Die Ergebnisse legen nahe: Melkausrüstung ist eine bisher übersehene Kontaminationsquelle für Milch. So lautet das Fazit eines Forscherteams der EPFL Lausanne. Die Wissenschaftler haben zusammen mit Agroscope Proben von 17 Betrieben analysiert und nach gummiassoziierten Stoffen in der Rohmilch gesucht.
Ursprünglich standen Chemikalien aus Reifenabrieb im Fokus, die via Futter in die Milch gelangen könnten. Sieben von 17 Proben enthielten sie auch. Und sie kamen nicht in Milch vor, die von Bergbetrieben jenseits stark befahrener Strassen stammte.
Aus zugelassenen Materialien
Im Gegensatz dazu wurden allerdings mehrere Stoffe aus Gummiteilen in Melkanlagen in allen Proben nachgewiesen. Laut der Studie können Schläuche, Dichtungen und Ähnliches grosse Mengen Stoffe enthalten, die jenen aus dem Abrieb von Autoreifen ähneln. Sie machen den Gummi flexibler, hitze- und verschleissbeständiger, oder entstehen bei der Alterung des Materials. «Erstaunlich ist, dass diese Substanzen aus Materialien stammen, die für den Kontakt mit Lebensmitteln zugelassen sind», lässt sich Studienleiter Florian Breider von der EPFL zitieren.
Die Chemikalien gelangen anscheinend trotzdem in die Rohmilch. Es ist allerdings zu beachten, dass die in der Milch nachgewiesenen Konzentrationen im Allgemeinen niedrig waren. Die Melkanlagen auf den beprobten Betrieben hätten eine «gewisse Abnutzung» aufgewiesen, teilt die Hochschule mit.
Thema in der Früherkennung identifiziert
Die grosse Frage im Raum: Wie geht es nach diesen Resultaten weiter? Auf Anfrage gibt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) Auskunft. Es hat die Arbeit der EPFL in dieser Sache unterstützt. Das Früherkennungssystem des Bundesamts habe Substanzen aus Reifenabrieb in landwirtschaftlichen Produkten als relevantes Thema identifiziert, begründet Mediensprecherin Tiziana Böbner-Lombardo das Engagement. «Es ging bei dieser Studie um die Frage, ob gummiassoziierte Chemikalien in Rohmilch vorkommen und welche möglichen Eintragsquellen bestehen», so Böbner-Lombardo. Dass dies der Fall ist und die Substanzen aus Melkanlagen stammen können, haben diverse Medien mittlerweile aufgenommen.
Die Studie habe nicht untersucht, ob die nachgewiesenen Konzentrationen ein gesundheitliches Risiko darstellen, fährt die Mediensprecherin fort. Aber: «Der analytische Nachweis eines Stoffes bedeutet für sich allein noch keine Gefährdung der Gesundheit», hält sie fest. Für eine belastbare Risikobewertung seien Angaben zur Exposition und ausreichende toxikologische Daten erforderlich.
Ergebnisse werden national und international geteilt
Für Substanzen aus Gummimaterialen mit Lebensmittelkontakt gibt es gemäss BLV derzeit weder in der Schweiz noch in der EU substanzspezifische Regelungen. Es gelten also auch keine Höchstwerte für die Stoffe, die von der EPFL in den 17 Rohmilchproben gefunden worden sind.
Einige der gemessenen Substanzen würden aber in den Empfehlungen des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung (BFR) beurteilt, so Tiziana Böbner-Lombardo. «Das BLV teilt und diskutiert die Ergebnisse mit nationalen und internationalen Partnerbehörden», sagt sie zum weiteren Vorgehen. Dies unter anderem im Rahmen des Gummi-Ausschusses des BFR und im Netzwerk der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa).
Es hängt von der EU ab
Die EPFL schreibt zwar, es brauche zusätzliche Untersuchungen. Etwa zur Klärung, wie Gummi-Chemikalien in die Lebensmittelproduktion gelangen und ob eine langfristige Exposition über die Nahrung Risiken birgt. Das BLV plant jedoch derzeit kein konkretes weiteres Forschungsprojekt zu diesem Thema. Man verfolge indes die wissenschaftlichen und regulatorischen Entwicklungen und werde neue Erkenntnisse in die Beurteilung des BLV einbeziehen, ergänzt Tiziana Böbner-Lombardo.
Der Bedarf für eine substanzspezifische, internationale Regelung von Gummimaterialien mit Lebensmittelkontakt sei erkannt. Die weiteren Arbeiten würden aber von der neuen EU-Rahmenverordnung für Lebensmittelkontaktmaterialien abhängen. «Ob und welche konkreten Vorschriften oder Höchstwerte daraus entstehen, lässt sich derzeit noch nicht sagen», meint Böbner-Lombardo. Sollte die EU entsprechende Regelungen beschliessen, werde die Schweiz deren Übernahme prüfen.

