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Beim Projekt «Stadtblüte» kommen die Blumen vom Friedhof statt vom Feld

Barbara Lantscher möchte brachliegende Stadtflächen aufwerten, Blumen produzieren und daraus Sträusse kreieren. Mit dem Projekt bringt sie das Feld mitten in die Stadt Luzern und fördert so einen bewussten Blumenkonsum.

Die zierliche Frau inmitten des üppigen Grüns ausfindig zu machen, dauert eine Weile. Sie sei unterhalb des alten Krematoriums am Jäten, hatte Barbara Lantschner vor dem Treffen informiert. «Ich mag keine monotonen, starren Bepflanzungen, als viel ästhetischer empfinde ich natürliche, dynamische Gärten», sagt die ausgebildete Gärtnerin und Landschaftsarchitektin entschuldigend, als sie zwischen Staudenpflanzen hervortritt. Aus ehemaligen Grabterrassen, umrahmt von mächtigen Bäumen und denkmalgeschützten Friedhofsgebäuden, hat sie einen paradiesischen Ort erschaffen. Seit das in den 1920er-Jahren fertiggestellte Krematorium durch einen Neubau ersetzt wurde, fiel dieses abgelegene Areal des Stadtluzerner Friedhofs Friedental der Vergessenheit anheim.

Nutzen aus ungenutzten Flächen ziehen

Vor vier Jahren erweckte Barbara Lantschner die Brache zu neuem Leben. Damals hatte sie die Idee, man könnte doch ungenutzte Stadtflächen vielfältiger und interessanter bepflanzen und gleichzeitig einen Nutzen daraus ziehen.

Auf ihre Anfrage stellt ihr die Stadt Luzern nicht nur diesen verwunschenen Teil des Friedhofs zur Verfügung. Auch an der Taubenhausstrasse und beim Pflegeheim Steinhof durfte die Pflanzenliebhaberin ihr Projekt «Stadtblüte» umsetzen. Hier im Friedental wachsen nun bunt gemischt ein- und mehrjährige Blumen, die sich als Schnittpflanzen eignen, aus den ehemaligen Gräbern. Auf den kleineren Flächen unten in der Stadt zieht sie essbare Blüten.

Auf dem Luzerner Friedhof Friedental befindet sich die grösste Anbaufläche des Projekts «Stadtblüte».(Bild: Fabienne Angehrn)

Vom Bergbauernhof nach Luzern

«Einerseits will ich mit meinen Blumen in der Stadt schöne Orte und Stimmungen schaffen, und andererseits bringe ich mit meinen Sträussen ein Stück dieser lokalen Natur zu den Leuten ins Wohnzimmer», erklärt Barbara Lantschner ihren Ansporn.

Ihre frischen oder getrockneten Blumen arrangiert sie im Atelier an der Bruchstrasse zu filigranen Bouquets. Die farbenprächtigen Kunstwerke können im Abo bestellt oder im Kulturhof Hinter Musegg und im Romerohaus gekauft werden. Seit Beginn dieses Jahres widmet sich die gebürtige Südtirolerin zu 100 Prozent ihrem Herzensprojekt.

Barbara Lantschner ist fast rund ums Jahr in ihrem Garten beim alten Krematorium beschäftigt.(Bild: Muriel Willi)

Dass sie beruflich mit Pflanzen und Tieren zu tun haben möchte, war für Barbara Lantschner schon früh klar. Ebenso sicher wusste sie aber auch: Den abgelegenen Bergbauernhof ihrer Eltern mit Milchkühen, Gemüse- und Beerenanbau möchte sie nicht übernehmen. Nach der Schule entschloss sie sich für eine Lehre zur Gärtnerin. Später zog sie nach Wien, um dort ein Gymnasium mit Fokus auf Gartengestaltung abzuschliessen.

Erst kam sie für Praktika in die Schweiz, daraufhin entschloss sie sich, hier ein Landschaftsarchitekturstudium in Angriff zu nehmen. Und so verschlug es die Südtirolerin nach Luzern. Sechs Jahre lang war sie in verschiedenen Landschaftsarchitekturbüros tätig. «Dann wurde es mir zu eintönig, immer nur vor dem PC zu sitzen; ich hatte das Bedürfnis, wieder etwas mit meinen Händen zu arbeiten», erklärt Lantschner ihren Schritt, das Projekt «Stadtblüte» ins Leben zu rufen.

Lokale und saisonale Blumen können bei Barbara Lantschner im Abo bezogen werden.(Bild: Stadtblüte)

Die Unsicherheit vor dem Grün nehmen

Doch weshalb hat sich die Bauerntochter nicht dazu entschieden, ihre Blumen auf einem Feld ausserhalb der Stadt anzupflanzen? «In der Stadt kann ich meine zwei Leidenschaften, die Architektur und den Garten, verbinden», nennt Barbara Lantschner ihr Motiv. Bei ihrer Arbeit als Landschaftsarchitektin und auch in Gesprächen mit ihren Freunden habe sie zudem bemerkt, wie weit sich die Städter von der Natur und der Landwirtschaft entfernt hätten. «Bei vielen Leuten spüre ich eine gewisse Unsicherheit, ja gar Angst dem Grün gegenüber. Ich möchte ihnen die Schönheit der Natur wieder näherbringen», erklärt sie.

Natürlich wäre die Bearbeitung ihrer Pflanzen auf einem Acker einfacher möglich. Dort könnte sie Maschinen einsetzen. «Auch hier auf meinen Grabterrassen merke ich: Etwas mehr Effizienz muss ins Schöne». Was sie hier mitten in der Stadt so geniesse, sei die Nähe zu den Leuten. Indem sie den Luzernern ihre Arbeit und die daraus resultierenden gestalteten Flächen und Blumensträusse direkt vor Augen führen könne, trage sie zu einem bewussteren Konsum von Blumen bei, ist sich die Gärtnerin sicher. 

Auch für Hochzeiten eignen sich die schönen Kreationen von Stadtblüte bestens.(Bild: Kilian Bannwart)

Blumen, unter Luzerns Sonne gewachsen

Genau darin besteht auch der Ansatz der Slowflower-Bewegung, der Barbara Lantschner mit ihrem Projekt angehört. Das Pendant zur Slow-Food-Bewegung ist in den USA entstanden und hat im deutschsprachigen Raum seit 2018 eine wachsende Anhängerschaft.

Nur etwa 15 Prozent der in der Schweiz erhältlichen Schnittblumen stammen aus heimischer Produktion. Der Grossteil kommt aus Ländern wie Kenia, Äthiopien, Sambia, Ecuador, Italien oder den Niederlanden. Slowflower-Gärtner und -Floristinnen setzen auf regionale und saisonale Blumen, die ohne Pestizide und Hilfsmittel aus Einwegplastik gezogen werden. «Meine Blumen wachsen nicht in sterilen Monokulturen heran, sondern bunt durchmischt, und haben Charakter», sagt die Slowflower-Gärtnerin.

Die Trockenblumensträusse können auch im Kulturhof Hinter Musegg und im Romerohaus erworben werden.(Bild: Stadtblüte)

Der Aufwand, die Blumen nicht bei der Blumenbörse zu beziehen, sondern selbst anzubauen, ist nicht zu unterschätzen: «Mein Jahr ist ausgefüllt, nur im Januar habe ich etwas Zeit, um mich zu entspannen», sagt Lantschner. Im Februar geht es los mit dem Vorziehen der Pflänzchen im Atelier und dem Bereitmachen der Pflanzflächen.

Im März können die ersten Pflanzen gesetzt und angesät werden. Im Juni sind die letzten Sorten bereit, um gepflanzt zu werden. Dazwischen gibt es viel zu tun mit Pflegedurchgängen und Aufbinden. Im Herbst steht der Rückschnitt an, bis im November alles geräumt ist. Die Abos für Sträusse laufen von April bis Ende Oktober, in der Adventszeit und auch sonst übers Jahr verteilt gibt die Fachfrau verschiedene Blumen-Workshops in ihrem Atelier.

In ihrem Atelier an der Bruchstrasse kreiert Barbara Lantschner ihre Blumenbouquets und gibt Workshops.(Bild: Stadtblüte)

Dieser Aufwand für ästhetische Grünflächen und lokale Sträusse zahlt sich aus. Die Luzerner Albert Köchlin Stiftung würdigte Barbara Lantschners Einsatz für die Biodiversitätsförderung und Bodenverbesserung sowie für den Ausbau von lokaler Produktion und geschlossenen Kreisläufen und verlieh ihr 2026 den mit 40 000 Franken dotierten Umweltpreis.

«Ich habe als Kind schon sehr früh auf Hof und Feld mitgeholfen und schätze im Nachhinein, dass ich gelernt habe, so zu arbeiten», resümiert die bedächtige Schafferin. Heute sei sie mit ihrem «Stadtblüte»-Projekt gefühlt wieder zu ihren ländlichen Anfängen zurückgekehrt – nun halt einfach mit einer Umsetzung in der Stadt.

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