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«Dafür wollen, können und dürfen wir keine Direktzahlungen verlangen»

Der Berner Bauernverband fuhr zerfressenes Gemüse und löchrige Kartoffeln auf den Bundesplatz, um einen dringenden Richtungswechsel im Pflanzenschutz zu fordern. Viele Posten seien heuer ein Verlustgeschäft und die Zukunft sieht nicht besser aus.

«Wir sind nicht hier zum Jammern, oder um mehr Direktzahlungen zu fordern», begann Markus Lüscher vom Berner Bauernverband (BEBV) seine Rede auf dem Bundesplatz. In der aktuellen Lage könne man aber den Versorgungsauftrag kaum mehr erfüllen, fuhr Lüscher fort. Es läuft in seinen Augen angesichts zahlreicher hängiger Zulassungen, immer mehr verbotener Wirkstoffe und mehr Schädlingen auf eine Politik des Verbietens und des Auf-eine-Ernte-Hoffens hinaus. «Dafür wollen, können und dürfen wir keine Direktzahlungen verlangen», findet Lüscher. Mittelfristig könnten unter diesen Bedingungen wichtige Kulturen in der Schweiz nicht mehr produziert werden.

«Dafür wollen, können und dürfen wir keine Direktzahlungen verlangen»
Ein Marktstand der anderen Art: Hier wird beschädigtes Gemüse präsentiert. Die Landwirte suchen das Gespräch mit den Passant(innen) und erklären ihr Anliegen.
«Dafür wollen, können und dürfen wir keine Direktzahlungen verlangen»
Das Fazit ist überall dasselbe: Der Anbau dieser Ware ist ein Verlustgeschäft, da sie nicht verkauft werden kann.

Pflanzenschutz oder höhere Preise

Es brauche einen Strategiewechsel in der Politik zum Pflanzenschutz, um Kulturen integral schützen zu können, fuhr Markus Lüscher fort. Dafür sei die Landwirtschaft, insbesondere aber das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) und die Forschung in der Pflicht:

  • Die Landwirtschaft tut ihr Möglichstes via Boden, Fruchtfolge und standortgerechter Bewirtschaftung.
  • Robustes Saatgut wird eingesetzt bzw. entwickelt (BLW / Agroscope)
  • Schweizweite Überwachung von Schadorganismen (BLW / Agroscope)
  • Wirksame Pflanzenschutzmittel (BLW / Agroscope)

Weiter müsse das Gewässermonitoring nach EU-Standard weiterentwickelt werden. «So lange die Konsumentinnen und Konsumenten nicht bereit sind, höhere Preise zu bezahlen, sind wir auf Pflanzenschutzmittel angewiesen», so die Haltung des BEBV. Vor allem angesichts des politisch geforderten Ausbaus brauche der Pflanzenbau Perspektiven und klare Aussichten.

Genug Rüben für die Zuckerfabriken

Martin Flury, Präsident der Schweizer Zuckerrübenproduzenten (SVZ), sprach zusätzlich die Problematik der Resistenzbildung bei immer weniger verfügbaren Wirkstoffen an. Hinter ihm sprach eine Paloxe voll löchriger Zuckerrüben eine eigene Sprache: Über sie ist der Rübenrüssler hergefallen, der die Felder in diesem Jahr zum ersten Mal heimgesucht hat.

«Die Gefahr für Durchbrüche bei wenigen resistenten Sorten steigt ebenfalls», ergänzte Flury. Dabei sei es wichtig, dass neben IP-Suisse- und Bio-Rüben auch genug konventionelle Ware angebaut wird, um die Schweizer Zuckerfabriken zu versorgen. «Die zunehmenden Einschränkungen im Pflanzenschutz sind sehr schwierig für uns», fasste der SVZ-Präsident die Lage zusammen.

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Heuer hat ein Rüsselkäfer zum ersten Mal schwere Schäden an Zuckerrüben angerichtet.

Bis zum Totalausfall

Wie es an Zuckerrüben mangelt, sind auch grüne Bohnen für die Konservenindustrie gesucht. Bohnen-Produzent Martin Uhlmann erklärte, dass zwar die Verarbeiter dieses Jahr mehr Personal zum Aussortieren angestellt hätten. «Das reichte aber nicht«, so Uhlmann. Zu zahlreich waren die von Eulenraupen beschädigten Bohnen. Und dies, nachdem wegen der Bohnenfliege auf gewissen Parzellen nur die Hälfte der Saat aufgelaufen war. «Die Schädlinge überleben den milden Winter und wir haben nichts, um sie zu bekämpfen», gab der Landwirt zu bedenken. Die Eulenraupe sei dieses Jahr zum ersten Mal flächendeckend aufgetreten und habe teilweise bis zum Totalausfall geführt.

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Hansueli Brandt brachte Chinakohl mit, dem eine Virose arg zugesetzt hat. Von vier Sätzen seien dieses Jahr 80 Prozent unverkäuflich gewesen und er habe daran gedacht, diese Kultur nicht mehr anzubauen.

«Wir rackern uns ab»

«Ich bin jung und habe nicht so schnell vor etwas Angst», sagte Lukas Rohrer. Doch die Probleme mit dem Pflanzenschutz machen dem Gemüsebauer Sorgen. Dabei seien die Landwirte Profis, Fachleute, die nach den neusten Standards produzieren wollen. «Wir rackern uns ab und am Ende wird importiert», verlieh Rohrer seinem Frust Ausdruck. Neben anderen Ansätzen brauche es eben auch wirksame Pflanzenschutzmittel, schloss er sich seinen Vorrednern an.

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Wenig bereite ihm Angst, sagte Junglandwirt und Gemüsebauer Lukas Rohrer. Doch die Lage beim Pflanzenschutz bereitet ihm Sorgen.

Ein Drittel fehlt

Die Kartoffelbauern beschäftigen insbesondere Drahtwürmer. «Es gibt dagegen keine wirksamen Mittel mehr und unsere Statistiken zeigen, dass die Populationen wachsen», hielt Ruedi Fischer, Präsident des Schweizerischen Kartoffelproduzentenverbands (VSKP) fest. Er mache sich sorgen um die Anbaubereitschaft und um die Versorgung der Schweiz mit Kartoffeln. 2023 sei das dritte schwierige Jahr gewesen und heuer fehlten mit 100'000 t ein Drittel der üblichen Menge Inlandware. Die fehlende Ware könne man schon importieren – aus dem Ausland, wo noch andere Möglichkeiten für den Schutz der Kulturen bestehen.

Das Aussortieren war kontraproduktiv

Die Probleme bestätigt Samuel Guggisberg. Für den Präsidenten der IG Bauernunternehmen ist der Kartoffelanbau ein Hauptbetriebszweig. Eine Paloxe gefüllt mit seinen Drahtwurm-geschädigten Raclette-Kartoffeln war auf dem Bundesplatz zu besichtigen. «Wir versuchten die schlimmsten Posten nochmal zu sortieren», erklärt Guggisberg. Er habe so viel wie möglich retten wollen. Doch die zusätzliche Manipulation hinterliess leichte Schleifschäden an der Schale, was neben den verbleibenden, kaum sichtbaren Drahtwurmlöcher, die Kartoffeln erst recht unverkäuflich machte. «Jetzt ist es noch Futter für die Kühe», so Guggisberg. Bei diesem Anbaurisiko sei es nicht verwunderlich, wenn Landwirte nicht mehr 15'000 Franken in ein Feld investieren wollen. «Auch wir werden nächstes Jahr die Kartoffelfläche reduzieren», sagt Guggisberg. In keiner Kultur könne man den Drahtwurm noch bekämpfen und neben Kartoffeln sei mittlerweile auch Getreide und Raps betroffen. «Ich frage mich, wie die Verantwortlichen bei den Bundesämtern ruhig schlafen können angesichts dessen, was sie uns aufbürden.»

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Samuel Guggisbergs Kartoffeln sind vom Drahtwurm durchlöchert. Ein zusätzliches Sortieren konnte die Ware auch nicht mehr retten und der Landwirt plant, seine Anbauflächen mit Kaftoffeln zu verkleinern.
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Äusserlich sehen die Kartoffeln gut aus, aber die Gänge der Drahtwürmer reichen tief in die Knollen hinein.

Im Gewächshaus geht es besser

Gefährliche Pflanzenschutzmittel zu überprüfen, hält Gemüseproduzent Beat Bösiger für richtig. Auch sei der Anspruch der Konsumenten, Top-Produkte zu wollen, gerechtfertigt. «Auch wir wollen eine gute Qualität und die Ernte sichern», hielt er fest, «aber dafür brauchen wir den Pflanzenschutz». Im Gewächshaus sei mit gesteuertem Klima und Nützlingen mehr machbar, im Freiland wären aber mehrere Kulturen kaum mehr anzubauen. Als Beispiel nannte Bösiger Auberginen, bei denen eine aus Westasien eingeschleppte Wanze Deformationen und Verhärtungen verursacht.

«Dafür wollen, können und dürfen wir keine Direktzahlungen verlangen»
Gemüseproduzent Beat Bösiger betonte, er habe 30 Jahre Erfahrung im Anbau und in der Vermarktung. Er appellierte auch an die Forschung, zum besseren Pflanzenschutz beizutragen.

«Wir können es eh nicht verkaufen»

Zum Schluss lud Markus Lüscher die Anwesenden und Passanten in Bern zum Gespräch ein. Er wies auf die Paloxen und erklärte, die Äpfel, Bohnen und Kartoffeln dürften gerne mitgenommen werden. «Wir können sie eh nicht mehr verkaufen», bemerkte er.

«Dafür wollen, können und dürfen wir keine Direktzahlungen verlangen»
Grosse Plakate liefern Zahlen zum Ausmass der Schäden im Kanton Bern.
«Dafür wollen, können und dürfen wir keine Direktzahlungen verlangen»
Bei den Zuckerrüben rechne man mit 50 t Minderertrag pro Hektare.