Landwirt Georg Dällenbach spricht Klartext: «Alles läuft derzeit am Limit, es fehlt der Spielraum»

Die Bauern müssten sich anpassen, findet Landwirt Georg Dällenbach – aber auch die Rahmenbedingungen. Er spricht über den Extremsommer, Albert Rösti und die Haltung von Uniterre.

Wiesen und Äcker sind vielerorts wieder grün, der von Hitze und Trockenheit gezeichnete Mais ist grossmehrheitlich abgeräumt. Aber die Flüsse führen nach wie vor wenig Wasser, es ist zu warm für die Jahreszeit und bei jeder Bodenbearbeitung trägt der Wind wertvolle Erde davon. «2026 muss ein Wendepunkt sein», betont Laurène Descamps, Mit-Initiatorin der Koalition «Keine 50-Grad-Sommer».

Der Zusammenschluss aus über 170 Organisationen verschiedener Bereiche habe sich in diesem Sommer in Rekordzeit gebildet – «aus Wut und Frustration, aber auch aus Entschlossenheit, eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen», wie Descamps sagt. Insgesamt 15 Demonstrationen in der ganzen Schweiz sollten die Politik zum Aktivwerden aufrufen. Und zeigen, dass die Bevölkerung bereit ist für entschlossenes Handeln, erklärte die Koalition Ende September vor den Medien. Über 17 000 Menschen sind laut den Organisatoren dem Aufruf in der Deutschschweiz und im Tessin gefolgt.

Die Betroffenheit der Landwirtschaft darlegen

An der Medienkonferenz sprach auch Georg Dällenbach. Der Bio-Landwirt und Agronom führt zusammen mit seiner Frau einen Kleinbetrieb in Uerkheim AG. «Ich habe mich in die Öffentlichkeit gewagt, weil mich der Extremsommer persönlich stark betroffen gemacht hat», sagt er. Gleichzeitig hat Dällenbach aus verschiedenen Gründen Zeit, um sich zu engagieren. Es war ihm wichtig, die Betroffenheit der Landwirtschaft darzulegen und Lösungsvorschläge aus der Praxis zu machen. Dies nicht nur als Einzelperson, sondern auch im Namen von Uniterre, in deren Vorstand Dällenbach seit 2025 (wieder) aktiv ist.

«All diese Symptome gehen mir nahe»

«Als Bio-Betrieb hacken wir viel. In diesem Sommer haben wir aber nicht unbedingt wegen des Unkrauts gehackt, sondern um das Wasser im Boden zu halten», schildert Georg Dällenbach. In seinem Permakultur-Garten überlebte so das meiste Gemüse ohne Bewässerung.

Auf den 6 ha LN wuchs allerdings – wie praktisch überall – nach dem ersten Schnitt kaum mehr Grünfutter nach. «Wir hatten Glück, den Tierbesatz bereits zuvor verkleinert zu haben», so der Aargauer. Weil Georg Dällenbach 65 geworden ist, bewirtschaften Dällenbachs nur noch ihr Eigenland, und das extensiv. Die drei Yakkühe mit zugehörigem Stier, die zwei Pferde sowie die Pro-Specie-Rara-Enten und -Hühner können sie auch in einem Sommer wie 2026 versorgen. Zusätzlich konnten Dällenbachs nahegelegenen Betrieben mit Futter aushelfen.

Insofern ist der Bio-Landwirt glimpflich davongekommen. Aber der Anblick der vertrockneten Landschaft, die generellen Ertragseinbussen, Mauersegler, die aus überhitzten Nestern springen und hilflos am Boden liegen, oder Igel, die zu verdursten drohten – das lässt Georg Dällenbach alles andere als kalt. «Es sind all diese Symptome, die mir nahegehen», meint er. «Wenn ich Klimaforschern zuhöre, wird mir angst und bange.»

Fototermin im ausgetrockneten Flussbett: Mitglieder des Klimastreiks mobilisieren für Demonstrationen. (Bild: Klimastreik Schweiz)

Klimaschutz und nicht nur Anpassung: Blick aufs Ganze

Alarmierende Aussagen macht etwa Moritz Gubler. Der Klimawissenschaftler sprach an der Medienkonferenz der Koalition «Keine 50-Grad-Sommer». «Wenn wir Sommer wie 2026 nicht zur Normalität werden lassen wollen, müssen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft entschlossen und rasch handeln», so Gubler. Das betreffe nicht nur die Anpassung an den Klimawandel, sondern ebenso die Minderung der Ursachen.

Derzeit stehen in der Landwirtschaft Anpassungsmassnahmen im Vordergrund. Nach Meinung von Uniterre sollen etwa resiliente Anbausysteme wie Futterhecken und das gezielte Wassermanagement gefördert werden. Klimaschutz im Sinne der Emissionsreduktion ist hingegen in der Landwirtschaft ein heikleres Thema. Georg Dällenbach plädiert für einen Blick aufs Ganze.

«Der Tierbestand ist in der Schweiz grundsätzlich viel zu hoch», findet er und erinnert an Seen, die wegen Nährstoffüberschüssen belüftet werden müssen. «Aber deswegen sind Kühe keine Klimakiller.» Der Viehbestand wäre seiner Meinung nach so anzupassen, dass die anfallenden Dünger regional genutzt werden können. «Das darf nicht den Anstrich einer Abfallentsorgung haben», so Dällenbach.

Mehrfaches politisches Versagen in der Schweiz

Uniterre wirft den politischen Akteuren in der Schweiz sträfliche Untätigkeit bezüglich Klimaschutz vor. Es ist eine entsprechende Klimaklage der Organisation vor dem Bundesverwaltungsgericht hängig. Auch in Sachen Tierbesatz sieht Georg Dällenbach ein politisches Versagen: «Als ich noch in der Lehre war, hat man die Landwirte auf die innere Aufstockung eingeschworen, damit sie wirtschaftlich überleben konnten», erinnert er sich. Ähnlich fehlgeleitet erscheint ihm die Absicht des Bundesrats, mit der AP 30+ künftig Kleinbetriebe von Direktzahlungen auszuschliessen.

«Albert Rösti sagt, wenn Betriebe eingehen, spiele der Markt», kritisiert Dällenbach weiter. Für ihn ist das angesichts der Schicksale hinter den Betriebsaufgaben, hoher Selbstmordraten und Burn-outs geradezu zynisch.

Spielraum würde Resilienz bedeuten

Durch eine schwere Depression wurde Georg Dällenbach vor vier Jahren selbst für längere Zeit arbeitsunfähig. Er fand den Weg zurück, bekam aber auch zu spüren, welche Folgen der wirtschaftliche Druck auf das soziale Miteinander hat. So wurde der Bio-Landwirt während seiner persönlichen Krise direkt gefragt, wie es denn nun mit seinem Land weitergehen würde.

Burn-out-Fälle erinnern Dällenbach an das Konzept der «Indikatortiere»: einzelne Tiere, die empfindlicher reagieren als der Rest der Herde. Sie werden krank, zeigen aber eigentlich ein Problem, das den ganzen Bestand betrifft. «In moderner Hochleistungsproduktion werden solche Tiere geschlachtet», hält er fest.

Alles laufe in der Landwirtschaft derzeit am Limit. Es fehle überall der Spielraum, beobachtet Dällenbach. Resilienz gegen Klimawandel und Krisen würde für ihn jedoch bedeuten, genau solchen Spielraum zu haben.

«Es ist ein Grundsatzproblem», stellt der Aargauer klar. Er hätte selbst kaum die Zeit gefunden, an der Medienkonferenz teilzunehmen, hätte sich sein Umfeld nicht wie geschildert verändert. Dasselbe gilt für sein Engagement im Vorstand von Uniterre. Wegen Überlastung hatte er diese Tätigkeit zuvor an den Nagel gehängt.

«Uniterre will eine Gegenstimme sein»

Vom Schweizer Bauernverband und den meisten Bäuerlichen im Parlament fühlt sich Georg Dällenbach nicht vertreten. «Uniterre will eine Gegenstimme sein», sagt der Bio-Landwirt. Für die Zukunft gelte es aber, das Gemeinsame in der Landwirtschaft zu pflegen.

«Wir sollten Vorurteile abbauen und mit jenen ins Gespräch kommen, die nicht nach denselben Richtlinien arbeiten wie wir», findet Dällenbach. Alle Bauern hätten viel gemeinsam – egal, ob sie SVP oder Grüne wählen, einen Bio-Kleinbetrieb oder Intensivmast hätten. Geeint seien die Landwirt(innen) nicht zuletzt durch die Herausforderungen des Klimawandels und die Folgen des Extremsommers 2026.

Die Bäume dürfen wachsen

Um für den nächsten Sommer gerüstet zu sein, hat Georg Dällenbach Lücken in seinem Grasland mit einer Luzernemischung übersät. Seit einem Jahrhunderthochwasser 2017 hält eine Dornhecke am Steilhang den Boden zusammen. Die Bäume, die auf den verdorrten Weiden ohne Mähen aufkamen, lässt er wachsen oder verpflanzt sie gezielt zu Schatten spendenden Reihen.

Es sind unter anderem Eichen. «Das erinnert mich an das System der Dehesa in Südspanien, wo man Schweine unter Korkeichen hält», bemerkt er. Das könnte sich Dällenbach auch vorstellen – wäre aber wohl schwer mit dem Gewässerschutz vereinbar. «Nicht nur wir Bauern müssen uns ändern, sondern auch die Rahmenbedingungen», so sein Fazit.

Laurène Descamps zieht für die Koalition «Keine 50-Grad-Sommer» eine ähnliche Schlussfolgerung, bezieht sie aber auf alle Sektoren und die Gesellschaft als Ganzes: «Unser kollektives Überleben hängt von unserer Fähigkeit ab, die Dinge grundsätzlich zu verändern.»

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