Frau Boss, auf Ende Juli 2026 verlassen Sie Ihre Stelle als Leiterin des Kompetenzbereichs Tiere und tierische Produkte. Was gab den Ausschlag für den Weggang von Agroscope?
Persönliche und familiäre Gründe haben dazu geführt, dass ich meine Stelle als Geschäftsleitungsmitglied und Bereichsleiterin bei Agroscope aufgeben werde. Dieser Entscheid ist mir schwergefallen, denn die vergangenen sieben Jahre waren fachlich wie persönlich sehr bereichernd. Umso bewusster habe ich diesen Schritt gewählt und bin überzeugt, dass der jetzige Zeitpunkt der richtige dafür ist.
Sie waren sieben Jahre in leitender Funktion bei Agroscope tätig. Was waren rückblickend Ihre grössten Erfolge und welche Ihre grössten Herausforderungen?
Insbesondere der Aufbau und die Weiterentwicklung wichtiger strategischer Projekte und Forschungsstrukturen waren für mich prägend. Dazu gehören die Versuchsstationen Nährstoffflüsse sowie Alp- und Berglandwirtschaft, das Projekt «Absenkpfad Nährstoffe» sowie die Weiterentwicklung unserer Standorte und Versuchsinfrastrukturen in Posieux (FR), Avenches (VD) und Luzern. Für die Versuchsstation Stoffflüsse haben wir ein Netzwerk mit 26 Praxisbetrieben aufgebaut. In Avenches konnten wir das Projekt Hengstgruppenhaltung am neuen Standort in Oleyres (VD) erfolgreich umsetzen und mit einem neuen Stall mit Sozialboxen einen wichtigen Schritt in der Weiterentwicklung der Haltungssysteme machen. Auch für den Standort Posieux wurden im Rahmen des Zukunftsprojekts neue Stallungen für Rinder und Schweine geplant. Ebenso wichtig war die Steigerung der Effizienz und die Weiterentwicklung der Mitarbeitenden. Der Teamzusammenhalt war mir immer ein Anliegen. Wir konnten gemeinsam den Output in Forschung, Vollzug und Wissenstransfer erhöhen. Die Pferdeforschung in Avenches wurde in den vergangenen Jahren ausgebaut und die Forschungsgruppe Equiden verstärkt. Neue gesetzliche Aufgaben im Bereich der Futtermittelkontrolle wurden erfolgreich implementiert. Ein weiterer Erfolg war die stärkere Vernetzung mit der Praxis. Die Zusammenarbeit mit der Branche, den Kantonen, AGRIDEA, der HAFL, dem BLW sowie zahlreichen Landwirt(innen) hat dazu beigetragen, dass unsere Forschung noch praxisnäher ausgerichtet wurde und ihre Ergebnisse besser in die Umsetzung gelangten. Die grösste Herausforderung lag im Spannungsfeld unterschiedlicher Erwartungen und Interessen von Verwaltung, Forschung, Praxis und Politik. Es gilt, verschiedene Perspektiven zusammenzubringen und gleichzeitig die Unabhängigkeit der Forschung zu wahren. Zusätzlich haben Reorganisationen und die Umsetzung der Sparmassnahmen des Bundes die vergangenen Jahre geprägt. Solche Prozesse sind anspruchsvoll, bieten aber auch die Chance, Prioritäten neu zu setzen und das Profil einer Organisation weiterzuentwickeln.
Wie Sie bereits erwähnten, hat sich Agroscope auf die Fahne geschrieben, dass Forschungsergebnisse in der Praxis zur Umsetzung kommen. Können Sie uns Forschungsprojekte aus ihrem Bereich nennen, bei denen das besonders gut funktioniert hat?
Ein gutes Beispiel ist die Versuchsstation Nährstoffflüsse im Kanton Luzern. Sie wurde mit dem Ziel aufgebaut, gemeinsam mit der Praxis Lösungen für einen effizienteren Umgang mit Nährstoffen zu entwickeln. In einem Netzwerk von 26 Milchvieh- und Schweinebetrieben erfassten wir über mehrere Jahre die realen Stickstoff- und Phosphorflüsse. Diese Daten schaffen eine wichtige Grundlage, um Nährstoffverluste besser zu verstehen und gezielte, praxistaugliche Massnahmen zu entwickeln. Ein konkretes Beispiel hierfür ist ein Fütterungsversuch in der Schweinemast, bei dem durch eine angepasste Futterrezeptur eine signifikante Verbesserung der Stickstoffeffizienz erreicht wurde. Auch bei der Weiterentwicklung von Methoden zur Erfassung der Hofdüngerqualität konnten wichtige Erkenntnisse für die Praxis gewonnen werden. Die Betriebe im Netzwerk beginnen den Hofdünger effektiver einzusetzen – das ist nicht nur für die Umwelt, sondern auch für das Portemonnaie gewinnbringend. Ein weiteres Beispiel stammt aus der Versuchsstation Alp- und Berglandwirtschaft. Gemeinsam mit fünf Kantonen (Bern, Graubünden, Tessin, Uri und Wallis), der Beratung, der Branche und Forschungspartnern wie der HAFL konnten praxisnahe Lösungen für die Herausforderungen der Bergbetriebe erarbeitet werden. Ein Schwerpunkt lag auf einer standortangepassten Bewirtschaftung im Klimawandel. Wir untersuchten die Futtermenge und -qualität auf Alpweiden, entwickelten angepasste Pflanzenmischungen und prüften Massnahmen gegen die zunehmende Verbuschung der Alpweiden. Ziel ist es, Futterqualität, Biodiversität und Landschaftswert langfristig zu erhalten, um die Tiere länger auf der Alpweide belassen zu können und damit weniger von importiertem Futter abhängig zu sein. Ein besonders schönes Beispiel für den direkten Nutzen von Forschung ist der gemeinsam mit der Universität Bern entwickelte Gentest für die Hypertriglyceridämie-induzierte Pankreatitis (HIP) beim Freibergerpferd. Durch diesen Test kann die Genvariante bei Zuchttieren erkannt werden. Damit lassen sich gezielte Zuchtentscheide treffen und betroffene Fohlen verhindern.
Auch diese Frage nimmt Bezug auf den Praxistransfer: Agroscope ist mit dem Abbau von 58 Stellen stark von den Sparmassnahmen des Bundes betroffen. Wie nehmen Sie die Stimmung wahr – wird dieser Abbau von der produzierenden Landwirtschaft stark bedauert?
Die Rückmeldungen von Branchen und Organisationen der produzierenden Landwirtschaft zeigen, dass die Arbeit von Agroscope und insbesondere der enge Praxisbezug sehr geschätzt werden. Viele Akteure bedauern den Stellenabbau, weil sie befürchten, dass dadurch Forschungskompetenzen verloren gehen und der Wissenstransfer in die Praxis erschwert wird. Gleichzeitig besteht Verständnis dafür, dass Agroscope die vom Bund beschlossenen Sparvorgaben umsetzen muss. Wir müssen priorisieren, was braucht die Landwirtschaft am dringendsten, heute, morgen und übermorgen. Wichtig ist auch, die internationale Zusammenarbeit nicht zu vernachlässigen. Die Herausforderungen sind nicht auf die Schweiz beschränkt.
Welches sind denn Ihrer Ansicht nach die drängendsten Herausforderungen, die es in den Bereichen Nutztierhaltung und Tierzucht in unmittelbarer Zukunft von Ihrer Nachfolge anzugehen gilt?
Die Schweizer Landwirtschaft steht insgesamt vor grossen Herausforderungen, wobei die tierische Produktion besonders im Fokus steht. Die zentrale Aufgabe wird darin bestehen, tragfähige Lösungen im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit, ökologischen Anforderungen und den Erwartungen der Gesellschaft zu entwickeln. Dabei kommt der Optimierung der Stickstoff- und Phosphorkreisläufe eine Schlüsselrolle zu. Auch künftig werden Fleisch und Milch Teil unserer Ernährung bleiben. Gerade in der Schweiz mit ihrem hohen Anteil an Grasland ist die Wiederkäuerhaltung ein wichtiger Bestandteil einer nachhaltigen Landnutzung, da sie Gras als für den Menschen nicht direkt nutzbare Ressource in hochwertige Lebensmittel umwandelt. Gleichzeitig ist klar, dass die tierische Produktion ihr Potenzial im Bereich der Nachhaltigkeit weiter ausschöpfen muss. Themen wie Ressourceneffizienz, Klimawirkung, Nährstoffkreisläufe, Tierwohl und Emissionen werden künftig weiter an Bedeutung gewinnen. Ein weiterer zentraler Forschungsbereich bleibt die Tierzucht. Gefragt sind robuste, gesunde und an die Schweizer Standortbedingungen angepasste Tiere, die effizient mit den verfügbaren Ressourcen umgehen und gleichzeitig den hohen Anforderungen an Tierwohl, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit gerecht werden. Moderne Zuchtmethoden und neue wissenschaftliche Erkenntnisse bieten hierfür grosse Chancen. Entscheidend wird sein, diese verantwortungsvoll zu nutzen und die genetische Vielfalt langfristig zu sichern.
Genau mit dieser Zielsetzung, sich für nachhaltige Tierzucht und -Haltung zu engagieren, sind Sie ihre Stelle angetreten. Welche konkreten Beiträge konnte Agroscope dank Ihres Einsatzes in diesem Bereich leisten?
Wir konnten das Wissen über die genetischen Grundlagen für die Zucht von ressourceneffizienteren und robusteren Nutztieren erweitern, neue Selektionsmerkmale finden und testen und so Beiträge zur langfristigen Sicherung der genetischen Vielfalt leisten. Dazu gehören Arbeiten zur Verbesserung der Stickstoffverwertungseffizienz bei Schweinen, die Entwicklung neuer objektiver Zuchtmerkmale beim Freibergerpferd sowie Strategien zum langfristigen Erhalt wichtiger Schweizer Nutztierrassen wie dem Freibergerpferd oder der Schweizer Honigbiene.
Rückblickend war es besonders wichtig, Forschung nicht isoliert zu betrachten, sondern gemeinsam mit Partnern Lösungen zu entwickeln, die wissenschaftlich fundiert sind und den Herausforderungen der Schweizer Landwirtschaft Rechnung tragen. Wir konnten Forschung, Branchen, Verwaltung, Beratung und Praxis besser miteinander vernetzen. Das ist entscheidend: Nur wenn die Forschungsthemen durch die Praxis getragen werden, finden sie danach Einzug in die jeweiligen Zuchtprogramme und Haltungssysteme.
Wer wird diese Ziele weiterverfolgen, respektive Ihre Nachfolge antreten?
Ad interim wird mein Stellvertreter, Yvo Aeby, die Leitung des Kompetenzbereichs Tiere und tierische Produkte übernehmen.

