Weisse Atemwolken schweben aus den Nüstern des vierzehnjährigen Freibergerwallachs Helix BB. Es ist eiskalt. Graupel fliegt Nathalie Bader ins Gesicht, während sie auf dem Rücken des Pferdes sitzt. Sie schreiten über den kleinen Allwetterplatz auf der Vorderen Bereten oberhalb des solothurnischen Dorfes Mümliswil. Bader ist nicht nur eine talentierte Reiterin, sondern auch Fahrerin.

Im Jahr 2022 gewann sie die Bronzemedaille an der Jugend-EM in der Kategorie U25 Einspänner. «Ich war perlex. Erwartet habe ich es nicht», resümiert die heute 28-Jährige ihre Lieblingserinnerung. Es war ihr allererstes internationales Turnier – das hielt sie aber nicht davon ab, gleich eine Medaille einzusacken. Ein Jahr später wurde sie zusätzlich Schweizermeisterin im Einspännerfahren.

Viel Zeit für anderes bleibt nicht

Beruflich arbeitet die gelernte Detailhandelsfachfrau bei der Sempione AG. Sie absolvierte die Berufsmatura und studierte kurzzeitig Lebensmitteltechnologie. «Das liess sich aber schlecht mit meinem Hobby vereinbaren», sagt sie. Obwohl Nathalie Bader nicht mehr zu Hause auf dem Betrieb wohnt, verbringt sie fast ihre gesamte Freizeit dort – zwei bis drei Stunden täglich. In dieser Zeit reitet, fährt und putzt sie. «Viel Zeit für anderes bleibt da nicht.»

Sie ist mit dem Fahrsport aufgewachsen. Ihr Vater Stefan Bader züchtet seit über zwanzig Jahren Freiberger. Diese wurden von einem Bekannten an den Promotionsprüfungen gefahren. So landete auch Nathalie Bader auf dem Kutschbock: Mit zwölf Jahren absolvierte sie das Fahrbrevet und kurz danach die Fahrlizenz. «Jetzt musst du dranbleiben», hätten ihr die Leute gesagt, erzählt sie.

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Die Freiberger fahren ganz vorne mit

Steil bergauf fuhr ihre Karriere erst, als sie ihren Wallach Helix anspannte. «Dank ihm schaffte ich es ins Kader», sagt Nathalie Bader. Der Wallach stammt aus der eigenen Zucht. Freiberger seien robust, umgänglich und hielten mit der internationalen Konkurrenz mit.

In einem hellen Stallteil mit sechs Boxen mümmeln die Pferde ihr Heu. Drei Zuchtstuten, die beiden Wallache Hektor und Helix sowie der Jungspund Nevio leben auf dem Betrieb. Stefan Bader führt diesen mit 38 Hektaren Nutzfläche und 9 Hektaren Wald. Im Stall nebenan stehen Milchvieh und eigene Kälber zur Mast.

Feriendestination ist der Turnierplatz

Hinter ihrer Karriere als Fahrerin verberge sich viel Aufwand; das Ganze sei ohne die Unterstützung ihrer Familie gar nicht möglich, erzählt Nathalie Bader. In der Saison verlädt sie zweimal wöchentlich Pferd und Wagen nach Balsthal SO, um dort auf dem grossen Sandplatz zu trainieren.

Für Turniere nimmt die Vollzeitbeschäftigte Ferien. Mit Ross und Wagen, in Begleitung ihrer Schwester und ihres Vaters, fährt sie an die Fahrturniere der umliegenden Länder. Obwohl der zeitliche Aufwand einer Teilzeitstelle nahekomme, bleibe es ihr Hobby. Ob sie dieses schon einmal hinterfragt habe? Nathalie Bader nickt, antwortet aber entschieden: «Ich mache es gerne, sonst würde ich nicht meine gesamte Freizeit dafür opfern.»

Blindes Vertrauen und Harmonie sind unabdingbar

Gestartet wird an Fahrturnieren im Dreierteam: Fahrerin, Pferd und Groom. Letzterer sitzt hinten auf dem Wagen, verteilt das eigene Gewicht und sorgt dafür, dass der Wagen nicht kippt, wenn die Pferde im vollen Galopp durch die Wendungen preschen. «Dem Groom musst du als Fahrerin vertrauen. Die Harmonie als Team ist entscheidend», sagt Nathalie Bader. Bei ihr auf der Kutsche sitzt ihre Schwester Chantal. «Wir verstehen uns ohne Worte.»

Nathalie Bader startet in Vollprüfungen mit drei unterschiedlichen Teilen. Als Erstes meistert das Team eine Dressuraufgabe, danach folgt das Highlight jeder Fahrprüfung: der Marathon. Pferd und Fahrerin preschen dabei über Holzbrücken, waten durch Teiche und zirkeln um Hindernisse. Höchste Konzentration ist gefordert. «Wenn ich am Turnierort ankomme, verbringe ich jede freie Minute damit, den Hindernisparcours abzulaufen und mir den Weg zu merken», erzählt sie.

Im letzten Teil, dem Kegelfahren, fährt das Team einen Parcours aus grossen, orangen Kegeln. Auf diesen thront jeweils ein kleiner, gelber Ball. Fällt dieser, gibt’s Strafpunkte.

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Aussicht auf die WM 2026

Drei Tage lang Spannung und Druck. «Die Stimmung an diesen Turnieren ist unglaublich», erzählt Bader. «Wir Fahrerinnen und Fahrer kennen uns – wir sind eine kleine Familie.» Das habe sie auch an der EM 2022 so geschätzt.

Dieses Jahr ist Nathalie Bader nicht Teil des Kaders. «Ich brachte die Resultate nicht», sagt sie. Um im Kader mitfahren zu können, müssen die Fahrerinnen und Fahrer genügend Präsenz und Resultate an Turnieren liefern. Dennoch nimmt sie an Kadertrainings teil und trainiert für die Weltmeisterschaft im September 2026.

Ihr nächstes Ziel ist es, ihr Nachwuchspferd, den zehnjährigen Wallach Hektor, auf dasselbe Niveau wie Helix zu bringen. Zuoberst auf ihrer Prioritätenliste steht aber die Gesundheit ihrer Pferde. Viel Freizeit bleibt der Rösselerin da nicht. «Ich entspanne beim Ausreiten», fasst Bader ihr Wohlfühlritual zusammen.

Nachgefragt
 
Haben Sie ein tägliches Ritual?
Ja, ich reite jeden Tag. Nach der Arbeit geht’s zu den Pferden in den Stall.

Wie entspannen Sie?
Auf dem Pferd. Beim Ausreiten im Wald lüfte ich meinen Kopf.

Ihr Lieblingsessen?
Fleisch – in jeder Form und Variante. Raclette mag ich aber auch.

Wenn Sie nicht reiten oder fahren, wo sind sie dann?
Am See mit meinen Freundinnen oder in den Skiferien.

Wohin möchten Sie gerne reisen?
Ich bin kein Reisefüdli. Wenn ich reise, dann in die Wärme an den Strand. Aber eigentlich gebe ich meine Ferien gerne für die Turniere her.