In Kopenhagen ist ein Amt verschwunden, das die dänische Landwirtschaft seit Generationen geprägt hat. 130 Jahre lang gab es ein eigenes Landwirtschaftsministerium – durch zwei Weltkriege, den EU-Beitritt, unzählige Agrarreformen hindurch. Jetzt hat die Regierung Frederiksen das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Fischerei aufgelöst und seine Aufgaben auf fünf verschiedene Ressorts verteilt: Natur- und Tierschutz übernehmen den grössten Teil, die Fischerei geht ans Umweltministerium, die Lebensmittelsicherheit ans Wirtschaftsministerium. Ausgelöst hat die Reform ein Wahlkampf, in dem die dänische Schweineindustrie wegen Tierschutz- und Umweltvorwürfen zum Zentralthema wurde.
Für Schweizer Bauern klingt das zunächst nach einem fernen Alarmsignal – nach dem nächsten Land, das der Landwirtschaft ihren politischen Stellenwert entzieht. Doch wer genauer hinschaut, findet etwas Interessanteres als einen Schockmoment: eine fast schon ironische Parallele in der eigenen Verwaltungsgeschichte, die zeigt, dass die Schweiz diesen Weg – leise, ohne Wahlkampfgetöse, über zwölf Jahre verteilt – längst gegangen ist.
Was genau neu geordnet wird
Den grössten Teil der bisherigen Agrarkompetenzen übernimmt das neue Ministerium für Natur und Tierschutz unter Christian Rabjerg Madsen. Es ist keine Neugründung, sondern die Umbenennung und Erweiterung eines bereits 2024 geschaffenen Ministeriums, das ursprünglich die Grüne-Tripartite-Vereinbarung umsetzen sollte – jenes Abkommen, mit dem Dänemark Ende 2024 eine CO₂-Steuer auf Nutztiere sowie die Stilllegung von 250 000 Hektaren zu Wald und weiteren 140 000 Hektaren Moor- und Feuchtgebieten beschlossen hatte.
Landwirt und EU-Parlamentarier Asger Christensen nennt die Reform ein Debakel, das die Verantwortlichkeit schwäche. Bauernverbandspräsident Søren Søndergaard spricht von einem historischen Tag, warnt aber ebenso vor wachsender Bürokratie – ein Zwiespalt, den er schon beim CO₂-Steuer-Deal 2024 formulierte, als er von «Sieg und Katastrophe zugleich» sprach.
Ein Schweizer, der es aus erster Hand kennt
Dass Dänemark grosse Reformen im Konsens statt im Konflikt sucht, hat auch das BLW schon aus der Nähe beobachtet. Simon Lanz vom Bundesamt für Landwirtschaft besuchte das Land im September 2024 mit einer Delegation aus BLW, Schweizer Bauernverband und Kantonsvertretern. Sein Befund: Dänemark pflege ein «konstruktives Miteinander», weil die Branche dort als eigentlicher Agribusiness-Sektor organisiert sei – der Verband Landbrug & Fødevarer vereine Landwirtschaft sowie erste und zweite Verarbeitungsstufe unter einem Dach. Das erlaube einen «Trialog» zwischen Regierung, Agrifood-Sektor und Umweltverbänden, den es in dieser Form in der Schweiz nicht gibt.
Der Zufall, den kaum jemand kennt
Für unsere Leserschaft ist ein Detail besonders reizvoll: 1896 – im selben Jahr, in dem Dänemark sein nun aufgelöstes Landwirtschaftsministerium schuf – hiess auch das heutige Schweizer Wirtschaftsdepartement noch «Handels-, Industrie- und Landwirtschaftsdepartement». Erst 1915 verschwand «Landwirtschaft» aus der Bezeichnung, als daraus das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement (EVD) wurde.
Wo die Schweiz strukturell schon lange steht, wo Dänemark jetzt hinwill
Das BLW ist von jeher kein eigenständiges Ministerium, sondern ein nachgeordnetes Bundesamt – heute im WBF (Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung). Das WBF selbst hiess bis Ende 2012 «Volkswirtschaftsdepartement» und wurde erst per 1. Januar 2013 umbenannt und neu zusammengesetzt. Genau in diesem Moment vollzog die Schweiz still einen kleinen, aber bezeichnenden Schritt in dieselbe Richtung, die Dänemark jetzt in grossem Stil geht: Das Bundesamt für Veterinärwesen wechselte vom EVD ins Departement des Innern (EDI) und fusionierte 2014 mit der Lebensmittelsicherheits-Abteilung des Bundesamts für Gesundheit zum heutigen BLV. Seit 2022 liegt zudem die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln beim BLV statt beim BLW – eine Reaktion auf jahrelange Befangenheitsvorwürfe von Bio Suisse, Pro Natura, Greenpeace und WWF. Die Umweltrisikobewertung liegt beim BAFU im Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK).
Die Einordnung für unsere Leserschaft
Landwirtschaft, Tierschutz, Lebensmittelsicherheit und Umweltfragen sind damit auch in der Schweiz auf drei verschiedene Departemente verteilt – nur eben über zwölf Jahre gewachsen statt an einem einzigen Kabinettstag beschlossen. Der entscheidende Unterschied bleibt das Regierungssystem: Dänemarks parlamentarische Regierung kann Ministerien bei einer Neubildung radikal neu zuschneiden, die Schweiz mit ihrem Kollegialsystem und sieben fixen Departementen nicht.
Für die Schweizer Landwirtschaft heisst das: Der dänische Fall ist kein Warnsignal für eine drohende «Zerschlagung des BLW». Er zeigt aber, dass die Trennung von Landwirtschaft, Tierschutz und Umweltvollzug, die in Dänemark jetzt für Schlagzeilen sorgt, in der Schweiz längst vollzogen ist – ausgelöst durch dieselben Konfliktlinien. Die eigentlich interessante Frage bleibt: Warum lösen vergleichbare Konflikte in der Schweizer Schweinebranche – Suisseporcs-Stilllegungskonzept, Ferkelexporte, Preispolitik von Bell – bislang keine vergleichbare politische Dynamik aus wie in Dänemark?

