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Neue Kuhkrankheit in der Schweiz bestätigt

Nach Frankreich und Deutschland bestätigt auch die Schweiz: Ein neues Orthobunyavirus steckt hinter den kranken Milchkühen der vergangenen Wochen.

Das Rätsel um die kranken Milchkühe hat einen Namen: ein neues Orthobunya-Virus, verwandt mit dem Schmallenberg-Virus. Nach Frankreich und Deutschland hat diese Woche auch die Schweiz den Erreger bestätigt.

Frankreich fand die Spur

Den entscheidenden Hinweis lieferte Frankreich, und zwar über einen Umweg. Anfang Juli hatte das Laboratoire Départemental du Doubs der Veterinärhochschule ENVT in Toulouse erste Kotproben von Kühen mit akutem Durchfall zur metagenomischen Analyse geschickt – einer Suchmethode, die ohne Verdacht auf einen bestimmten Erreger das gesamte Erbgut in einer Probe untersucht. Das Ergebnis war negativ: kein auffälliges Virus, kein auffälliges Bakterium.

Weil sich die Fälle trotzdem häuften, empfahl die ENVT den behandelnden Tierärzten, bei fiebernden Tieren mit Milchrückgang zusätzlich Blutserum und Plasma einzuschicken, nicht nur Kot. Die Labormethode dahinter, eine hochauflösende Erbgut-Analyse, durchsucht eine Probe ohne Verdacht auf einen bestimmten Erreger nach sämtlichem vorhandenem Erbgut. In allen drei untersuchten Blutproben wurde das Team fündig: Es fanden sich klare Spuren eines Orthobunya-Virus aus der Simbu-Gruppe, in einer Probe besonders viele. Im Kot war deutlich weniger davon nachweisbar. Das passt zur Biologie solcher Viren: Sie zirkulieren vor allem im Blut, weniger im Darm. Der Erbgutvergleich zeigte eine hohe Übereinstimmung mit dem Shamonda-Virus, einem Erreger aus derselben Virusfamilie wie das Schmallenberg-Virus, aber eigenständig. Die ENVT betonte in ihrer Mitteilung von Ende Juli, dass die Analyse noch verfeinert werden müsse, bevor ein gesichertes Bild vorliegt. Wichtig für die Praxis: Die ENVT kündigte an, in den nächsten Tagen einen eigenen Schnelltest zu entwickeln und an öffentliche Labors weiterzugeben. Die bestehenden Schmallenberg-Tests hatten das neue Virus nämlich nicht erfasst, vermutlich weil sich sein Erbgut zu stark vom Schmallenberg-Virus unterscheidet. Das erklärt auch, weshalb die Ursache der Erkrankungen so lange unklar blieb: Wer auf Schmallenberg testete, bekam ein falsches «negativ».

Aus der Schweiz waren zum Zeitpunkt der ENVT-Analyse keine Proben untersucht worden; der Fund bezieht sich ausschliesslich auf die französischen Betriebe. Dass es sich um dasselbe Virus handelt, bestätigten Deutschland und die Schweiz erst wenige Tage später mit eigenen Sequenzierungen.

Übertragen wird das Virus wie das Schmallenberg- und das Blauzungenvirus durch blutsaugende Gnitzen der Gattung Culicoides, kleine Mücken, gegen die sich Ställe kaum abdichten lassen. Das Shamonda-Virus selbst, mit dem die neuen Funde am engsten verwandt sind, war bislang vor allem aus Afrika, Asien und Australien bekannt. Dass ein solcher Erreger nun in Mitteleuropa auftaucht, ist neu.

Weiterhin interessiert an Umfrageergebnissen

Am Montag hat Rindergesundheit Schweiz (RGS) eine eigene Mitteilung verschickt, nachdem man sich zuvor mit den beteiligten Fachstellen ausgetauscht hatte. Der Kern: Resultate aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz zeigen übereinstimmend ein bisher nicht bekanntes Orthobunya-Virus aus der Simbu-Gruppe. Betroffen sind vor allem Wiederkäuer, also Rinder, Schafe und Ziegen.

Seit bald zwei Wochen läuft eine RGS-Umfrage bei Betrieben, die vom fieberhaften Durchfall betroffen waren oder es noch sind. Judith Peter Egli, Tierärztin und operative Leiterin des RGS, erklärt auf Anfrage, weshalb die Fragebogen auch jetzt noch wichtig sind: «Wir sind auch weiterhin interessiert an ausgefüllten Fragebogen, da wir damit auch greifbar und konkret aufzeigen können, wo Betriebe betroffen waren und mit welchen Symptomen und welchem Schweregrad. Dann kann man klar aufzeigen, dass weit verbreitet wirklich grosse Probleme auftraten oder -treten.»

«Ich denke nicht, dass die ganze Geschichte jetzt schon vorüber ist»

In den zahlreichen Gesprächen mit betroffenen Bauern kam immer wieder zur Sprache, dass der Eindruck erweckt werde, die Behörden seien weitgehend untätig geblieben. Nicht so aber der RGS, wo man auch vonseiten Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hin verwiesen wurde. So hiess es beim Amt, aufgrund der fehlenden Meldungspflicht sei man nicht zuständig. «Für uns war klar, dass es unsere Aufgabe ist, sofort zu unternehmen, was wir können, um Tierhaltende und Tierarztpraxen zu unterstützen», sagt Judith Peter Egli. Trotz Ferienabwesenheiten habe man beim RGS reagiert und stehe weiterhin für Beratung zur Verfügung – auch zur Frage, ob und wann eine Diagnostik überhaupt Sinn ergibt.

Zur Sache selbst mahnt sie zur Vorsicht: «Ich denke nicht, dass die ganze Geschichte jetzt schon vorüber ist. Ich hoffe es, aber es besteht auch die Gefahr, dass das Virus jetzt noch in die Gebiete schwappt, die bisher noch nicht betroffen waren. Ebenfalls besteht zum Beispiel das Risiko, dass in den nächsten Monaten vermehrt missgebildete Kälber geboren werden. Wir wissen noch nicht viel über den neuen Erreger.»

Auf die Frage nach der Biosicherheit sagt Judith Peter Egli, dass ausgerechnet bei Gnitzen-übertragenen Krankheiten die üblichen Massnahmen an ihre Grenzen stossen: Mit guter Biosicherheit lasse sich gegen einen von Insekten übertragenen Erreger nur wenig ausrichten.

Die eigentliche Unbekannte

Was darüber beim verwandten Schmallenberg-Virus bekannt ist, lässt sich seit 2011 gut belegen. Das Virus wurde im Herbst jenes Jahres in der deutschen Stadt Schmallenberg erstmals nachgewiesen und breitete sich innert Monaten über weite Teile Nordwesteuropas aus, darunter Belgien, Frankreich, die Niederlanden und Grossbritannien. Ab Ende 2011 häuften sich Meldungen über missgebildet geborene Lämmer und Kälber. Eine niederländische Untersuchung an 102 Lämmern und 204 Kälbern vom Winter 2011/2012 dokumentierte bei 97 Prozent der Lämmer und 96 Prozent der Kälber sogenannte Arthrogryposen – das sind versteifte, verdrehte Gliedmassen. Hinzu kamen Fehlbildungen des Gehirns, bei dem Teile des Grosshirns fehlen oder Hohlräume aufweisen, sowie eine Unterentwicklung des Kleinhirns. Die Schäden bei Lämmern waren insgesamt ausgeprägter als bei Kälbern. Der Zeitpunkt der Infektion während der Trächtigkeit entscheidet darüber, ob und wie stark der Fetus geschädigt wird. Bei Schafen liegt dieses empfindliche Fenster ungefähr zwischen Tag 28 und 56 der Trächtigkeit, bei Rindern deutlich später, etwa zwischen Tag 75 und 110. Nur wenn die Kuh in dieser Phase erstmals mit dem Virus in Kontakt kommt und noch keine Abwehrstoffe hat, kann der Erreger über die Plazenta das ungeborene Kalb erreichen.

Für das Schmallenberg-Virus hält auch das deutsche Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) fest, dass vor allem Schafe betroffen waren: In einzelnen Herden zeigten damals bis zu 50 Prozent der Nachkommen Schäden. Bei Rindern fielen die Schäden insgesamt deutlich geringer aus.

Was das für das neue, dem Shamonda-Virus ähnliche, Virus bedeutet, weiss aktuell niemand. Das Virus ist neu in Europa, Vergleichswerte aus der Vergangenheit gibt es nicht. Ob sich das Schmallenberg-Muster wiederholt, mit welcher Häufigkeit und in welcher Schwere, lässt sich erst beurteilen, wenn in den kommenden Monaten Kälber von Kühen zur Welt kommen, die sich diesen Sommer während der kritischen Trächtigkeitsphase angesteckt haben. Bei einer Tragzeit von rund neun Monaten würde das für viele Betriebe frühestens im späteren Winter oder im Frühjahr 2027 sichtbar.

Klar ist einzig: Betriebe sollten tot geborene, zu früh geborene oder auffällig missgebildete Kälber besonders aufmerksam untersuchen lassen. Nur so lässt sich ein Zusammenhang mit dem neuen Virus erkennen. Einen Impfstoff gibt es bislang nicht, und ob ein bestehender Schmallenberg-Impfstoff auch gegen das neue Virus wirken würde, ist offen.

Chronologie: der Weg zum neuen Orthubunyavirus

Wie aus rätselhaftem Durchfall ein international bestätigter Erregernachweis wurde – die wichtigsten Stationen im Überblick.

Anfang Juli: Erste einzelne Höfe in den Kantonen Bern und Luzern melden Kühe mit Fieber, Durchfall und Milcheinbruch. Noch handelt es sich um Einzelfälle, kein grosses Thema.

3. Juli (Frankreich): Das Laboratoire Départemental du Doubs schickt der Veterinärhochschule ENVT in Toulouse erste Kotproben von Kühen mit akutem Durchfall. Die metagenomische Analyse – eine Suchmethode ohne Verdacht auf einen bestimmten Erreger – bleibt negativ.

Ab Mitte Juli: Die Fälle häufen sich. Das Thema erreicht die Medien. In weiten Teilen des Landes bricht die Milchmenge ein, bei der Mooh-Genossenschaft liegen die Einlieferungen zeitweise 8 Prozent unter dem Vorjahr, betroffen sind vor allem das Mittelland und die Westschweiz. Als Hauptverdächtige gelten zunächst Hitze und ein durch Hitzestress geschwächter Darm.

Parallel dazu – die Suche nach dem Erreger: Getestet wird auf Coronavirus, Rotaviren, Blauzungenvirus und das Schmallenberg-Virus, auch Bakterien wie Salmonellen sind ein Thema. Die meisten Tests fallen negativ aus oder bleiben ohne eindeutiges Ergebnis.

21. Juli: Der Rindergesundheitsdienst (RGS) veröffentlicht ein Merkblatt zum Thema Hitzestress mit Empfehlungen für Betriebe.

23. Juli: Der RGS richtet auf seiner Homepage eine eigene Seite zu den fieberhaften Durchfallerkrankungen ein und startet einen Fragebogen für betroffene Betriebe.

27. Juli (Frankreich): Nach den negativen Resultaten und weiteren gemeldeten Fällen schickt die Tierarztpraxis Croseilles (Haute-Savoie) neue Proben an die ENVT. Neu werden auch Blutserum und Plasma untersucht, nicht mehr nur Kot.

28. Juli (Frankreich): Die ENVT erhält Proben aus mehreren Milchviehbetrieben in der Region Croseilles, Haute-Savoie.

31. Juli (Frankreich): Erste Auswertung: In den Plasmaproben finden sich Sequenzen eines Orthobunyavirus aus der Simbu-Serogruppe, verwandt mit dem Schmallenberg-­Virus.

31. Juli (Schweiz): Das BLV veröffentlicht eine erste eigene Mitteilung: IVI-Untersuchungen weisen auf ein bisher in der Schweiz nicht nachgewiesenes Orthobunyavirus der Simbu-Gruppe hin. Ob es die Erkrankungen tatsächlich verursacht, werde noch abgeklärt.

1. August (Schweiz): Die RGS publiziert ein weiteres Update zum Stand der Abklärungen.

3. August (Deutschland): Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) vermeldet den Durchbruch: In Proben aus vier Rinderbeständen in Baden-Württemberg, eingesandt über das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Freiburg, weist es innert 48 Stunden ein Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe nach. Die vollständige Erbgutanalyse zeigt die höchste Übereinstimmung mit dem Shamonda-Virus, einem Erreger, der in den 1960er-Jahren erstmals in Nigeria beschrieben wurde. Das FLI spricht vorläufig von einem «Shamonda-artigen» Virus, weil die endgültige taxonomische Einordnung noch aussteht.

3. August (Schweiz): Am Nachmittag zieht das IVI in Mittelhäusern BE nach: Eigene Sequenzierungen bestätigen ein Orthobunyavirus der Simbu-Gruppe, verwandt mit dem Schmallenberg-Virus. Es ist das erste Mal seit dem ersten Schmallenberg-Ausbruch 2012, dass in der Schweiz ein weiteres Virus dieser Gruppe auftritt. Die RGS verschickt am selben Tag eine eigene Mitteilung mit Einordnung der Resultate aus allen drei Ländern.

5. August: Die RGS zieht in einem Webinar am Abend (19.30 Uhr) Bilanz. Bis zum 2. August sind 360 Fragebogen von betroffenen Betrieben eingegangen, täglich kommen weitere dazu.

Die Behörden im Fall:

BLV: Verwies zunächst auf die eigene fehlende Zuständigkeit, weil die Krankheit nicht meldepflichtig ist. Meldete sich am 31. Juli erstmals selbst zu Wort und bestätigt seither, die Entwicklung gemeinsam mit dem IVI zu verfolgen.

Institut für Virologie und Immunologie: Bestätigte am 3. August mit eigener Sequenzierung den Erregernachweis für die Schweiz.

RGS: Aktiv seit Mitte Juli mit Merkblättern, Fragebogen und laufenden Updates, trotz Ferienzeit. Sieht die Unterstützung von Tierhaltenden und Tierarztpraxen als eigene Aufgabe, unabhängig von einer formellen Zuständigkeit.

FLI (Deutschland): Lieferte am 3. August die entscheidende Erbgutanalyse und den Verweis auf das Shamonda-Virus.

ENVT (Frankreich): Bereits ab Ende Juli mit ersten Hinweisen auf ein Orthobunyavirus, wichtiger Vorläufer der deutschen und Schweizer Bestätigung.

Was weiterhin offen ist

Die endgültige taxonomische Einordnung des Virus steht noch aus. Ob und wie stark es auf ungeborene Kälber übergreift, lässt sich erst in den kommenden Monaten beurteilen, wenn Kälber von Kühen zur Welt kommen, die sich diesen Sommer angesteckt haben.

Weitere Informationen:
www.rgs-ntgs.ch

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