Grösster EP-Ausbruch seit Jahren erfasst Schweizer Schweinering – Ausmass weiterhin unklar

Ein Schweinering mit rund 60 Betrieben ist an Enzootischer Pneumonie erkrankt. Klar ist bislang nur, dass der Ausbruch stattgefunden hat – wie gross er wirklich ist und wie es weitergeht, bleibt offen.

Die Woche begann mit einer Bestätigung: Am Mittwoch, 9. September, hatte der Veterinärdienst des Kantons Luzern den Verdacht gemeldet, eine Woche darauf, am 16. September, bestätigte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV offiziell, dass in einem grossen Schweinering die Enzootische Pneumonie, kurz EP, ausgebrochen ist.

Bei Tieren mit Husten und Fieber wurde der Erreger Mycoplasma hyopneumoniae nachgewiesen. Betroffen sind 20 Zuchtbetriebe in sechs Kantonen und 40 Mastbetriebe in mehreren Kantonen – total also rund 60 Betriebe. Über alle Betriebe des Rings wurde eine Sperre ersten Grades verhängt: Der Tierverkehr ist eingeschränkt, ausser zur direkten Schlachtung.

Klar ist damit erst, dass der Ausbruch stattgefunden hat. Wie gross er wirklich ist, blieb die ganze Woche über offen. Offiziell bestätigt sind sechs Kantone bei den Zuchtbetrieben. An mehreren Stellen ist bereits von zwölf betroffenen Kantonen insgesamt die Rede – eine Zahl, die über den eigentlichen Ring sogar hinausgehen könnte. Hier sollen noch Abklärungen laufen.

Die Einschätzungen der Woche

Auf Anfrage der BauernZeitung schätzte Matteo Aepli, Geschäftsführer der Suisag, zu der auch der Schweinegesundheitsdienst SGD gehört, das Risiko einer weiteren Ausbreitung ernst ein: Weil so viele Betriebe verteilt über eine grosse Region betroffen seien, darunter auch Betriebe in sehr schweinedichten Gebieten, bestehe das Risiko, dass sich der Ausbruch auf weitere Höfe ausdehne. Alle beteiligten Personen und Organisationen seien deshalb sehr bemüht, das Geschehen einzugrenzen und rasch in den Griff zu bekommen.

Der betroffene Ring ist nicht dem SGD, sondern dem Gesundheitsservice QGS der Qualiporc-Genossenschaft angeschlossen. Ein Ausbruch dieser Grösse wäre laut Aepli aber in jedem der beiden Systeme möglich gewesen, weil die Luft neben dem direkten Tierkontakt eine grosse Rolle als Übertragungsweg spielt. Entscheidend sei deshalb, klinische Anzeichen rasch zu erkennen und sofort zu reagieren, indem der Bestandestierarzt oder der zuständige Gesundheitsdienst informiert wird – genau darauf versuche man, die SGD-Betriebe laufend zu sensibilisieren.

Obwohl der betroffene Ring beim QGS ist, sei der SGD voll involviert: Es gehe hier um die ganze Branche, nicht um ein System gegen das andere. Konkret ist der SGD seit einer Woche im ständigen Kontakt mit verschiedenen Kantonen, macht epidemiologische Abklärungen auf Basis der SGD-Datenbank und beprobt Betriebe. Am dringendsten brauche es jetzt eine klare Strategie, was mit den gesperrten Betrieben passiert. Dabei sind Bund und Kantone im Lead; im Moment werde intensiv daran gearbeitet.

Noch nie dagewesene Seuchenlage

Auch Markus Kretz, Präsident des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbandes LBV, nahm am Donnerstag, 17. September, auf Anfrage der BauernZeitung Stellung. Für ihn steht der Ausbruch in einer Reihe, die es so noch nie gab: Die Afrikanische Schweinepest so nah vor der Landesgrenze wie nie zuvor, die Vogelgrippe in diesem Jahr in der Schweiz selbst präsent, die Lumpy-Skin-Disease jenseits der Grenze, die Blauzungenkrankheit, die die Schweiz nie ganz verlassen hat, dazu im August das neu aufgetretene Shamonda-Virus bei Rindern und Pferden – und jetzt EP. Früher, sagt Kretz, habe man jeweils über eine Seuche gesprochen. Heute sei die Lage über praktisch alle Tierkategorien hinweg angespannt.

Kretz nennt drei wichtige Punkte

Markus Kretz nennt drei Punkte, die er der Branche mitgibt. Erstens die Dimension: Antikörper-Nachweise zeigen, dass EP in der Schweiz nie ganz verschwunden war – kleinere Ausbrüche habe es immer gegeben. Neu ist einzig, dass diesmal ein ganzer Ring betroffen ist, einer der grössten des Landes.

Zweitens die Biosicherheit: Der LBV informiert seine Mitglieder per Newsletter über verstärkte Massnahmen auf den Betrieben.

Drittens die Zusammenarbeit: Die Kommunikation in den ersten Tagen sei stellenweise fragwürdig gewesen – einzelne Betroffene hätten aus der Zeitung erfahren, was sie eigentlich direkt hätten wissen müssen. Genau jetzt zeige sich, wie wichtig starke, kantonsübergreifende Organisationen ohne Machtspiele seien.

Besondere Sorgen bereiten Gebiete mit hoher Wildschweindichte. Wildschweine können den Erreger unbemerkt zwischen Betrieben weitertragen und so eine zusätzliche, kaum kontrollierbare Gefahr schaffen.

Zwei Gesundheitsdienste

Für die Schweinegesundheit gibt es in der Schweiz zwei parallele Organisationen: den Schweinegesundheitsdienst SGD, der zur Suisag gehört, und den Gesundheitsservice QGS der Qualiporc-Genossenschaft.

Historisch gewachsen ist das aus zwei unterschiedlichen Sanierungsmethoden, die sich in den 1960er-Jahren etabliert haben. Wie Roland Scheidegger, Alois Estermann und Xaver Sidler in ihrem Rückblick «50 Jahre Schweinegesundheitsdienst» im Schweizer Archiv für Tierheilkunde schreiben, entstand daraus 1965 einerseits der Vorläufer des SGD, andererseits die «Genossenschaft für SPF-Tiere» in Sursee LU, die Wurzel der heutigen Qualiporc. Der SGD ist heute gemäss dem aktuellen Suisag-GesundheitsRADAR mit 3267 angeschlossenen Betrieben, gut 90 Prozent der Schweizer Schweinebetriebe, die deutlich grössere der beiden Organisationen; zu Qualiporc/QGS gibt es keine vergleichbaren öffentlichen Zahlen.

Zum Hintergrund: Was EP eigentlich ist

EP ist eine bakterielle Lungenentzündung, die vor allem Mast- und Absetzferkel trifft. Für den Menschen ist sie ungefährlich, für die Tiere unangenehm, aber selten tödlich: Betroffene Schweine husten chronisch und wachsen schlechter.

Gefährlich wird sie durch ihre Verbreitung – der Erreger springt über direkten Kontakt, aber auch über die Luft, bei feuchtkaltem Wetter nachweislich über mehrere Kilometer. Eine Impfung gegen EP ist in der Schweiz verboten, die Krankheit gilt als meldepflichtige, zu bekämpfende – nicht auszurottende – Tierseuche. Mit einer flächendeckenden Sanierung gelang es 1996 bis 2004, die Schweizer Bestände weitgehend von EP zu befreien; seither gab es nur noch einzelne, kleinere Ausbrüche.

Wie es weitergeht

Am Donnerstagnachmittag traf sich die Branche zu einer Krisensitzung in Egerkingen SO, um das weitere Vorgehen zu bestimmen. Wie das BLV am Freitagmorgen auf Anfrage der BauernZeitung mitteilte, wird auf Wunsch der Kantone erst am Montag kommuniziert – es seien noch einige Dinge abzuklären. Ein weiterer Austausch ist für Montagmorgen geplant, danach ist mit einer Kommunikation zu rechnen.

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