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Genug Futter dank Hecken: Agroforst bewährt sich im Dürrejahr 2026

Pirmin Adlers Mutterkühe finden nach wie vor genug zu fressen. Laub liefert ihnen Nähr- und Mineralstoffe. Der Nutzen seines Agroforsts geht aber über die stabile Futtergrundlage hinaus.

Pirmin Adlers Limousin-Mutterkühe können trotz wochenlanger Trockenheit und Hitze im Sommer 2026 aus dem Vollen schöpfen – oder besser gesagt, rupfen. Zur Auswahl stehen frisches Grün von Weide, Hasel, Pappel und zahlreichen weiteren Sträuchern. Sichtlich zufrieden recken die Tiere die Hälse, so tief es der Weidezaun zulässt, in die Hecke, die Adler vor vier Jahren gepflanzt hat.

«Im Juni/Juli ist die Hauptnutzungszeit der Gehölze», erklärt er. Die Wiese wächst zu diesem Zeitpunkt – und heuer in extremem Masse – nur noch wenig und ist auch oftmals weniger schmackhaft. Anders als im Frühling, wenn Gräser, Klee und Kräuter noch den Hauptteil von Adlers Weideration ausmachen.

Unterschiedlich ausgerichtete Sträucher und Bäume

Mehrere Tausend Sträucher aller Art wachsen auf den 22 ha LN, die Pirmin Adler in Oberrüti AG bewirtschaftet. Die Nutzhecken sind nicht nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet, sondern orientieren sich am Weideaustrieb und der Zufahrt. Die Sträucher in Nord-Süd-Achse werfen vorteilhaften Schatten, während das Laub der Hecke mit Ost-West-Orientierung auf einer anderen Parzelle im Herbst vom Föhn über die Wiese verteilt wird. «Das ist Gratisdünger», bemerkt Pirmin Adler. Sein System besteht aus 24 m breiten Koppeln. Die Herde wechselt meist täglich die Weide.

Die Mutterkühe und ihre Kälber nehmen das Futter aus der Hecke gerne an – ebenso wie den Schatten, den das Gehölz bietet.(Bild: Jil Schuller)

Nutzgehölze neu rechtlich geregelt

Bisher gab es eine rechtliche Lücke im Umgang mit Hecken, die nicht primär der Biodiversitätsförderung dienen. Sie gelten heute mangels Definition als Strukturen und werden grundsätzlich zum Nachteil der Bewirtschaftenden aus der LN genommen. Im Verordnungspaket 26 ist nun aber vorgesehen, streifenartige Nutzgehölze in die Definition von Dauerkulturen aufzunehmen. Das grenzt sie klar ab von Hecken-, Feld- und Ufergehölzen.

Nutzgehölze dienen demnach als Futterquelle, zur Gewinnung von Produkten zur menschlichen Ernährung, für die Produktion von Grünschnitzeln oder zum Schutz von Tieren. Sie müssen weder einen Krautsaum noch einen Pufferstreifen aufweisen, dürfen maximal sechs Meter breit sein und müssen mindestens 10 Meter Längsabstand zueinander haben. Die Neudefinition bedeutet auch: Nutzgehölze fallen nicht unter den Heckenschutz – sie dürfen jederzeit wieder entfernt werden. Ausserdem werden in Zukunft für diese Flächen Dauerkultur-Beiträge ausgerichtet. Das Inkrafttreten dieser Neuregelungen ist für den 1. Januar 2027 geplant.

Lange Aufbauarbeit, die sich bereits lohnt

Diese Pionierarbeit ist preisgekrönt – Pirmin Adler gewann 2025 den Prix Climat – und wurde mittlerweile mehrfach in Medienberichten, bei Führungen und Veranstaltungen gezeigt. Der Betrieb ist also einschlägig bekannt, ebenso wie die Vorteile von Bäumen und Hecken auf Landwirtschaftsland. Jedenfalls in der Theorie. Aber während 2026 vielerorts das Weidefutter fehlt und das Emd nicht nachwächst, beweist dieser Agroforst jene Resilienz und Autarkie, die Adler anstrebt. Am Ziel angelangt sieht er sich deshalb aber nicht. «Es dauert wohl noch etwa 20 Jahre, bis mein Agroforst so entwickelt ist, wie ich mir das vorstelle», schätzt er.

Bereits jetzt gibt das Agroforst-System jedoch viel zurück. Pirmin Adler zwackt einen mehr als armlangen Zweig mit saftig grünen Blättern von der nächsten Weide ab. Die Gartenschere hat er immer griffbereit – ein Beweis dafür, wie wichtig Gehölze in seinem Arbeitsalltag geworden sind. «Diese Hecke habe ich intensiv beweidet und dieser Zweig ist innert vier Wochen nachgewachsen», schildert er. Wohlbemerkt in vier Wochen, während derer das Gras kaum noch an Masse zulegen konnte.

Innerhalb von vier Wochen ist dieser Weidenzweig nachgewachsen. Das Laub enthält nicht nur Mineralstoffe, sondern ist auch nahr- und schmackhaft für die Tiere.(Bild: Jil Schuller)

Der Nährstoffgehalt von Blättern wird unterschätzt

Zwar stehen bei Diskussionen über Laubfütterung häufig Mineralstoffe im Vordergrund, die verschiedene Gehölzarten zur Ration beitragen können. Tatsächlich kommt Adler heute mit nur noch der Hälfte der Mineralstoffmenge aus, die er früher zukaufte. Aber der Nährstoffgehalt von Laub sei nicht zu unterschätzen. «Maulbeerblätter haben um die 20 Prozent Rohprotein. Eschen und Weiden sind ebenfalls proteinreich», so der Biolandwirt.

Im Energiegehalt seien die Gehölzblätter vergleichbar mit mittelintensivem Weidefutter. Die Futterhecken sind also keine «Notfallration», sondern gleichwertiger und fixer Bestandteil von Adlers Strategie.

Vorlieben je nach Befindlichkeit und Gesundheit der Kühe

Die Limousin-Kühe, die gerade komfortabel im Schatten an der Hecke knabbern, bekommen ausschliesslich Grünlandmischungen und Laub. «Früher habe ich noch Mais zugefüttert, dieses Jahr gar keinen mehr», sagt Pirmin Adler.

Veränderungen vollzieht er langsam, beobachtet die Wirkung auf seine Tiere und will ihnen Vielfalt bieten. «Mit einer Totalmischration könnte ich weder jedem Tier noch seinen je nach Tag unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden», ist er überzeugt. Die Kühe scheinen zu wissen, was ihnen guttut. «Walnusslaub hat bei einem Versuch nur eine gefressen, vielleicht hatte sie Parasiten. Bei Durchfall schlagen sich betroffene Kühe den Pansen voll mit Eichenlaub», so seine Beobachtungen.

Tiefe Wurzeln bringen Nährstoffe und Wasser nach oben

Der Agroforst erfüllt also seinen Zweck. Sein Nutzen geht aber über eine stabile und gesundheitsfördernde Futtergrundlage hinaus. «Die Hecken und Bäume wurzeln tief, sie fördern Mykorrhiza, können Wasser und Nährstoffe in obere Bodenschichten bringen, spenden Schatten, binden Kohlenstoff, verbessern das Mikroklima sowie die Wasserinfiltration und -speicherung, dämpfen Temperaturschwankungen und regen die Taubildung an», zählt Pirmin Adler die Vorteile auf.

Zudem sind die Gehölze ein biodiverser Lebensraum, z. B. für Insekten. Astmaterial aus dem winterlichen Pflegeschnitt, wenn Adler die Sträucher einkürzt, dient in Form von fragmentiertem Zweigholz als Einstreu.

Auch beim Grasland ansetzen

Zwar kann Laub die Graswachstums-Depression im Sommer kompensieren, die Wiesen und Weiden sollen aber auch resilienter werden. Daher will Pirmin Adler statt Raigras vermehrt tief wurzelnde Arten wie Rohrschwingel oder Knaulgras fördern und sie mit Chicorée, Spitzwegerich, Klee und Luzerne kombinieren.

Beim Gang entlang seiner Flächen – alle streifenförmig bepflanzt mit Sträuchern und Bäumen – sieht keine Wiese gleich aus. «Laubfütterung und Wiesenfutter aufeinander abzustimmen, ist eine Herausforderung», meint der Biolandwirt. Im Frühling konnte er grössere Mengen Gras für den Winter konservieren, jetzt herrscht die Weidenutzung vor.

Pirmin Adlers Wiesen sind artenreich. Da das Gras besonders Mühe hat mit Hitze und Trockenheit, fallen jetzt Spitzwegerich und Chicorée besonders auf.(Bild: Jil Schuller)
Agroforst auch im Ackerbau: Neben einem Baumstreifen hat Pirmin Adler eine Mischung aus Ackerbohnen und Hafer angebaut, die als Futter für die eigenen Hühner dient.(Bild: Jil Schuller)

«Ich bin so glücklich»

Pirmin Adler schätzt, dass er heute etwa 100 Sträucher pro GVE auf seinem Betrieb hat. Das reicht, um seine rund 60-köpfige Herde (22 Mutterkühe mit ihren Kälbern) zu versorgen. Damit es flächenmässig aufgeht mit der Selbstversorgung punkto Futter, hat er seinen Tierbestand bereits um 30 Prozent verkleinert.

«Aber für ein rundum gesundes System bräuchte ich wahrscheinlich 200–300 Sträucher pro GVE», ergänzt Adler. So pflanzt der Aargauer fleissig weiter. In vier Jahren will er alle Lücken, die seine Strauch- und Baumreihen noch aufweisen, geschlossen haben.

Auch wenn er davon ausgeht, noch mehr als ein Jahrzehnt Aufbauarbeit zu leisten, ist er ungebrochen motiviert: «Ich bin so glücklich, mein eigenes System zu gestalten. Es gibt mir ein gutes Arbeitsgefühl, angefangen zu haben, auf dem Weg zu sein.»

LN «opfern», um den Wasserkreislauf wiederherzustellen

Zur Zukunftsvision des Biolandwirts gehört neben der Verbesserung des Wasserhaushalts dank Gehölzen die Vernässung von Flächen, die an Gewässer grenzen. Er möchte einen Bach renaturieren, einen Auenwald wachsen lassen und diesen mit seinen Tieren bewirtschaften. Das trage ebenso dazu bei, Wasser in der Landschaft zu halten. Fraglos geht dadurch Nutzfläche «verloren». Doch Pirmin Adler relativiert: «Vielleicht wären wir in Zukunft froh, etwas LN geopfert zu haben, um den Wasserkreislauf wiederherzustellen.» Technische Lösungen würden immer wieder an ihre Grenzen stossen. Daher sieht er es kritisch, wenig trockentolerante Wiesenbestände durch Bewässerung über die Sommermonate zu bringen. «Mit natürlichen Systemen kann man hingegen so viel machen», so Adlers Haltung.

Anpassen und schützen bis 2030: «Das ist quasi übermorgen»

Biovision, die Stiftung für ökologische Entwicklung, hat den Betrieb von Pirmin Adler zu einem «Leuchtturm der Agrarökologie» erklärt. In diesem Sommer steht aus aktuellem Anlass im Fokus, was Pirmin Adler im Hinblick auf Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel unternommen hat.

Patricio Frei, Medienbeauftragter von Biovision, erinnert an den Massnahmenkatalog der Klimastrategie Landwirtschaft und Ernährung des Bundes (KSLE), dessen Zeithorizont 2030 ist. «Das ist in der Landwirtschaftspolitik quasi übermorgen», betont Frei. Die Umsetzung der zahlreichen Massnahmen – darunter eine Anpassung des Produktionsportfolios der Schweizer Landwirtschaft, Verbesserung der Wassernutzung und Erhalt der Kohlenstoffvorräte im Boden – müsste in der AP 30+ angegangen werden. «Danach sieht es derzeit aber nicht aus», so die Kritik von Biovision.

Das müsse sich ändern, damit Landwirte künftig unterstützt werden, statt sie dem Klimawandel allein zu überlassen: «Die Trockenheit macht deutlich, dass die künftige Landwirtschaftspolitik dem Klimaschutz mehr Rechnung tragen muss», findet Frei.

Die Gartenschere immer griffbereit dabei: Sträucher gehören fix zu Pirmin Adlers Betrieb und Arbeitsalltag.(Bild: Jil Schuller)
Auch die Hühner profitieren vom Schatten unter den Gehölzen.(Bild: Jil Schuller)

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