte ich nur noch die Hälfte Trauben produzieren dürfen, obwohl die Rebstöcke trotz geringerer Anzahl pro Fläche denselben Ertrag geben», schilderte er das Problem. Lenz bewegte sich quasi im rechtsleeren Raum.
Mittlerweile konnte jedoch zusammen mit dem BLW eine Lösung gefunden werden: Man einigte sich darauf, dass nicht vorgeschrieben ist, was «unter» den Rebstöcken wächst. Das kann auch eine Ackerkultur sein – vorausgesetzt, jede Rebe hat nicht mehr als 3 m2 Platz.
Lenz hat bisher, sobald der Boden etwa 4 Prozent Humus erreicht hat und die Reben vegetativ stark zu wachsen begannen, jeweils die dritte Reihe ausgerissen und entweder durch Ackerkulturen oder Biodiversität bzw. Teile der Tutti-Frutti-Produktion ersetzt. Geschätzt hat so jeder Stock 2 m2 Fläche, was mit der Neuregelung kompatibel ist. «Ich lege das so aus», sagte der Thurgauer: «3500 Rebstöcke pro Hektare mit anderen Pflanzen gemischt und von weitem als Weingarten erkennbar.» Roland Lenz sieht darin eine «Riesenchance» für den Rebbau.

Flächencode berücksichtigt viele Leistungen nicht
Kathrin Lenz ist überzeugt, dass Permakultur eine Lösung ist für einen schweren Zielkonflikt in der Landwirtschaft: jenen zwischen Produktion und Biodiversität. Die Bäuerin FA, Politologin und landwirtschaftliche Beraterin bei der Walter Jucker AG, führt den 6,5-ha-Betrieb Hof Hegisau im zürcherischen Fischenthal.
Sie ist nicht mit Roland Lenz verwandt, hat aber wie er Mühe mit dem Flächencode 725. Auf dem Hof Hegisau gibt es 27 Aren angemeldete Permakultur mit Gemüse und Kräutern, Beeren, Obst, Rhabarber und Spargeln in einer Hanglage nahe des Betriebsgebäudes.
«Der Flächencode ist eine riesige Erleichterung», stellte Kathrin Lenz klar. Es wäre praktisch unmöglich bzw. enorm aufwändig gewesen, die enge Mischung verschiedener Kulturen anderweitig zu erfassen. Die Betriebsleiterin kritisiert aber, dass viele Leistungen von Permakulturflächen mit dem Code nicht berücksichtigt würden. «Es gibt etwa keine Direktzahlungen für deren Biodiversitäts-Nutzen, für Bodenschutz, das Vermeiden von Nährstoffverlusten, Landschaftsqualität oder den Verzicht auf Pflanzenschutzmittel», führte sie aus.
Viel Handarbeit und Aufwand
Nach Meinung von Kathrin Lenz ist das besonders stossend, weil Permakultur-Betriebe ihrer Erfahrung nach dem entsprechen würden, was politisch gewünscht wäre: vielfältig, engagiert, innovativ und ökologisch. Zumal Permakultur mehr sei als der Flächencode – dazu gehörten verschiedene und ineinandergreifende Betriebszweige, Kulturen und (alte) Sorten ebenso wie viel Handarbeit und eine komplexe Arbeitsorganisation. «Die Lösung des Zielkonflikts zwischen Produktion und Biodiversität bedingt viel Handarbeit und Aufwand für die Betriebe», fasste Lenz zusammen.
Durch die Anerkennung der Zusatzleistungen von Permakultur liesse sich das allerdings relativ einfach lösen, sagt die Zürcherin. Und zwar ohne die gestalterische Freiheit durch eine engere Definition des Flächencodes einzuschränken. «Man könnte z. B. einfach die Teilnahme an bestehenden Programmen ermöglichen», so Kathrin Lenz. Anpassungen im Bodenrecht würden ebenfalls helfen.
«Der Weg war brutal»
Damit Permakultur als hochproduktives und ökologisches System besser wahr- und ernstgenommen wird, arbeitet Lenz zusammen mit der HAFL an einer Vollkostenrechnung ihres Betriebs. Sie ist überzeugt, dass eine bessere Förderung der Permakultur als Nische niemandem wehtun würde. Aber es könnte gerade kleinen und innovativen Betrieben wirtschaftliche Möglichkeiten bieten.
Lenz weiss aus Erfahrung, dass der Aufbau schwierig ist. «Der Weg war brutal», meinte sie zu den Anstrengungen, bis ihr Hof Hegisau in seiner heutigen Form funktionierte. «Ich musste viel kämpfen», sagt die Zürcherin. Ohne ihren Bürojob bei der Walter Jucker AG hätte Lenz das nach eigenen Angaben nicht geschafft. Da sie als Beraterin heute häufig junge Betriebe begleitet, weiss sie, dass viele mit ähnlichen Problemen kämpfen. Sie wären politisch lösbar, so ihre Überzeugung.

