Auf den spät angesäten Maisparzellen im Kanton Baselland werde bereits geerntet – mitten im Sommer, einige Wochen vor dem üblichen Erntetermin, sagt Marc Brodbeck, Präsident des Bauernverbands beider Basel. Rund 15 Ballen pro Hektare kämen zusammen, das sei etwa ein Viertel bis ein Drittel eines normalen Ertrags. «Den schlechten Mais muss man jetzt nehmen», so Brodbeck.
Ganz anders sieht es rund 150 Kilometer weiter östlich aus. Martin Bertschi bewirtschaftet in Müllheim bei Frauenfeld TG einen Ackerbaubetrieb und hat auf sechs Hektaren mittelspäte Maissorten bereits Ende April gesät – nach einer Gründüngung, die zuvor auf der Fläche gewachsen war.
«Der Mais sieht bei uns bislang gut aus», sagt Bertschi. An besonders heissen Tagen hätten sich zwar auch seine Pflanzen mit eingerollten Blättern gegen die Hitze gewehrt, doch der Bestand habe sich seither gut erholt. Bertschi rechnet aktuell nicht mit einer Noternte und plant, wie gewohnt Ende Oktober zu ernten. Ob er den Mais als Körner- oder als Silomais einbringt, lässt er noch offen – bei einer weiteren Verschärfung der Futterknappheit tendiert er in Richtung Silomais.
Gleiche Trockenheit, gleiche Kultur – und doch zwei fast gegensätzliche Ausgangslagen. Der Unterschied liegt, wie sich zeigt, vor allem im Kalender.
Warum reagiert der Mais so unterschiedlich?
Jürg Hiltbrunner von Agroscope liefert die agronomische Erklärung für das Muster, das sich durch praktisch alle Rückmeldungen zieht. Entscheidend sei, ob die Kolben zum Zeitpunkt der grössten Trockenheit bereits befruchtet gewesen seien oder nicht. Die Blüte sei das kritischste Stadium: Ist sie bereits erfolgreich abgeschlossen, wirkt sich Wassermangel vor allem auf die Kornfüllung aus.
Findet die Blüte hingegen erst während akuter Hitze oder Trockenheit statt, könne die Befruchtung selbst misslingen – bei zu grosser Hitze können die Pollen vertrocknen, bei anhaltender Trockenheit wird der Befruchtungsvorgang via die Narbenfäden verzögert, was zu unbefruchteten Körnern und somit zu Fehlstellen am Kolben führt.
Zusätzlich zum Saattermin spielt laut Hiltbrunner die Vorgeschichte der Fläche eine Rolle: Hat der Boden zuvor Wasser speichern können, etwa nach einer Gründüngung, verfügt der Mais über bessere Voraussetzungen, als wenn Mais nach ein- bis zweimaliger Nutzung einer Kunstwiese ausgesät wurde. Als C4-Pflanze gehe Mais grundsätzlich aber sehr haushälterisch mit Wasser um – er kann bei optimalen Bedingungen auch ein grosses und leistungsfähiges Wurzelwerk entwickeln. Das erklärt, weshalb Bertschis Ende April gesäter Mais nach Gründüngung robuster dasteht als spät gesäte Bestände ohne diese Vorbereitung.
Für die Futterqualität hat ein kleiner oder fehlender Kolben laut Hiltbrunner direkte Folgen: Weniger Stärke bedeutet eine geringere Energiedichte des Futters. Fehlt der Kolben ganz, ähnelt die Pflanze eher Gras – zusätzlich aber mit hohem Wassergehalt im Stängel, was die Silierung wegen Sickersaftbildung erschwert. Wenn die Pflanzen bereits vertrocknet sind und der TS-Gehalt sehr hoch ist, werden kurze Häcksellängen, gute Verdichtung und der Einsatz von Siliermitteln umso wichtiger, um die Futterqualität möglichst zu erhalten und das Bestmögliche aus der gewachsenen Biomasse zu machen.
Nordwestschweiz unter Druck, Ostschweiz weniger dramatisch
Im Baselland ist die Lage angespannt. Die Weiden seien abgegrast, sagt Marc Brodbeck, und auch der ab dem 1. August erlaubte Zugang zu Extensivflächen nütze noch wenig, wenn dort nichts mehr nachwachse. Auf spät angesäten Maisparzellen sei die Ernte bereits im Gang und der Ertrag mager, auf früher gesäten Flächen sehe es etwas besser aus. Auf einzelnen abgeernteten Flächen wird teilweise eine Zwischensaat versucht – die Aussaat von mehrjährigen Kunstwiesen hält Brodbeck aber nicht für angezeigt, solange kein ausreichender Regen gefallen ist.
In der Ostschweiz zeichnet Hansruedi Thoma vom St. Galler Bauernverband ein insgesamt weniger dramatisches, aber ebenfalls uneinheitliches Bild. Die Maisbestände präsentierten sich «insgesamt noch vergleichsweise gut», mit deutlichen Unterschieden je nach Standort: Auf schweren, wasserhaltenden Böden stünden die Kulturen weiterhin gut da, spät gesäte Bestände litten aber zunehmend unter Wassermangel. Die Ertragsaussichten seien derzeit noch ordentlich, hingen aber stark von den Niederschlägen der kommenden Wochen ab. Mit einem ein bis zwei Wochen früheren Erntebeginn werde gerechnet.
Ähnliches Bild, aber verzögert
Auch bei den Weiden zeigt sich in der Ostschweiz ein ähnliches Muster wie in der Nordwestschweiz, allerdings verzögert: Die Flächen seien vielerorts noch grün, das Graswachstum habe aber weitgehend aufgehört. Einzelne Betriebe hätten bereits begonnen, Grünmais zu verfüttern oder Wintervorräte einzusetzen, weil die Wiesen zu wenig hergäben.
Ob sich daraus eine breitere Futterknappheit entwickle, hänge stark vom Witterungsverlauf im Spätsommer und Herbst ab. Thoma bestätigt auf Nachfrage, dass die Lage in der Ostschweiz nach verschiedenen Einschätzungen derzeit insgesamt etwas weniger angespannt sei als in anderen Landesteilen – der Druck auf die Futterversorgung nehme aber auch dort zu.
Als zusätzliche Erschwernis beim Zukauf von Futter aus dem nahen Ausland nennt Thoma die Zurückhaltung der Anbieter: Viele Produzenten im süddeutschen Raum wollten zunächst ihren eigenen Bedarf sichern, bevor sie Reserven abgeben. Hinzu kämen hohe Transportkosten und ausgelastete Transportkapazitäten – unter anderem, weil parallel die Strohernte läuft.
Die Folgen: angespannter Markt, steigende Preise
Die Fenaco-Geschäftseinheit GOF beschreibt den Futtermittelmarkt in der Schweiz und den Nachbarländern als derzeit «besonders angespannt». Alex Brunner erklärt, das Angebot bleibe begrenzt, während die Nachfrage hoch sei. Bei Silomais sei die Ernte 2025 vielerorts bereits verkauft, die neue Kampagne stehe erst bevor, die Mengen blieben aber auch dort begrenzt.
Wie ausgetrocknet der Markt mittlerweile ist, zeigt sich exemplarisch bei den Rübenschnitzeln: Laut Brunner ist die Ernte 2025 in weiten Teilen Europas bereits abgesetzt, die neue Kampagne beginnt erst im Oktober – und laut Brodbeck ist schweizweit sogar der grösste Teil der Rübenernte bereits vollständig im Vorverkauf platziert. «Keine gesunde Situation», so Brodbeck.
Bei Heu und Luzerneballen sei die Beschaffung besonders anspruchsvoll. Unsicherheit über die weitere Zollentwicklung bremse aktuell Verkäufe aus Deutschland, so Brunner. Lieferungen aus Frankreich, Deutschland, Spanien und Österreich seien zwar grundsätzlich weiterhin möglich, witterungsbedingt tiefere Ernten und die hohe Nachfrage in ganz Europa würden die verfügbaren Mengen aber reduzieren und zu längeren Lieferzeiten führen.
Für den Herbst und Winter rechnet Fenaco mit einer «durchzogenen» Versorgungslage: weniger Rüben, weniger Mais über sämtliche Verwendungszwecke hinweg. Die Auswirkungen der diesjährigen Produktionsausfälle würden sich, so Brunner, bis ins nächste Kalenderjahr zeigen, da bereits jetzt Futtervorräte gebraucht würden, die eigentlich für den kommenden Winter gedacht gewesen wären.
Preise erscheinen früher
Vor diesem Hintergrund kündigt Agridea eine ausserordentliche Anpassung ihrer Richtpreise an. Wie Hansruedi Schoch von Agridea mitteilt, erscheinen die Richtpreisgrundlagen für Silomais, CCM und Feuchtkörnermais dieses Jahr früher als üblich – eine direkte Folge der Trockenheit und der bereits andernorts laufenden Ernte.
Eine Preiserhöhung gegenüber der letztjährigen Grossernte sei angesichts der grossen Nachfrage nach Mais «unvermeidlich». Schoch ruft dazu auf, die angespannte Futtersituation nicht für überhöhte Preise auszunutzen, sondern «solidarisch und fair zu handeln». Auch Brodbeck mahnt in dieselbe Richtung: Die Betriebe müssten jetzt genau rechnen, damit es nicht zu Hamsterkäufen oder gar Spekulation komme – «das müssen wir um jeden Preis verhindern.»
Die Politik reagiert: Zollsenkung auf Raufutter in Aussicht
Um die Versorgung zu entlasten, hat der Schweizerische Bauernverband (SBV) beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) einen Antrag auf eine temporäre Senkung der Importzölle auf Raufutter gestellt. Ein erster Antrag des SBV von Anfang Juli für eine Senkung der Importzölle von vier auf 0 Franken pro 100 Kilogramm Raufutter sei vom BLW noch abgelehnt worden, berichtet Brodbeck – zu jenem Zeitpunkt sei die Tragweite der langanhaltenden Dürre noch nicht absehbar gewesen. Der SBV habe deshalb einen neuen Antrag nachgereicht.
SBV-Sprecherin Sandra Helfenstein bestätigt, dass dieser Antrag vor einer Woche beim BLW eingereicht wurde. Der Verband rechnet mit einer Umsetzung Anfang August. Das BLW selbst bestätigt auf Anfrage, dass ein entsprechendes Gesuch vorliegt: Die monatliche Überprüfung der Grenzbelastung für Futtermittel habe bereits zu Anpassungen der Zollsätze geführt, die am 29. Juli veröffentlicht werden. Grundsätzlich gilt: Das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) kann tiefere Zollsätze festlegen, sofern dadurch der Absatz vergleichbarer Schweizer Erzeugnisse nicht gefährdet wird.
Auf pflanzengesundheitlicher Ebene sieht das BLW keine zusätzlichen Hürden: Für die Einfuhr von Silomais gelten derzeit keine pflanzengesundheitlichen Vorschriften. Das Futtermittel muss laut BLW aber die allgemeinen Anforderungen des Futtermittelrechts erfüllen – etwa unverdorben, unverfälscht, innerhalb der Grenzwerte für unerwünschte Stoffe und korrekt gekennzeichnet sein.
Trotz eines Gewitters am vergangenen Wochenende rechnet das BLW nicht mit einer spürbaren Entspannung der Trockenheit. Im Mittelland und im Jura seien über die vergangenen 30 Tage erhebliche bis sehr erhebliche Niederschlagsdefizite festgestellt worden. Die Sicherstellung der Futterversorgung stelle die Betriebe je nach Region und Situation weiterhin vor ausserordentliche Herausforderungen – wie unterschiedlich diese Herausforderung ausfällt, zeigt der Blick von Basel bis in den Thurgau in aller Deutlichkeit.

