Tierwohl, Tiergesundheit und robuste Nutztiere erhalten in der AP 30+ nicht das nötige Gewicht, findet der Schweizer Tierschutz (STS). Tatsächlich enthält die Agrarreform keine expliziten Massnahmen in diese Richtung. Tierwohl wird aber mehrfach erwähnt. So z. B. im Zusammenhang mit den vorgeschlagenen Zielvereinbarungen mit dem Detailhandel. Hier ist die Rede von einer möglichen Harmonisierung der Tierwohlkennzeichnung.
Satellitendaten für Tierwohl-Beiträge
Ausserdem gehört das Tierwohl zu jenen Bereichen, in denen der Bundesrat künftig auf ergebnisorientierte Direktzahlungen setzen will. Es sollen die technische Umsetzbarkeit und die Kostenfolge für ein vollautomatisches satellitenbasiertes Tracking der Laufhof- und Weideaufenthaltsdauer von Wiederkäuern – primär Rindvieh – geprüft werden.
Mit solchen Daten liesse sich ein einzelbetrieblicher RAUS-Weide-Index berechnen, als Grundlage für Beiträge. Im Übrigen verweist der erläuternde Bericht zur Vernehmlassung auf andere Vorlagen und Erlasse, die in Hinblick auf Tierwohl Verbesserungen bringen sollten. Darunter das Verordnungspaket 26 und die Tierwohlstrategie 22+. Darüber hinaus will der Bundesrat das System von Nachhaltigkeitsindikatoren der Branche unterstützen.
Nicht hohe Leistung mit Nachhaltigkeit verwechseln
Die Schweizer Landwirtschaft solle nachhaltiger, effizienter und weniger bürokratisch werden, fasst der STS die Ziele der AP 30+ zusammen. Das unterstützte der Tierschutz grundsätzlich. «Effizienz ist nicht das Problem», bekräftigt Philipp Ryf, Leiter Politik des STS.
Aber: «Problematisch wird es, wenn die Agrarpolitik hohe Leistung pro Tier mit Nachhaltigkeit verwechselt», fährt Ryf fort. Seiner Meinung nach sollte die Politik vielmehr Anreize dafür schaffen, dass Tiere gesund und robust sind und möglichst lange leben. Genau hier setze die AP 30+ aber falsche Signale.
Schweine und Geflügel bleiben ausser Acht
Eine besonders deutliche Lücke sieht der STS bei Schweinen und Geflügel. Für diese Kategorien – mit erheblichem Handlungsbedarf, weil es um besonders viele Tiere gehe – bleibe weitgehend offen, welche Fortschritte bei Haltung, Gesundheit oder Tierwohl erreicht werden sollten.
Die AP 30+ konzentriere sich zu stark auf Wiederkäuer, Weidehaltung und graslandbasierte Systeme – zwar wichtige Ansätze nach Meinung des STS, aber doch zu kurz gegriffen für eine glaubwürdige Weiterentwicklung des Tierwohls.
Indikatoren als Ergänzung – kein Ersatz
Dass der Bundesrat zwecks Vereinfachung vermehrt auf Kennzahlen und Indikatoren setzen will, beurteilt der STS kritisch. «Tierwohl lässt sich nicht allein anhand von Zahlen messen», gibt der Verband in seiner Stellungnahme zu bedenken. Entscheidend seien die täglichen Haltungsbedingungen, die Betreuung der Tiere sowie der Umgang mit kranken und verletzten Tieren.
«Bewährte Tierwohlprogramme und glaubwürdige Kontrollen vor Ort dürfen deshalb nicht geschwächt, sondern müssen gestärkt und weiterentwickelt werden», so die Schlussfolgerung. Der STS sieht Indikatoren als Ergänzung. Sie dürften aber keine bewährten Programme ersetzen oder Fehlanreize schaffen, die Leistung stärker gewichten als Tiergesundheit, Robustheit und Langlebigkeit.
Zur Langlebigkeit enthält die AP 30+ den Vorschlag einer Analyse dazu, ob eine verbesserte Klimawirkung eher mit einem Indikator «Lebtagesleistung» (Output Milch und Fleisch pro Lebtag, Fokus Milchkühe) zu erreichen wäre. Dies als Ersatz für den heutigen Indikator «längere Nutzungsdauer». Wichtig sei eine Deckelung des Outputs nach dem standörtlichen Produktionspotenzial, heisst es in den Unterlagen zur Vernehmlassung.
Tierwohl als zentraler Gegensatz von Zielvereinbarungen
Wo sich Bundesrat und STS einig sind, ist im Potenzial von Zielvereinbarungen. Für den STS bergen sie die Chance, Tierwohl, nachhaltige Sortimente und verlässliche Absatzmöglichkeiten gemeinsam mit den Marktakteuren weiterzuentwickeln.
Tierwohl solle ein zentraler Gegenstand solcher Zielvereinbarungen werden, fordert der STS. Fortschritte seien transparent zu überprüfen – inklusive der Möglichkeit, bei deren Ausbleiben mit weiteren Massnahmen nachzusteuern.
«Tierfreundliche Produktionssysteme können sich langfristig nur dann durchsetzen, wenn auch Verarbeitung, Handel und Konsum ihren Beitrag leisten», stellt Philipp Ryf klar. Diese Mitverantwortung müsse nun konkret werden.
Die AP 30+ sei «substanziell» zu verbessern. Der STS argumentiert dabei auch mit der gesellschaftlichen Legitimation der Agrarpolitik. Diese hänge wesentlich davon ab, dass öffentliche Mittel nachweislich zu besseren Lebensbedingungen für die Tiere führen.

