Um die Zukunft selbstbestimmt zu gestalten, muss die Schweiz wissen, wohin es gehen soll. Mit diesem Grundsatz hat der Verein Monda Futura den ersten Zukunftskompass erstellt. Er basiert auf 40 Szenarien, die in einem ersten Schritt gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt und in einem zweiten online bewertet worden sind.
Jene Szenarien mit den besten Bewertungen aus 13 Teilbereichen bilden den Zukunftskompass – ein Gesamtbild, wie die Schweiz einmal aussehen und funktionieren soll. Es handelt sich um keine Prognosen, sondern um eine wünschenswerte Vision mit breiter Zustimmung.
Landwirtschafts-Szenario auf dem zweiten Platz
Am meisten Zuspruch erhielt das Szenario «florierende Natur dank bewusstem Konsum und verantwortungsvoller Produktion». Bereits auf Platz zwei der Gesamtrangliste steht das Zukunftsbild einer «saisonal und regional verankerten Lebensmittelproduktion». Die Landwirtschaft steht demnach bemerkenswert hoch und ist der Bevölkerung wichtig.
Repräsentativ dank entsprechender Gewichtung
Nun könnte man argwöhnen, bei einer solchen Umfrage würden vor allem einschlägige Teile der Bevölkerung – etwa politisch linksorientierte und Stadtbewohner(innen) – teilnehmen. Das war tatsächlich der Fall. Doch der Zukunftskompass wurde in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut Gfs Bern erstellt und ist repräsentativ für die ganze Schweiz. Um das zu erreichen, haben die Analysten die Antworten von über 2200 Personen anhand soziodemografischer Merkmale und der politischen Gesinnung gewichtet.
Untervertretene Gruppen – z. B. ältere, politisch rechte Personen aus dem Tessin – erhielten so bis zu 29-mal mehr Gewicht als besonders stark übervertretene Gruppen.
Bestätigt, was aus anderen Diskussionen bekannt war
«Die Lebensmittelversorgung ist regional organisiert, vielfältig strukturiert und berücksichtigt ökologische sowie soziale Auswirkungen konsequent.» So lautet das besagte Szenario in voller Länge. «Die hohe Zustimmung zu einer regionalen und saisonalen Lebensmittelproduktion überrascht uns nicht», bemerkt Sandra Helfenstein, Mediensprecherin des Schweizer Bauernverbands (SBV) auf Anfrage.
Im Gegenteil, dieses Ergebnis des Zukunftskompasses bestätige, was der Verband auch aus anderen Diskussionen kenne: Die Bevölkerung messe regional produzierten Lebensmitteln, Versorgungssicherheit, einer intakten Umwelt und vielfältigen Strukturen einen hohen Stellenwert bei. «Bemerkenswert ist allerdings, wie deutlich dieses Szenario bewertet wurde», ergänzt Helfenstein. «Es gehört zu den am stärksten gewünschten Zukunftsbildern überhaupt.»
Eine garantierte Grundversorgung wird gewünscht
Ebenfalls hoch im Kurs ist eine garantierte Grundversorgung als stabile gesellschaftliche Basis. Zentrale Lebensgrundlagen sollen gemeinschaftlich organisiert sowie für alle kostenlos zugänglich sein und ein würdevolles Leben ohne Existenzängste sichern.
«Dieser Wunsch ist nachvollziehbar», findet Sandra Helfenstein. Gerade die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass Versorgungssicherheit eben nicht selbstverständlich ist. «Aus unserer Sicht gehört dazu zwingend auch eine leistungsfähige Land- und Ernährungswirtschaft.»
Bitte nicht zu technisch
Am wenigsten Zustimmung bekamen hochtechnische Zukunftsszenarien. Darunter solche mit ausgeprägter Präsenz von KI im Alltag oder eine stark technologisierte Nahrungsmittelproduktion. Und der allgemeinen, aktuellen Fluglust zum Trotz schnitt auch das Szenario «in 80 Minuten um die Welt» mit emissionsfreier und kostengünstiger Mobilitätstechnologie gar nicht gut ab.
Der Kompass zeigt also, was die Bevölkerung anstreben möchte – und was nicht. Der Unterschied zu anderen Umfragen sind die Szenarien, die in einem aufwendigen Verfahren als Visionen mit den Menschen entwickelt worden sind.
«Wenn wir erkennen, wie viele Ziele wir als Gesellschaft teilen, können wir unsere Zukunft aktiver gestalten», fasst Monda-Futura-Gründer Raffael Wüthrich zusammen. Eine gemeinsame Gesellschaftsvision könnte seiner Meinung nach daher gerade in der heutigen Zeit enorm wichtig sein.
Kein völliger Gegenentwurf zum heutigen System
Was die Landwirtschaft angeht, so sieht Sandra Helfenstein die Schweiz dem favorisierten Zukunftsszenario bereits relativ nahe. «Die Schweizer Landwirtschaft ist stark regional verankert, besteht überwiegend aus Familienbetrieben und verfügt über eine grosse Vielfalt an Produktionsformen und Betriebsstrukturen», gibt sie zu bedenken.
Daher versteht sie das Szenario nicht als völligen Gegenentwurf zum heutigen Ernährungssystem. «Vieles von dem, was sich die Befragten wünschen, gehört bereits zu den Stärken der Schweizer Landwirtschaft», bekräftigt Helfenstein. Deswegen sieht der SBV die hohe Zustimmung in erster Linie als erfreuliche Bestätigung.
Eine Herausforderung sei jedoch die Diskrepanz zwischen Wunsch und tatsächlichem Konsumverhalten – Regionalität, Nachhaltigkeit und hohe Produktionsstandards müssten sich letztlich auch in der Kaufentscheidung und einer entsprechenden Zahlungsbereitschaft widerspiegeln.
«Die Produktion hat einen realen, wirtschaftlichen Wert»
Im ebenfalls hoch erwünschten Szenario einer garantierten Grundversorgung spielt Geld im Alltag allerdings kaum mehr eine Rolle. Lebensmittel wären demnach kostenlos, dafür bringen sich die Menschen an zwei Tagen pro Woche in einem Unternehmen der Grundversorgung ein. Das könnte grundsätzlich auch ein Landwirtschaftsbetrieb sein.
Der SBV ist bei dieser Vision zurückhaltend. «Bei gewissen gemeinschaftlichen Infrastrukturen und Ressourcen können kooperative Modelle durchaus sinnvoll sein», räumt Sandra Helfenstein ein. Die Landwirtschaft kennt solche Modelle seit Langem, etwa in Form von Genossenschaften oder gemeinschaftlich genutzter Infrastruktur.
«Bei Lebensmitteln ist jedoch entscheidend, dass deren Produktion einen realen wirtschaftlichen Wert hat», so die SBV‑Sprecherin. Und weiter: «Lebensmittel sind nicht kostenlos: Es stehen viel Arbeit, Boden, Gebäude, Maschinen, Energie und weitere Produktionsmittel dahinter.»
Vollständiger Rückzug des Staates wäre nicht realistisch
Der Staat soll schlank sein und sich auf wenige Aufgaben beschränken. Den Rest organisieren freie, verantwortungsbewusste Menschen lokal, kooperativ und gemeinschaftlich selbst. So beschreibt Monda Futura das Gesamtbild des Zukunftskompasses.
In Teilen entspreche das durchaus dem, was der SBV anstrebt, sagt Sandra Helfenstein. «Eigenverantwortung, Unternehmertum, dezentrale Strukturen und möglichst wenig unnötige Bürokratie sind Anliegen, die auch der SBV vertritt», erläutert sie. Die Landwirtschaft sei darüber hinaus traditionell stark lokal organisiert und kenne viele entsprechende Strukturen.
«Ein vollständiger Rückzug des Staates wäre jedoch nicht realistisch», schränkt Helfenstein ein. Denn die Landwirtschaft erbringe zahlreiche Leistungen, die vom Markt nicht oder nur teilweise abgegolten würden – beispielsweise für Landschaft, Biodiversität oder Versorgungssicherheit.
«Dafür braucht es einen politischen Auftrag und entsprechende Rahmenbedingungen», so die SBV‑Sprecherin. Der Verband würde daher eher von einem effizienten Staat mit klaren Aufgaben und möglichst grossem unternehmerischen Handlungsspielraum sprechen.
Wo es spannend wird
Monda Futura versteht den Zukunftskompass als Einladung zum Weiterdenken – über die Grenzen des heutigen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems hinaus. Zwar denke die Landwirtschaft zwangsläufig langfristig, wenn es etwa um die Ausrichtung der Produktion oder die Sicherung natürlicher Ressourcen gehe.
«Der Zukunftskompass kann dabei Denkanstösse liefern», meint aber Sandra Helfenstein. Für den SBV sei indes entscheidend, Zukunftsbilder anschliessend auf ihre praktische Umsetzbarkeit zu prüfen. Eine Vision alleine produziert keine Lebensmittel.
«Spannend wird es dort, wo aus gesellschaftlichen Wünschen tragfähige Lösungen entstehen, die ökologische Ziele, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Perspektiven für die Bauernfamilien miteinander verbinden», schliesst Helfenstein.
Die Ergebnisse des Zukunftskompasses sind auf dieser Website erlebbar aufbereitet.

