Stickstoffpaket der Niederlande: Ist das auch ein Weg für die Schweiz?

Ammoniak-Obergrenzen für Milchbetriebe, eine Höchstzahl Tiere pro Hektare und die Kürzung der Tierrechte: Die Niederlande ziehen die Schraube an. Luzern hält das für unverhältnismässig und setzt auf Massnahmen, die alle umsetzen können.

Wenn es in der Schweiz um Ammoniak geht, ist Luzern besonders gefordert. Im Kanton stehen viele Tiere auf vergleichsweise wenig Fläche: rund 2,1 Grossvieheinheiten (GVE) pro Hektare landwirtschaftlicher Nutzfläche, im Schweizer Schnitt sind es 1,2. Entsprechend hoch sind die Emissionen. Luzern hat deshalb einen eigenen Teilplan Ammoniak und lässt in Zwischenberichten überprüfen, was die Massnahmen bringen. Die BauernZeitung hat in Luzern nachgefragt: Wäre der niederländische Weg auch für die Schweiz denkbar?

Was die Regierung in Den Haag plant

Die niederländische Regierung will noch diesen Herbst ein Eilgesetz ins Parlament bringen, angekündigt ist es für Ende Oktober. Bisher schreibt das Gesetz vor, auf welchem Anteil der stickstoffempfindlichen Naturflächen sich nur so viel Stickstoff ablagern darf, wie die Natur verträgt. Diese Ziele sollen verschwinden. An ihre Stelle treten Emissionsziele pro Sektor: Die Landwirtschaft muss ihren Ammoniakausstoss bis 2035 um 42 bis 46 Prozent senken, verglichen mit 2019. Für das Massnahmenpaket stellt die Regierung bis 2035 insgesamt 20 Milliarden Euro bereit.

Am härtesten trifft es die Milchbetriebe. Jeder erhält eine eigene Obergrenze: Ab 2035 dürfen aus Stall und Güllelager pro Kilo Phosphatrecht höchstens 0,164 Kilo Ammoniak entweichen. Phosphatrechte legen fest, wie viel Phosphat aus Hofdünger ein Betrieb produzieren darf. Für Schweine und Geflügel folgen eigene Werte pro Tierplatz im ersten Quartal 2027.

Ab 2035 gelten für niederländische Milchbetriebe harte Vorgaben. (Bild: Livio Janett)

Dazu kommt eine Grenze für den Tierbesatz. Milchbetriebe sollen ab 2035 höchstens 2,6 GVE pro Hektare halten, mit Zwischenschritten 2030 und 2032. Wer darüber liegt, kann mit Ackerbauern im Umkreis von 25 Kilometern zusammenarbeiten und deren Fläche anrechnen lassen. Rund um 100 stickstoffempfindliche Naturschutzgebiete sind Zonen von 500 oder 1000 Metern vorgesehen, für die zusätzliche Regeln gelten sollen. Darin liegen rund 180 000 Hektaren Landwirtschaftsland, etwa ein Zehntel der niederländischen Nutzfläche.

Einen Teil des Weges hat die niederländische Landwirtschaft bereits hinter sich. Bis 2024 ist ihr Ammoniakausstoss gegenüber 2019 um 12 Prozent gesunken. Diese Reduktion zählt für das Ziel bereits mit.

«Ultimative Massnahme»: weniger Tiere für alle

Anfang September hat das Planbureau voor de Leefomgeving (PBL), das staatliche Planungsbüro für Umweltfragen, das Paket im Auftrag der Regierung durchgerechnet. Das Ergebnis: Zählt man das bereits Erreichte, die schon beschlossenen Massnahmen und die konkret ausgearbeiteten Teile des neuen Pakets zusammen, liegt der Ammoniakausstoss 2035 rund 40 Prozent unter dem Wert von 2019. Bis zum Mindestziel von 42 Prozent fehlen damit noch 1 bis 2 Kilotonnen.

Für diesen Fall hat die Regierung eine «ultimative Massnahme» vorgesehen: Wird das Landesziel 2035 verfehlt, werden die Produktionsrechte gekürzt, und die Bauern müssen einen Teil ihrer Tiere abgeben. Nach Berechnung des PBL bräuchte es eine Kürzung um 5 bis 10 Prozent der Tierrechte bei Milchvieh, Schweinen und Geflügel. Schon diese Drohung dürfte Investitionen bremsen, hält das Planungsbüro fest. Ein Betrieb könne in neue Technik investieren und seine eigene Obergrenze einhalten und später trotzdem Tiere verlieren, wenn das Land als Ganzes das Ziel verfehlt.

Gewaltige Aufgabe für die Milchwirtschaftsbetriebe

Für die Milchbauern ist die Aufgabe gewaltig. Laut PBL müssen sie ihren Ammoniakausstoss pro Phosphatrecht aus Stall und Güllelager im Schnitt nahezu halbieren. Die neue Grenze liegt rund 48 Prozent unter dem durchschnittlichen Ausstoss von 2019. Günstige Optimierungen reichen dafür nicht, es braucht Umbauten im Stall. Das PBL rechnet damit, dass vor allem besser rentierende Betriebe diese Investitionen stemmen können. In der Vergangenheit hätten unter solchen Bedingungen vor allem kleinere Betriebe aufhören müssen.

Bei der Grenze von 2,6 GVE pro Hektare hält das PBL fest, dass niederländische Milchbetriebe heute im Schnitt rund 2,2 GVE pro Hektare halten. Viele erfüllen die Norm also bereits, rund ein Viertel liegt darüber. Treffen wird es laut PBL vor allem sehr intensive Betriebe in Regionen mit hoher Tierdichte.

Während die grossen Städte eher am Meer und den Grenzen liegen, konzentriert sich die niederländische Landwirtschaft vor allem auf das grüne Herz des Landes. (Bild: Livio Janett)

Auch die Messung ist eine Knacknuss. Emissionen überall zu messen, sei nur mit hohen Kosten möglich und teilweise noch gar nicht, schreibt das PBL. Zudem schwankten sie auf den Betrieben von Jahr zu Jahr stark, unter anderem wegen des Wetters. Ausserdem bemängelt das Planungsbüro, dass eine ökologische Begründung für die Höhe der neuen Emissionsziele fehlt. Gewählt worden seien sie danach, was gesellschaftlich als machbar galt. Das Fazit des PBL: Die Umsetzung verlange einen Kraftakt, der an die Grenze dessen stosse, was in zehn Jahren machbar sei.

Der Minister bleibt hart

Landwirtschaftsminister Jaimi van Essen hält an seinem Plan fest. Eine Kürzung, die alle Betriebe trifft, sei für die Regierung ein «No-Go». Mehrere Massnahmen, etwa beim Ausbringen der Gülle, seien noch nicht konkret genug gewesen, um in die Berechnung einzufliessen. Mit ihnen werde das Ziel erreicht. Er räumt aber ein, dass die Regierung von den Bauern viel verlangt.

Der Bauernverband LTO sieht sich durch das PBL bestätigt, dass das Paket grundlegend verbessert werden muss. Vier Bauernorganisationen, Agractie, NMV, NVP und DDB, stellten am 13. Oktober in Den Haag als «Landbouw Alliantie» einen eigenen Plan vor. Sie lehnen Obergrenzen pro Betrieb grundsätzlich ab. Der Minister will zwar mit ihnen reden, wies die wichtigsten Vorschläge aber noch am selben Tag zurück.

Phosphatrechte so teuer wie nie

Wie eng es für die niederländischen Milchbauern schon heute ist, zeigt der Markt für Phosphatrechte. Mitte Oktober wurde ein Kilo Phosphat mit 320 Euro gehandelt. Der bisherige Rekord aus dem Jahr 2018 lag bei etwas mehr als 275 Euro. Fachmedien beziffern die Kosten allein für die Produktionsrechte auf rund 15 000 Euro pro Kuh. Das Angebot ist knapp, auch weil Rechte bei staatlichen Ausstiegsprogrammen vom Markt genommen werden. Das PBL erwartet, dass die Preise weiter steigen, weil Betriebe zusätzliche Rechte brauchen, um die neuen Ammoniaknormen einzuhalten.

Gleich gross, aber ganz anders

Für Markus Kretz, Präsident des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands (LBV), lässt sich das nicht auf die Schweiz übertragen. Die beiden Länder hätten eine fast identische Fläche. Trotzdem hielten die Niederlande dreimal so viele Milchkühe, achtmal so viele Schweine und zehnmal so viele Legehennen. Und während die Schweiz vorwiegend für den Inlandbedarf produziere, sei die niederländische Landwirtschaft stark exportorientiert. «Mit diesem Hintergrundwissen wäre eine gleich harte Vorgehensweise unverhältnismässig», sagt Kretz.

Markus Kretz hält eine Obergrenze bei den Tierbeständen für nicht sinnvoll. (Bild: Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverband)

Auch die Bestände spielen in einer anderen Liga. In den Niederlanden liegen sie laut Kretz im Schnitt bei 120 Milchkühen, 700 Muttersauen und 3000 Mastschweinen. Bei den Schweinen seien die Einheiten damit durchschnittlich 14-mal grösser als in der Schweiz. Über alle Tiere gerechnet liege die Tierintensität in den Niederlanden mit rund 3,3 GVE pro Hektare landwirtschaftlicher Nutzfläche massiv höher als im tierintensiven Kanton Luzern mit rund 2 GVE. Bei den Milchbetrieben allein seien es gut 2 GVE. «Aus diesem Grund macht eine solche Obergrenze wenig Sinn.»

Gerechnet weniger, gemessen nicht

Untätig war Luzern beim Ammoniak nicht. In den fünf Jahren von 2020 bis 2024 seien im Kanton jährlich 522 Tonnen Ammoniak-Stickstoff weniger ausgestossen worden als im Basisjahr 2014 mit 4714 Tonnen, sagt Markus Bucheli, Fachexperte Ammoniak am Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung in Hohenrain LU. Das entspricht einer Reduktion von 11,1 Prozent.

Rechnet man die Veränderungen bei den Tierbeständen dazu, beträgt die berechnete Reduktion laut Kretz 16,4 Prozent. Vor allem bei der Lagerung und beim Ausbringen der Gülle sei deutlich weniger Ammoniak entwichen, sagt Bucheli. Auch die optimierte Fütterung der Schweine habe einen grossen Beitrag geleistet. Kretz nennt ebenfalls die emissionsarme Gülleausbringung und die eiweissreduzierte Schweinefütterung als grösste Hebel.

Bei einer Massnahme ist der Ärger allerdings gross. Die Abdeckung der Güllelager wurde einst als massiver Hebel angepriesen. Nach neuesten Erkenntnissen bringe sie aber nur ein Drittel des Effekts, der in den kantonalen und nationalen Modellrechnungen versprochen worden sei, sagt Kretz. Geschätzt hatte man 2014 eine Wirkung von 450 Tonnen Ammoniak-Stickstoff pro Jahr. Nach der Bereinigung sind es noch 146 Tonnen. Das sorge in der Luzerner Landwirtschaft für massive Verärgerung.

Dazu kommt ein zweiter Widerspruch: Trotz aller Anstrengungen zeigen die gemessenen Ammoniakkonzentrationen bisher keinen klaren Rückgang. Der Zwischenbericht nennt dafür unter anderem Witterungseinflüsse, höhere Durchschnittstemperaturen und Veränderungen der Luftchemie.

Für Kretz ist klar: Diese Differenz zwischen Modellrechnung und Messung muss weiter untersucht werden. Bucheli verweist auf einen weiteren Punkt: Weil viele Betriebe vom Anbindestall auf grosszügige Laufställe umgestellt haben, wird die Wirkung der umgesetzten Massnahmen geschmälert.

Obergrenze pro Betrieb? Nur unter Bedingungen

Ganz verwerfen will Markus Kretz die niederländische Idee nicht. Betriebliche Ziele könnten sinnvoll sein, wenn sie bereits erbrachte Leistungen berücksichtigen und den Betrieben Wahlfreiheit bei den Massnahmen lassen. Entscheidend seien nachvollziehbare Berechnungen und ein vertretbarer administrativer Aufwand.

Einen betriebsbezogenen Ansatz kennt Luzern bereits bei Stallbauten. Ein Punktesystem legt fest, welche Massnahmen zur Minderung nötig sind. Die Anforderungen steigen mit der Zahl der betroffenen Tierplätze und dem Tierbesatz pro Hektare, abgestuft nach Produktionszone.

Die Kuh hat den grössten Hebel

Wo lässt sich noch etwas herausholen, ohne dass Tiere abgebaut werden müssen? Über technische und bauliche Massnahmen werde viel berichtet und kommuniziert, sagt Bucheli. Zwei Aspekte seien aber ebenso wichtig und auf jedem Betrieb sofort umsetzbar.

Der erste ist die proteinangepasste Fütterung beim Rindvieh, insbesondere bei den Milchkühen. Sie habe ein grosses Potenzial, sei aber nicht so einfach umzusetzen wie bei den Schweinen. Weil die Grundfutterwerte schwanken und die Tiere auf der Weide fressen, seien die Gehalte schwer zu erfassen, zu kontrollieren und auszugleichen.

Die Rechnung ist trotzdem eindrücklich: Gelingt es, den Milchharnstoffgehalt um 1 mg pro 100 ml Milch zu senken, verringern sich die Emissionen um 2,6 Prozent. Da das Rindvieh schweizweit für rund 70 Prozent der Emissionen verantwortlich sei, sei das Potenzial sehr gross. In Luzern, wo im Vergleich zur übrigen Schweiz mehr Schweine gehalten werden, liege der Anteil des Rindviehs leicht tiefer.

Der zweite Aspekt liegt unter den Klauen. «Saubere und trockene Böden emittieren keinen Ammoniak und tragen zu einer guten Klauengesundheit bei», sagt Bucheli. Häufiger entmisten, Schieber und Roboter regelmässig nachjustieren und Verschleissteile wechseln: Das alles trage dazu bei, die Emissionen zu senken. Kretz nennt beim Rindvieh ebenfalls kleinere verschmutzte Flächen, saubere Laufgänge und einen raschen Harnabfluss. So werde verhindert, dass sich Kot und Harn länger vermischen und Ammoniak entsteht.

Und dann ist da noch die Weide. Sind die Tiere draussen, entfallen die Verluste in Stall und Lager. «Somit ist die Weide die einfachste und günstigste Massnahme», sagt Bucheli. Auch Kretz sieht in einer betrieblich passenden Weidehaltung einen Beitrag.

Abluftfilter passen nicht zu offenen Ställen

Bevorzugen sollte man laut Markus Kretz Lösungen, die die Emissionen senken und gleichzeitig das Tierwohl unterstützen. Abluftreinigungsanlagen könnten zwar wirksam sein. Sie setzten aber eine gezielte Abluftführung voraus, was bei offenen Ställen mit Auslauf praktisch unmöglich sei. Dazu kämen Investitions-, Betriebs- und Unterhaltskosten, die sich auf klein strukturierten Betrieben nicht rechneten. Kretz verweist auf das Ressourcenprojekt «Ammoniak und Geruch Zentralschweiz». Dort seien in den vergangenen Jahren viele praktische Erfahrungen gesammelt worden, die für praxistaugliche Lösungen genutzt werden sollten.

Der Druck ist schon da

Dass das Thema an der Schweiz vorbeigeht, glaubt Markus Kretz nicht. «Der Druck ist bereits spürbar», sagt er. Die Landwirtschaft investiere viel in die Reduktion ihrer Emissionen, und auch bei der Agrarpolitik ab 2030 (AP30+) werde das Thema beschäftigen.

Kretz erwartet, dass bereits erbrachte Leistungen anerkannt und weitere Schritte gemeinsam mit der Praxis entwickelt werden. «Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen und finanzierbare Lösungen, die Umweltziele, Tierwohl und eine produzierende Landwirtschaft zusammenbringen.»

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