Wasser war im Seeland eigentlich nie Mangelware. Im Gegenteil. Über Jahrhunderte bestimmten Sümpfe, Hochwasser und Überschwemmungen das Gebiet zwischen Bieler-, Neuenburger- und Murtensee. Erst mit der Juragewässerkorrektion und einem immer dichteren Netz aus Kanälen und Drainagen wurde aus grossen Teilen des Grossen Mooses das fruchtbare Kulturland, das heute einen wichtigen Teil der Schweizer Gemüseproduktion trägt.
Rund vierzig Landwirte, Fachleute und weitere Interessierte kamen auf dem Betrieb der Familie Schwab in Gals BE zusammen. Anlass war die Vorstellung erster Resultate aus dem Pilotprojekt zur passiven Bewässerung. Angesichts der ausgeprägten Trockenheit dieses Sommers stiess das Thema auf besonderes Interesse. Auf den Versuchsparzellen liessen sich die Auswirkungen des unterschiedlichen Wassermanagements mit eigenen Augen erkennen.
«Wir müssen lernen, das vorhandene Wasser besser zu nutzen und nicht einfach möglichst schnell abzuleiten», sagte Matthias Schwab zur Begrüssung. Der Landwirt und Lohnunternehmer ist Präsident von Pro Agricultura Seeland, welche das Projekt trägt. Für ihn geht es nicht darum, die bestehende Entwässerung grundsätzlich infragezustellen. Vielmehr soll das System flexibler werden: Wasser muss bei Nässe weiterhin abfliessen können, soll aber in trockenen Zeiten gezielt zurückgehalten werden.
Drainagen werden eingestaut
Das Prinzip klingt zunächst einfach. In die bestehenden Hauptdrainageleitungen wurden elektrische Schieberschächte eingebaut. Werden die Schieber geschlossen, fliesst das Drainagewasser nicht mehr ungehindert ab. Es staut sich in den Leitungen zurück, hebt den Wasserstand im Untergrund an und steigt durch die Kapillarkräfte des Bodens in Richtung Wurzelraum.
Das Wasser wird damit nicht über Regner, Düsen oder Tropfschläuche auf die Kulturen gebracht. Es kommt von unten. Die 9,4 Hektaren grosse Pilotfläche wurde dazu in zwei Teilgebiete unterteilt, für die jeweils ein Einstaupegel festgelegt wurde. Die Schieber werden elektrisch gesteuert und über Solarpanels mit Energie versorgt.
Markus Schwab zeigte den Besuchern einen der Schächte und erläuterte die Konstruktion. Die Anlage sei als fertige Einheit auf die bestehende Hauptleitung gesetzt worden. «In der Mitte befindet sich der Überlauf. Daneben liegt die Schieberplatte, die mit einem Elektromotor geöffnet oder geschlossen wird», erklärte er.

Ein flexibel einstellbarer Notüberlauf sorgt dafür, dass das Wasser bei starken Niederschlägen weiterhin abfliessen kann. Denn passive Bewässerung bedeutet nicht, Drainagen dauerhaft zu verschliessen. Die Anlage muss rasch auf Wetter, Bodenfeuchtigkeit und Grundwasserstand reagieren können.
Gerade diese Steuerung ist anspruchsvoll. Messgeräte erfassen die Wasserstände, doch die Bedingungen im Untergrund sind nicht überall gleich. Bei tiefem Grundwasserstand können einzelne Messsonden zudem an ihre Grenzen kommen. «Die Technik funktioniert grundsätzlich. Aber wir müssen noch lernen, wie sie unter den unterschiedlichen Bedingungen am zuverlässigsten eingesetzt wird», sagte Markus Schwab.
Der Boden ist nicht eben
Eine der grössten Herausforderungen liegt nicht im Schacht, sondern an der Bodenoberfläche. Bereits kleine Höhenunterschiede haben einen grossen Einfluss darauf, wie nahe das eingestaute Wasser an die Wurzeln gelangt. Was auf einer Karte flach erscheint, kann innerhalb einer Parzelle deutlich variieren.
In einer Senke steht das Wasser möglicherweise zu hoch, während eine etwas höher gelegene Stelle kaum vom Einstau profitiert. «Man kann nicht einfach einen Wasserstand festlegen und erwarten, dass er auf der ganzen Fläche dieselbe Wirkung hat», wurde während des Rundgangs deutlich. Langfristig könnte deshalb eine genauere Nivellierung der Flächen nötig werden.

Auch Bodenart, Unterboden und Zustand der Drainagen spielen eine Rolle. Die Leitungen müssen durchgängig sein, damit sich das Wasser verteilen kann. Gleichzeitig darf sich kein unkontrollierter Rückstau bilden. Das System verlangt somit eine genaue Kenntnis der vorhandenen Drainagen – und eine laufende Überwachung.
Aurelia Marti von der Geschäftsstelle von Pro Agricultura Seeland erinnerte daran, dass es sich um ein Pilotprojekt handelt. «Wir wollen herausfinden, wo das Verfahren funktioniert, wo seine Grenzen liegen und welche Anpassungen nötig sind», erklärte sie. Eine einfache Standardlösung für jede Parzelle sei nicht zu erwarten.
Das Projekt wurde im Herbst 2024 im Rahmen des Programms der Wyss Academy gestartet. Wissenschaftlich begleitet wird es von der Universität Neuenburg im Bereich Hydrologie und von der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL im Pflanzenbau. Die Versuche sind bis 2029 vorgesehen.
Wasser gegen den Bodenschwund
Neben dem Pflanzenwachstum geht es beim Versuch um eine zweite, langfristig vielleicht noch wichtigere Frage: Kann ein höherer Wasserstand den Verlust der organischen Böden bremsen? Wenn Moorböden entwässert werden, gelangt Sauerstoff an die organische Substanz. Diese wird abgebaut, CO₂ wird freigesetzt und der Boden sackt ab.
Die Universität Neuenburg misst deshalb auch die CO₂‑Emissionen. Die Untersuchungen haben erst im Juni begonnen. Entsprechend vorsichtig müssen die ersten Daten interpretiert werden. Trotzdem ist eine Beobachtung auffällig: Nach einem Regenereignis am 19. Juni 2026 stieg die Bodenfeuchtigkeit deutlich an, während die gemessenen CO₂-Emissionen beinahe auf null zurückgingen. Als der Boden wieder trockener wurde, stiegen auch die Emissionen erneut an.
Ob sich dieser Effekt mit der passiven Bewässerung gezielt nutzen lässt, muss erst untersucht werden. Genau darin liegt aber eine grosse Hoffnung des Projekts: Wasser soll nicht nur die Pflanzen versorgen, sondern auch die tieferen organischen Bodenschichten feucht halten und damit deren Abbau verlangsamen.
Ursina Morgenthaler von der Universität Neuenburg stellte die Messungen im Boden vor. Erfasst werden unter anderem Grundwasserstand, Bodenfeuchtigkeit, Bodentemperatur und CO₂‑Emissionen. Die Messgeräte werden mit Solarpanels betrieben und liefern laufend Daten.
Sichtbare Unterschiede bei den Kulturen
Andreas Keiser von der HAFL stellte die pflanzenbaulichen Versuche vor. Auf den Flächen werden Bodenfeuchtigkeit, Wurzelentwicklung und Wachstum verschiedener Kulturen verglichen. Unter anderem stehen Karotten und Süsskartoffeln im Versuch.
Die Trockenheit machte die Unterschiede zwischen den Teilflächen deutlich sichtbar. Wo den Pflanzen mehr Wasser zur Verfügung stand, präsentierten sich die Bestände kräftiger und gleichmässiger. An trockeneren Stellen blieb das Wachstum zurück. Gleichzeitig wurden gute und über die untersuchten Standorte stabile Erträge festgestellt. Genannt wurde ein Ertrag von 71 Tonnen Rüebli pro Hektare. Als Vergleichswert stand ein erwarteter mittlerer Ertrag von rund 40 Tonnen pro Hektare im Raum.

Diese Zahlen beeindruckten. Sie dürfen aber nicht vorschnell als alleiniger Effekt der passiven Bewässerung interpretiert werden. Dafür ist der Versuch noch zu jung und die Zahl der Einflussfaktoren zu gross. «Wir sehen deutliche Unterschiede. Nun müssen wir klären, welcher Anteil tatsächlich auf die passive Bewässerung zurückzuführen ist», erklärte Keiser. Dazu würden nicht nur die oberirdischen Pflanzenbestände beurteilt. Entscheidend seien auch Wurzellänge, Durchwurzelung, Bodenfeuchtigkeit und schliesslich Ertrag und Qualität.
Die Messungen werden weitergeführt. Erst nach mehreren Vegetationsperioden und unter unterschiedlichen Witterungsbedingungen wird sich abschätzen lassen, wie zuverlässig das Verfahren wirkt. «Ein einzelnes trockenes Jahr liefert wertvolle Hinweise, aber noch keine allgemeingültige Antwort», sagte Keiser.
Kein Ersatz für jedes Bewässerungssystem
Die Diskussion unter den Teilnehmenden zeigte, dass passive Bewässerung nicht überall gleich einfach umzusetzen ist. Voraussetzung sind geeignete, funktionierende Drainagen, relativ ebene Flächen und Böden, in denen das Wasser kapillar aufsteigen kann. In sehr durchlässigen oder stark geneigten Parzellen dürfte das Verfahren schwieriger sein.
Zudem muss genügend Wasser vorhanden sein, das zurückgehalten werden kann. Nach langen niederschlagsarmen Perioden kann auch ein eingestautes Drainagesystem kein Wasser verteilen, das im Boden und in den Kanälen fehlt.
Die passive Bewässerung dürfte daher herkömmliche Beregnung nicht vollständig ersetzen. Sie könnte aber deren Einsatz reduzieren, Trockenperioden überbrücken und das Wasser effizienter nutzen. Weil keine grossen Wassermengen über die Bodenoberfläche verteilt werden müssen, fallen Verdunstungsverluste geringer aus. Gleichzeitig bleiben Blätter und Bodenoberfläche trocken.

Danielle Albiker vertrat am Anlass das Forum für nachhaltiges Wassermanagement in der Landwirtschaft. Für das Forum sind solche Praxisversuche wichtig, weil Wasserfragen nicht an Gemeinde-, Kantons- oder Betriebsgrenzen haltmachen. Bewässerung, Entwässerung, Hochwasserschutz, Bodenfruchtbarkeit und Naturschutz müssten gemeinsam betrachtet werden.
Braucht ein ausgeklügeltes System
Die Veranstaltung in Gals zeigte, dass die Landwirtschaft im Grossen Moos nicht einfach zwischen «entwässern» und «bewässern» wählen kann. Gefragt ist ein steuerbares System, das beides beherrscht. Matthias Schwab brachte es zum Abschluss sinngemäss auf den Punkt: «Früher bestand die Aufgabe darin, das Wasser möglichst rasch wegzubringen. Heute müssen wir auch wissen, wann wir es zurückhalten sollten.»
Die ersten Resultate machen Mut. Sie zeigen aber ebenso deutlich, dass passive Bewässerung keine Lösung nach dem Prinzip «Schieber zu und fertig» ist. Sie verlangt Messungen, Betreuung und Erfahrung. Gerade im trockenen Sommer 2026 wird jedoch sichtbar, weshalb sich dieser Aufwand lohnen könnte: Jeder Tropfen, der im Boden bleibt und von den Pflanzen genutzt werden kann, muss nicht später mit viel Energie wieder auf das Feld gebracht werden.

