Die Blauzungenkrankheit, übertragen durch Gnitzen, traf besonders die Region nördlich des Jurabogens. Während Schafe eine Mortalitätsrate von bis zu 40 Prozent aufweisen können, verursacht das Virus bei Kühen vor allem Fehl- und Frühgeburten, Nervenschäden sowie Einbussen bei der Milchproduktion. Eine Therapie gibt es nicht – nur die Impfung schützt wirksam. Diese war jedoch zum Zeitpunkt des Ausbruchs in der Schweiz nicht flächendeckend verfügbar.
Die Regierung zählte zwischen September 2024 und Juni 2025 202 betroffene Betriebe, rechnet aber mit einer relevanten Dunkelziffer. Die Tierseuchenkasse entschädigte Verluste für 355 Tiere – ausschliesslich bei nachgewiesenen Todesfällen. Eine repräsentative Umfrage bei zwölf Betrieben ergab durchschnittliche wirtschaftliche Verluste von rund 33 500 Franken pro Betrieb, umgerechnet etwa 750 Franken pro Kuh. Besonders Milchproduzenten waren betroffen. Nicht quantifizierbar, aber schwerwiegend, seien die psychischen Belastungen der Tierhalter, hält der Regierungsbericht fest.
«Die haben das nicht kommen sehen»
Markus Graf, selbst Landwirt und Urheber des Postulats, zeigt sich mit der Aufarbeitung grundsätzlich zufrieden: «Der von der Regierung genannte Betrag von rund 33 500 Franken dürfte schon hinkommen, es ist natürlich immer auch abhängig von der Betriebsgrösse. Die Kommission – und ich persönlich auch – sind zufrieden mit dem Bericht. Die Direktion hat sich wirklich Mühe gegeben, das Ganze aufzuarbeiten.»
Kern der Kritik bleibt das Vorgehen des Bundes: «Unser Hauptkritikpunkt: Dass der Bund so spät reagiert hat. Die haben das nicht kommen sehen, obwohl Deutschland und die Benelux-Staaten bereits am Impfen waren. Es ist schwer zu verstehen, dass da nicht vorausschauender gehandelt wird.»
Graf verweist auf frühere Erfahrungen: «2008 hatten wir früh durchgeimpft, zum Teil draussen auf der Weide, und wir hatten keine Probleme.» Diesmal sei die Lage nördlich des Jurabogens deutlich ernster gewesen als in anderen Landesteilen. Viele Betriebe waren gesperrt, die Landwirte in einer Zwickmühle. «Vielleicht müssten die kantonalen Behörden in Zukunft früher und stärker Druck machen auf Bern. Die Bauern in der Nordwestschweiz fühlten sich von Bern im Stich gelassen.»
Psychische Belastung und Spätfolgen
Besonders eindrücklich schildert Graf die menschliche Seite: «Man muss auch über die psychische Belastung reden. Bei mir auf dem Betrieb haben auch zwei, drei verworfen, diesen Frühling hatte ich ein Mumienkalb, das kam wohl auch noch daher. Es ist schwierig, den Kollegen anzurufen und zu sagen, dass ein Rind von ihm verworfen hat. Auch Mutterkuhbetriebe hatten Schwierigkeiten mit kleinen, dummen Kälbern.»
Trotz der negativen Erfahrungen sieht Graf auch positive Entwicklungen: «Ein Gutes hat die Sache: Das kantonale Veterinäramt ist nun wachgerüttelt. Wir haben oft gedacht: zum Glück ist es nur die Blauzungenkrankheit und nicht etwas noch Schlimmeres, Afrikanische Schweinepest oder Maul- und Klauenseuche. Jetzt hat das Amt die Tierseuchen auf dem Radar, wir Landwirte werden schneller und besser informiert als vorher. Erst kürzlich hatten wir ein Webinar über Lumpy Skin. Man merkt: Tierseuchen werden jetzt Ernst genommen. Für uns als Landwirte ist es etwas vom Wichtigsten, dass wir informiert sind.»
Die Kommission begrüsst in ihrem Bericht ausdrücklich, dass künftig – wie in der EU – der Einsatz nicht zugelassener Impfstoffe in Krisen erleichtert werden soll. Seit der Impfung ist das Virus im Baselbiet weitgehend im Griff.
Mehrfachbelastung für die Betriebe
Für viele Baselbieter Milchbetriebe kommt die Blauzungenkrankheit zur ohnehin schwierigen Lage hinzu. Tiefe Milchpreise und die anhaltende Trockenheit auf den Weiden belasten die Betriebe zusätzlich. Auch im Weinbau ist der Trend negativ: Der Konsum bleibt rückläufig.
Die Aufarbeitung durch Regierung und Kommission ist abgeschlossen. Der Bericht zeigt die hohen wirtschaftlichen und persönlichen Belastungen der Blauzungenkrankheit auf – besonders in der Nordwestschweiz.
Für die Landwirtschaft bleibt die zentrale Lehre: Schnellere Impfstoffzulassungen und eine bessere Koordination zwischen Bund und Kantonen sind nötig, um künftige Ausbrüche besser abzufedern. Gleichzeitig hat der Vorfall das kantonale Veterinäramt sensibilisiert und die Informationsflüsse verbessert. Ob diese Lehren in der Praxis wirken, wird sich bei der nächsten Tierseuche zeigen.

