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An den Klimawandel anpassen: eine Notwendigkeit mit Hürden

Mögliche Anpassungsmassnahmen sind bekannt und in Listen gesammelt. Aber das Wissen muss in die Praxis – und die Rahmenbedingungen müssen stimmen, betont Selina Fischer vom Schweizer Bauernverband (SBV).

2026 ist ein Jahr der Temperatur- und Trockenheitsrekorde im Sommer. Wenn man die offiziellen Klimaszenarien des Bundes für die Schweiz anschaut, dürfte es aber in dieser Art weitergehen (siehe Kasten). «Ob 2026 eine eigentliche Wende bei der Klimaanpassung bringt, ist offen», hält Selina Fischer fest. Der diesjährige Sommer führe jedoch deutlich vor Augen, wie stark die Schweiz und insbesondere die Landwirtschaft von den Folgen des Klimawandels betroffen seien, sagt die Co-Leiterin Energie und Umwelt beim Schweizer Bauernverband (SBV).

«Für die Bauernfamilien sind diese Auswirkungen unmittelbar spürbar und können Erträge, Produktionsbedingungen und die wirtschaftliche Stabilität der Betriebe beeinträchtigen», fährt sie fort. Umso wichtiger ist es ihrer Meinung nach, die Klimaanpassung nun mit grösserer Dringlichkeit voranzutreiben.

Liste mit Massnahmen ist verfügbar

Grundsätzlich geht der SBV davon aus, dass mögliche Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel den Betriebsleiter(innen) bekannt sind. Man hat tatsächlich in der Regel schon davon gehört oder gelesen, sei es Bodenbedeckung und reduzierte Bodenbearbeitung im Ackerbau, der Einsatz von Gehölzen für die Fütterung von Milchvieh oder Mutterkühen, Vernebelungsanlagen im Schweinestall, robuste Zweinutzungsrassen beim Geflügel oder der Abschluss von Ernteversicherungen. Agridea hat eine übersichtliche Massnahmensammlung auf Agripedia zusammengestellt.

Gehölze – seien es Bäume oder Hecken – stabilisieren Hänge, spenden Schatten und können die Wasserretention verbessern. Nicht zuletzt sind sie in Trockenzeiten eine potenzielle Futterquelle. (Bild: Jil Schuller)
Auch gesunde Tiere sind eine Form der Klimaanpassung, denn sie kommen besser mit hohen Temperaturen zurecht. Angepasste Weidezeiten und Massnahmen für ein gutes Stallklima sind bekannte Ansätze. (Bild: Jil Schuller)

Das Wissen muss aufbereitet werden

Diese Übersicht sei ein wichtiger Schritt, weil sie viele Informationen bündele und zugänglich mache, lobt Selina Fischer. «Für Fachpersonen, Beratung und interessierte Betriebe ist sie eine wertvolle Grundlage», so ihre Einschätzung.

Die Herausforderung bleibe aber, auch jene Betriebsleiter(innen) zu erreichen, die im hektischen Alltag keine Zeit haben für die Auseinandersetzung mit umfangreichen Online-Dokumenten. Daher brauche es weiterhin eine praxisnahe, zielgruppengerechte Aufbereitung sowie geeignete Beratungs- und Kommunikationsangebote, damit aus dem vorhandenen Wissen konkrete Anpassungsmassnahmen auf den Betrieben entstehen.

«Unterstützungsmöglichkeiten reichen nicht aus»

Neben praxistauglichen Lösungen seien aber auch verlässliche Rahmenbedingungen und ein gemeinsames Engagement von Landwirtschaft, Forschung, Beratung, Politik und Wertschöpfungskette vonnöten, meint Selina Fischer. Es gebe bereits verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten, räumt sie ein. «Diese reichen angesichts der wachsenden Herausforderungen jedoch nicht aus.» 

Gerade die Mittel des Bundes für Strukturverbesserungen seien ausgeschöpft, wodurch teilweise sehr lange Wartezeiten entstünden. Das könnte sich bessern: Das Parlament hat die Gelder für die Strukturverbesserungen im Finanzrahmen 2026–2029 um gut ein Drittel erhöht.

Ausserdem ist nach Aussage von BLW-Direktor Christian Hofer ein weiterer Ausbau im Rahmen der AP 30+ geplant. Ob es genügend Instrumente gibt, ist für Fischer aber nicht das Entscheidende – sondern, ob sie es den Betrieben ermöglichen, rechtzeitig und wirksam auf den Klimawandel zu reagieren.

Instrumente auf konkrete Herausforderungen ausrichten

Die Herausforderung zeige sich gerade beim Thema Wasser: «In vielen Regionen braucht es langfristige Lösungen wie Speicher, Bewässerungsinfrastrukturen oder einen gesicherten Zugang zu Wasser, damit die Produktion auch bei zunehmender Trockenheit erhalten werden kann.» 

Solche Projekte liessen sich nicht von heute auf morgen umsetzen. Sie setzen Planung, Bewilligungen und langfristige Investitionen voraus. Daher müssten die bestehenden Instrumente stetig weiterentwickelt und stärker auf die konkreten Herausforderungen der Klimaanpassung ausgerichtet werden. «Dazu gehört, dass Investitionen dort möglichst schnell ermöglicht werden, wo sie für die Betriebe aufgrund regionaler Klimarisiken besonders wichtig sind», betont die Agronomin. Als Beispiele nennt sie den Bereich Wassermanagement, die Bewässerung oder Anpassungen in der Infrastruktur.

Anpassung geht nur, wenn das Drumherum stimmt

Beim gemeinsamen Engagement für Klimaanpassung entlang der Wertschöpfungskette sieht Selina Fischer Fortschritte. Die Akteure müssten aber in Zukunft noch stärker in die Verantwortung genommen werden. Schliesslich könnten Landwirt(innen) mit neuen Kulturen, Sorten und Bewirtschaftungsformen auf den Klimawandel reagieren.

«Solche Anpassungen sind aber nur tragfähig, wenn auch Absatz, Verarbeitung und Übernahmebedingungen darauf ausgerichtet werden», ergänzt Fischer. Die damit verbundenen Risiken dürften nicht allein bei den Produzent(innen) bleiben.

Positivbeispiel für gemeinsames Engagement der Branche

Ein positives Beispiel dafür sieht sie in der Kartoffelbranche, wo sich verschiedene Akteure gemeinsam dafür einsetzen, robuste Sorten stärker zu fördern und damit die Widerstandsfähigkeit des Anbaus zu erhöhen. «Bei neuen und alternativen Kulturen, beispielsweise bei pflanzlichen Proteinpflanzen, zeigt sich hingegen deutlich, dass es nicht reicht, wenn sie auf dem Feld funktionieren», so Selina Fischer. Verlässliche politische Rahmenbedingungen müssten ebenso gegeben sein, damit man solche Kulturen in der Schweiz langfristig anbauen kann und nicht gegenüber Importware mit anderen Produktionsbedingungen ins Hintertreffen gerate.

«Strategie allein ändert Realität nicht»

Klimaschutz und -anpassung will der Bundesrat ebenfalls gemeinsam entlang der Wertschöpfungskette angehen. Darauf ist die Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung (KSLE) ausgerichtet. Für Selina Fischer ist die KSLE daher ein wichtiger Schritt.

Doch sie relativiert: «Eine Strategie allein verändert die Realität auf den Betrieben nicht.» Für entscheidend hält sie, dass aus den strategischen Zielen praxistaugliche Massnahmen, geeignete Rahmenbedingungen und ausreichende Unterstützung entstehen. Gerade bei der Klimaanpassung bräuchte es laut Fischer konkrete Instrumente. Hier sieht die Agronomin den Bund in der Verantwortung, die Umsetzung gemeinsam mit den Kantonen und der Branche konsequent voranzutreiben. «Gleichzeitig müssen die Massnahmen wirtschaftlich tragbar sein und den Betrieben tatsächlich helfen, ihre Widerstandsfähigkeit zu stärken», mahnt Fischer.

Nach wochenlanger Trockenheit kehrt der Niederschlag in Form von Starkregen zurück – auch das gehört zum Klimawandel. (Bild: Jil Schuller)

Vom heftigsten Szenario ausgehen

Erst im letzten Jahr wurden die Klimaszenarien für die Schweiz aktualisiert und liefern Zahlen dazu, was laut Forschern kommen wird. So trat eine Sommertrockenheit im Mittel von 1901–2020 etwa einmal in zehn Jahren auf. Im heftigsten Klimaszenario – der «3-Grad-Welt» – bereits mehr als dreimal häufiger und mit deutlich ausgeprägterem Wasserdefizit von -43 mm.

Im Frühling 2026 haben Experten des «Netzwerks Anpassung» die Empfehlung herausgegeben, von eben dieser 3-Grad-Welt auszugehen. Das entspreche der aktuellen klimatischen Entwicklung und sei eine realistische Grundlage für mittel- und langfristige Planungen. Eine 3-Grad-Welt bedeutet aber aufgrund der hiesigen Topografie für die Schweiz einen Anstieg der mittleren Temperatur um 4,9 Grad. Zum Vergleich: Im Juli 2026 lag die monatliche Durchschnittstemperatur schweizweit 3,2 Grad über der Referenzperiode.

Drei Strategien der Resilienz

Um mit den Folgen des Klimawandels umgehen zu können, müssen Landwirtschaftsbetriebe resilient sein. Resilienz ist definiert als die Fähigkeit, Krisen besser zu überstehen bzw. sich schneller an neue Situationen anpassen zu können. Den Betriebsleitenden stellen sich zwei Fragen, wie es in einem Arbeitspapier des SBV heisst:

  1. Welche Folgen hat der Klimawandel auf den individuellen Betrieb?
  2. Wie gut kann sich der Betrieb anpassen und wie widerstandsfähig ist er?

Diese Fragen könnten im Rahmen der drei Strategien der Resilienz angegangen werden:

Widerstehen (kurzfristig und mit weniger Investitionen verbunden): Trotz Krise wird der Status quo der Produktion aufrechterhalten oder nach kurzer Zeit wiederhergestellt sein. Wichtig sei bei dieser Strategie ein gutes Risikomanagement, das dem Betrieb erlaubt, den «Schock» zu überstehen und sich schnell zu erholen, etwa dank finanzieller Reserven oder durch den Aufbau von Futtervorräten. Bewässerung, resistente Sorten, Frostschutz und die Optimierung des Tierbestands sind mögliche Massnahmen für eine bessere Widerstandskraft.

Anpassen (mittelfristig, mittlere Investitionshöhe): Betriebe können sich gut an die sich verändernden Bedingungen anpassen, damit die Produktion aufrechterhalten werden kann. Entsprechende Massnahmen sollen die Flexibilität der Höfe gewährleisten. Beispiele wären Diversifizierung des Produktangebots, effiziente Bewässerungssysteme, generell technische Anpassungen oder der Aufbau eines Agroforsts.

Transformieren (langfristig, hohe Investitionen): Ein transformationsfähiger Betrieb kann sich grundlegend verändern, z. B. durch einen neuen Betriebszweig mit Verarbeitung und Veredelung, die Umstellung auf Bio-Produktion, Direktverkauf oder den Einstieg in nicht-landwirtschaftliche Aktivitäten.

Mit zunehmender Häufigkeit und Schwere der wiederkehrenden Ereignisse – seien es Wassermangel, Hitze, Starkniederschläge oder Spätfrost – gewinnen Anpassung und Transformation für die langfristige Resilienz an Bedeutung.

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