Schweine nur zwischen wenigen Höfen verschieben, und nur innerhalb einer Region: Das hätte die Seuchengefahr in den Schweineringen verringern sollen, in denen sich mehrere Höfe die Ferkelproduktion teilen. Doch einige Ringbetreiber hätten solche Vorschläge «vehement zurückgestellt», sagt Adrian Schütz, stellvertretender Geschäftsführer von Suisseporcs. Welche Betreiber er meint, sagt er nicht.
Jetzt ist in einem dieser Ringe eine Seuche ausgebrochen, welche die Schweiz seit zwanzig Jahren weitgehend los war: die Enzootische Pneumonie (EP), eine ansteckende Lungenkrankheit der Schweine. Heute sollen auf 20 Zuchtbetrieben in sechs Kantonen die Ställe leer sein. Rund 1500 Zuchtschweine und ihre Ferkel werden geschlachtet oder eingeschläfert, 40 Mastbetriebe in 14 Kantonen sind gesperrt. Ob strengere Regeln den Ausbruch verhindert hätten, weiss niemand. Woher der Erreger kam, ist noch unklar.
10 Tage, bis wieder eingestallt werden darf
Letzte Woche meldete die Luzerner Staatskanzlei, die Räumungen kämen plangemäss voran. Im Kanton Luzern liegen elf der 20 Zuchtbetriebe. Nach der Räumung werden die Ställe gereinigt und desinfiziert, der Veterinärdienst überprüft die Arbeiten. Danach gilt eine Wartezeit von zehn Tagen, bevor wieder Tiere einziehen dürfen.
Beschlossen haben die Massnahmen die Kantonstierärztinnen und Kantonstierärzte zusammen mit dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) und Fachorganisationen. Die Verantwortlichen des Rings waren am Entscheid nicht beteiligt, hält der Kanton Luzern fest.
Qualiporc schweigt
Der Gesundheitsdienst Qualiporc, der die Betriebe des Rings betreut, hält sich auf Anfrage bedeckt. Die epidemiologischen Abklärungen seien nicht abgeschlossen, schreibt Geschäftsführer Robert Graage. Zur möglichen Einschleppung, zu den Ausbreitungswegen und zu den Ursachen könne man deshalb noch nichts Abschliessendes sagen.
Zu «laufenden Diskussionen einzelner Akteure» äussere man sich derzeit nicht. Die Erkenntnisse würden nach Abschluss der Untersuchungen sorgfältig ausgewertet. Offen bleibt damit auch, welche Vorgaben zur Biosicherheit Qualiporc den Betrieben macht und wie sie kontrolliert werden. Diese Frage hängt nicht von den laufenden Abklärungen ab.
Andreas Stalder, Präsident der ASF Sursee, hatte die Kritik an der Grösse des Rings in der Printausgabe der BauernZeitung vom 25. September 2026 zurückgewiesen. Der Ring sei gross, die Betriebe darin aber klein und mittelgross. «Sie generieren in dieser Grösse ihr Einkommen. Das ist die Idee eines solchen Rings: dass wir Betriebe erhalten.»
«In dieser Form wohl einmalig»
Für Adrian Schütz ist klar: «Wer Risiko eingeht, muss auch Risiko tragen. Eigenverantwortlich.» Der Tierverkehr sei das grösste Risiko, dass Krankheiten übertragen werden. Seit der Gründung der Schweinegesundheitsdienste 1966 hätten Fachleute das Ziel verfolgt, möglichst wenig Tiere von Hof zu Hof zu bringen. Das sei immer wieder angesprochen und geschult worden.
Auch über Sperma könnten Erreger eingeschleppt werden, wie der PRRS-Ausbruch vom Dezember 2012 mit importiertem Sperma gezeigt habe. Ein hohes Risiko bestehe zudem an der Grenze, wenn in der Nachbarschaft nicht sanierte oder infizierte Schweine gehalten werden, und in Gebieten mit Wildschweinen.
Den betroffenen Ring hält Schütz für einen Sonderfall. Eine Herde sei über die ganze Schweiz verteilt worden, das Konstrukt sei für Aussenstehende unüberschaubar. Die Zahl der Tierkontakte übersteige ein denkbares Ausmass und sei in dieser Form wohl einmalig. Möglich geworden sei die Aufteilung der Schweineproduktion auf viele Betriebe erst nach der Flächensanierung.
Selbstbeschränkung ohne Zwang
Der grösste Teil der Schweinehaltung ist laut Adrian Schütz in geschlossenen, familiären Einheiten organisiert. Rund 35 bis 40 Prozent kämen ohne Tierverkehr aus. Auf die Abferkelringe entfällt Schätzungen zufolge rund ein Viertel der Ferkelproduktion, und ihre Herden sind überdurchschnittlich gross. «Je grösser die Herde, desto mehr Schweine sind bei Infektionen betroffen.»
Gegen Arbeitsteilung an sich hat Schütz nichts. Ein Galtsauenbetrieb, also ein Hof, der die Sauen zwischen zwei Würfen hält, mit ein bis drei Abferkelbetrieben in der Umgebung scheine «noch vernünftig». Je mehr Betriebe beteiligt seien, desto grösser sei die Gefahr, dass sich die ganze Herde ansteckt.
Zwang will er trotzdem keinen. Angezeigt sei eine «vernünftige Selbstbeschränkung», welche die Betriebe und Organisationen ohne Zwang umsetzen könnten. Suisseporcs-Geschäftsführer Stefan Müller hielt es gegenüber der «Berner Zeitung» für denkbar, dass der Gesetzgeber nach diesem Ausbruch neue Systemgrenzen zieht.
Vermeiden, unterbrechen, melden, tilgen
Damit sich ein Ausbruch nicht so weit ausbreitet, nennt Adrian Schütz vier Schritte. Erstens: die Herdengrösse so wählen, dass im Ernstfall möglichst wenige Betriebe und Regionen betroffen sind, und die Biosicherheit einhalten. Dazu gehöre, dass die Schweine keinen Kontakt zu anderen Tieren und zu Menschen haben, die Erreger übertragen könnten.
Zweitens: bei einem Verdacht sofort den Tierverkehr stoppen. Drittens: die Meldepflicht unverzüglich erfüllen, sich helfen lassen und Untersuchungen durchführen. Viertens: die Seuche tilgen. Was das im Alltag heisst, sagte Stefan Müller der «Berner Zeitung»: «Kleider wechseln, wenig Personenverkehr im Schweinestall und sofort melden, falls ein Tier Symptome zeigt.»
«Wieso impfen, wenn es anders besser geht?»
In der Schweiz ist die Impfung gegen EP verboten, in Deutschland, Frankreich und Österreich wird geimpft. Die Impfung verhindert die Ansteckung nicht, schützt aber die Lunge besser vor Begleitinfektionen. Der Erreger bleibt im Stall, und geimpfte Tiere können ihn unbemerkt weitertragen.
Für Adrian Schütz ist die Impfung trotzdem keine Option: Sie bringe Mehraufwand und enorme Kosten, schütze nicht lebenslang und belaste Tier und Betreuer. Medikamente könnten Krankheiten zwar lindern, das sei aber Symptombekämpfung, und der Einsatz von Antibiotika sei nicht erwünscht. «Wieso impfen, wenn es anders besser geht?», fragt er.
Die Tilgung ansteckender Krankheiten sei ein «enormer Gewinn», auch für die Konsumentinnen und Konsumenten. Auch im Ausland gebe es erfolgreiche Herden, die frei von bestimmten Krankheitserregern gehalten werden, sogenannte SPF‑Herden. Krankheitsfreie Bestände würden künftig noch bedeutender, sie gehörten zur Schweizer Qualitätsproduktion. Ganz verschwunden ist EP allerdings nie.
Hinterfragt werde das Impfverbot von Personen, «welche nicht im Stall arbeiten». Die Schweinehaltenden selbst stellten es nicht infrage. Das trifft anscheinend nicht auf alle zu. Andreas Stalder sagte in der BauernZeitung: «Ich persönlich verstehe nicht, dass man nicht impfen will.» Es gebe Nachbarländer, die das erfolgreich machten.
Wer den Schaden trägt
Für die Betroffenen verweist Adrian Schütz auf die kantonalen Tierseuchenkassen, seit Langem eine «grossartige solidarische Leistung». Ihre Kosten tragen alle Nutztierhaltenden, teilweise über die Tierarten hinweg. Zusammen mit dem Schweizer Bauernverband und der Schweizer Hagel sei zudem eine zusätzliche privatrechtliche Epidemieversicherung eingeführt worden.
Risikobasierte Prämien gebe es bisher nicht, das helfe Betrieben mit grösserem Risiko. Einen Unterschied gibt es allerdings: Wer nach dem Biosicherheitskonzept Biosec zertifiziert ist, erhält bei der Schweizer Hagel 10 Prozent Rabatt. Die Schlachtbetriebe übernähmen die zusätzlichen Schweine, der Preis für ausgediente Zuchtsauen sei kurzfristig für alle gesunken.
Zu einer obligatorischen Branchenversicherung sagt Adrian Schütz: «Branche ist ein grosses Wort.» Dann müssten sich auch Handel, Verarbeiter und Fleischverkäufer an der Versicherung für die Schweinehaltenden beteiligen und umgekehrt. Die Entschädigungen in der Tierseuchenverordnung würden seit Sommer 2026 überarbeitet und vereinfacht. Wichtig seien Prävention und finanzielle Reserven auf den Betrieben.
Für die Familien kommt die Seuche zur Unzeit. Der Schweinemarkt ist seit Monaten überversorgt, der Schlachtschweinepreis fiel im Juni auf das Rekordtief von Fr. 2.50 pro Kilo Schlachtgewicht. Dem Ring werden nun rund 20 000 Ferkel fehlen.
Wer zieht die Grenze?
Ist die Totalsanierung ein Instrument aus einer Zeit mit anderen Betriebsstrukturen? Die Frage suggeriere, dass die Schweizer Schweinehaltung ihre Arbeit nicht mehr gut mache, sagt Adrian Schütz. Die Seuchenfreiheit sei «mit Schweiss, Geld, Arbeit und einem starken Willen» erarbeitet worden und funktioniere hervorragend. Man müsse die Anforderungen an eine professionelle Tierhaltung erfüllen.
«Die Strukturen sind entsprechend zu gestalten.» Ganz verschwunden war EP allerdings nie: 2018 hatten weniger als 1 Prozent der Sauen Antikörper gegen den Erreger, und jedes Jahr gibt es sporadische Fälle, zuletzt auch nahe der Grenze und in Gebieten mit vielen Wildschweinen.

