Franziska Herren und ihre Mitstreiter treten in einen schwierigen Abstimmungskampf um die Ernährungs-Initiative. Keine grossen Parteien unterstützen sie, zu ihren politischen Gegnern gehören unter anderem der Schweizer Bauern-, der Schweizerische Gewerbeverband und Gastrosuisse. «Wir haben uns um Zusammenarbeit bemüht», versicherte Herren anlässlich der Medienkonferenz zum Start der Ja-Kampagne. Der Widerstand sei aber enorm, wenn es um die Förderung pflanzlicher Ernährung gehe. «Das ist ein rotes Tuch für die Fleischlobby, anders kann ich mir das nicht erklären», sagte die Initiantin. Aber weil das Anliegen der Ernährungssicherheit und sauberen Trinkwassers so wichtig sei, habe man sich entschlossen, diese Initiative allen Widerständen zum Trotz zu starten.
Keine Strategie fürs Wasser und schlecht vorbereitet
Während die Gegnerschaft die Ernährungs-Initiative geschlossen als unnötige Zwängerei kritisiert, zeigt sich das Ja-Komitee tief besorgt über die derzeitige Lage der Schweiz. «Wir haben keine nationale Strategie, um unsere Wasserversorgung sicherzustellen», gab Franziska Herren zu bedenken. Die Landwirtschaft sei nicht ausreichend auf den Klimawandel vorbereitet und – trotz so Verfassungsauftrag – nicht so ausgerichtet, dass sie innert eines Jahres in Krisen oder Mangellagen die Bevölkerung zu 100 Prozent aus eigenem Boden versorgen könnte. «Das ist bedrohlich», findet Herren. In der heutigen unsicheren Welt könnten Importe schliesslich sehr plötzlich wegfallen. Dass ihre Forderung, einen netto Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent innert 10 Jahren zu erreichen, als realitätsfremd und utopisch bezeichnet wird, bestätigt sie Herren darin, wie schlecht die Schweizer Lebensmittelversorgung in Krisen gewährleistet wäre.
Wissenschaftliche Basis für hohen Selbstversorgungsgrad
Franziska Herren ist überzeugt, dass sich die Schweiz zu 100 Prozent selbst versorgen könnte. «Dafür müssen das Grasland für die Milch- und Fleischproduktion genutzt und die Ackerflächen für den Anbau von pflanzlichen Lebensmitteln für den Menschen priorisiert werden», führte sie weiter aus. Herren stützt sich auf eine Studie von FiBL, ETH Zürich und der Ö+L GmbH. Darin kommen die Forschenden zum Schluss, dass durch die konsequente Behebung von Ineffizienzen wie Futtermittel vom Acker oder Kraftfutter für Rinder ein viel höherer Selbstversorgungsgrad bei geringerer Umweltbelastung möglich wäre. «Genau diesen Weg geht die Initiative für eine sichere Ernährung, ohne dabei eine Ernährungsweise auszuschliessen», bekräftigte die Initiantin.
«100 Prozent Selbstversorgungsgrad wären möglich»: Was die Forschung sagt und was ein Bauer davon hält
Ein Forscherteam legt eine Studie dazu vor, wie sich der Schweizer Selbstversorgungsgrad mit Gewinn für die Umwelt mittelfristig markant steigern liesse. Für Stefan Krähenbühl ist klar: Diese Landwirtschaft kann oder will sich der heutige Konsument nicht leisten.Lesen«Teurer, ineffizienter und ökologisch unsinniger» Umweg übers Tier
Dass 75 Prozent der Bundesgelder für die Landwirtschaft in die tierische Produktion fliessen, bezeichnete Regula Züger als Förderung eines «teuren, ineffizienten und ökologisch unsinnigen» Umwegs. Nutztiere lehnt die ETH-Agronomin vom Glück-Hof in Baden AG aber nicht ab. «Das Grasland gehört zu den Wiederkäuern, die Produkte des Ackerlandes gehören auf den Teller der Bevölkerung – nicht in den Trog», verdeutlichte sie ihre Haltung. Die starke finanzielle Unterstützung des Bundes für die tierische Produktion mache es den Landwirt(innen) aber schwierig, etwas anderes zu produzieren. Aufgrund der Futtermittelimporte wird in Zügers Augen rund die Hälfte des «Schweizer Fleisches» im Endeffekt auf Äckern im Ausland produziert. «Das beschert uns ganz nebenbei einen riesigen Gülle-Überschuss mit allen bekannten ökologischen Problemen», ergänzte die Aargauerin. Mit importiertem Futter würden sodann etwa Schweine gefüttert und Milch produziert – die aktuell als Überschüsse den Markt belasten. Die Ernährungs-Initiative wolle keine Landwirtschaft nur für Veganer oder ohne Tiere. «Sondern eine Landwirtschaft mit klarem Flächensinn», fasste Regula Züger zusammen.
Zugunsten von Bauern: Für eine «menschliche Landwirtschaft»
Dass eine vermehrt pflanzliche Produktion für Landwirt(innen) Vorteile hätte – sofern die Politik für die nötige wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit sorgt –, betonte Biobäuerin Gertrud Häseli. «Die Bäuerinnen und Landwirte versklaven sich durch teure Stallinfrastruktur und die Lieferverträge der Futtermittel», so Häseli. Die meisten Tierhalter hätten eine 7-Tage-Woche, kaum Ferien und ständig mit aufgrund von Überproduktion tiefen Preisen für Fleisch, Eier und Milch zu kämpfen. «Durch die Förderung der Produktion und des Konsums von pflanzlichen Lebensmitteln verschafft die Initiative den Bäuerinnen und Landwirten Produktionssicherheit und eröffnet neue Marktchancen», sagte Häseli, die sich auch als «Familienköchin» vorstellte. Ein Ja zur Ernährungs-Initiative ist daher für sie ebenfalls ein Ja für eine «menschliche Landwirtschaft».
Umsetzung des Initiativtextes liegt an zuständigen Fachleuten
David Jacobsen bezeichnete die Ernährungs-Initiative sogar als «Initiative von Bauern für Bauern». Es entspreche dem Selbstverständnis jedes Bauern, einen möglichst grossen Beitrag zur Ernährung der Schweizer Bevölkerung zu leisten und so auch optimal an der Gesamtwertschöpfung teilzuhaben. Jacobsen ist Co-Schulleiter der biodynamischen Ausbildung Schweiz, Mit-Initiant des Direktvermarktungsprojekts Koopernikus und war Mit-Betriebsleiter des Guts Rheinau. Er verwies auf den Wortlaut der Initiative: «Der Initiativtext ist so gestaltet, dass die genaue Umsetzung im Ermessen der zuständigen Fachpersonen in Bern liegt.» Die landwirtschaftlichen Massnahmen würden mit Direktzahlungen, Bildung, Grenzschutz, Investitionshilfen und Forschung unterstützt. Ausserdem würde laut Jacobsen ein klares 70-Prozent-Ziel für den Selbstversorgungsgrad der Schweiz den Gemeinden das rechtliche Werkzeug an die Hand geben, um «endlich kompromisslos auf echte, lokale Nachhaltigkeit zu setzen».
Wichtig für die Wasserversorgung und gut für die Gesundheit
Für Roman Wiget, Co-Präsident des Trinkwasserverbands AWBR und Klaus Lanz, Chemiker und Wasserwissenschaftler, verspricht die Ernährungs-Initiative die Grundlage für eine dringend notwendige nationale Wasserstrategie. Sie soll dafür sorgen, dass Trinkwasser wirksam qualitativ und quantitativ geschützt wird. Als Ärztin hob Sabine Heselhans die gesundheitlichen Vorteile einer vermehrt pflanzlichen Ernährung hervor. «Das heutige Agrar- und Ernährungssystem verursacht Folgekosten in den Bereichen Umwelt, Klima und Gesundheit in Höhe von 31,8 Milliarden Franken jährlich», beschrieb sie. Mit ihren Forderungen und verbindlichen Zielen sorge die Ernährungs-Initiative dafür, dass diese Folgekosten vorsorglich vermieden und abgebaut würden.
Wenn, dann besser wenig Fleisch statt Futtermittel importieren
Zu mehr Importen würde eine Annahme der Ernährungs-Initiative aus Sicht des Ja-Komitees nicht führen. Wenn Konsument(innen) besser über pflanzliche Ernährung informiert und nicht «von morgens bis abends» mit Fleischwerbung bearbeitet würden, sänken die Importzahlen automatisch, sagte Franziska Herren. Der heute staatlich geförderte, stark tierische Konsum könne die Schweiz schliesslich gar nicht selbst abdecken. Regula Züger fände es besser, allenfalls in geringen Mengen noch Fleisch zur Ergänzung der Inlandproduktion zu importieren, statt Futtermitteln, die mit Gülleübschüssen zu Umweltproblemen führten. Die Anwesenden hielten an der Medienkonferenz fest, die Ernährungs-Initiative mache keine Vorschriften darüber, was Schweizer(innen) essen. «Das Diktat besteht vielmehr heute durch das sehr fleischbetonte Marketing», meinte Sabine Heselmann.
Schauen, woher der Widerstand kommt
«Ich habe nichts falsch gemacht», antwortete Franziska Herren auf die Frage eines Journalisten danach, was sie nach der Ablehnung der Trinkwasser-Initiative anders machen werde. «Wenn man das System ändern möchte und etwas Neues verlangt, dann gibt das Widerstand», stellte sie fest. Die Bevölkerung solle darauf achten, von wem dieser Widestand käme – nämlich in erster Linie von grossen Verbänden, die von Steuergeldern profitierten. Das Stimmvolk wird am 27. September über die Ernährungs-Initiative entscheiden. «Was wir hier machen, ist essentiell und sehr wichtig», ist sich die Initiantin sicher. «Es ist schade, dass das die Politik nicht mitträgt.»

