20 Zuchtbetriebe in sechs Kantonen sind aktuell vom Ausbruch der Enzootischen Pneumonie (EP) betroffen und sollen bis zum 2. Oktober 2026 saniert werden. Für 40 weitere Mastbetriebe in 14 Kantonen wurden Tierverkehrssperren eingerichtet. Derzeit wird abgeklärt, ob sie tatsächlich infiziert sind.
Beim Ausbruch einer Tierseuche stellt sich immer auch die Frage nach der richtigen Bekämpfungsstrategie. Die Schweiz verfolgt bei der EP seit den 1990er-Jahren das Ziel, die Krankheit durch eine flächendeckende Sanierung aus den Schweinebeständen zu eliminieren und EP-freie Bestände zu erhalten.
In Deutschland gehört die Impfung gegen den Erreger Mycoplasma hyopneumoniae hingegen in vielen Betrieben zum Standard der Ferkelimpfung. Damit treffen zwei unterschiedliche Ansätze aufeinander: Während die Schweizer Strategie auf die Freiheit der Bestände vom Erreger abzielt, soll die Impfung in Deutschland vor allem die gesundheitlichen Folgen einer Infektion reduzieren.
Die Impfung verhindert die Infektion nicht
«Bei der Impfung steht die Gesunderhaltung der Tiere im Zentrum. Man will damit verhindern, dass aus einer Infektion eine klinisch relevante Erkrankung mit Husten, Lungenentzündungen und entsprechenden Leistungseinbussen entsteht», erklärt der deutsche Schweinefachtierarzt Dr. Torsten Pabst.
Dabei sei eine wichtige Unterscheidung notwendig: Eine Impfung gegen EP verhindert die Infektion nicht zuverlässig. Auch ein geimpftes Schwein kann sich infizieren, der Erreger kann die Atemwege besiedeln und geimpfte Tiere können weiterhin an der Erregerübertragung beteiligt sein. Die Vermehrung des Erregers werde jedoch reduziert und damit auch die Gefahr einer Weiterverbreitung. Was die Impfung zudem leisten könne, sei eine deutliche Begrenzung der Folgen der Infektion.
«Geimpfte Tiere zeigen im Durchschnitt weniger klinische Symptome und insbesondere weniger beziehungsweise geringer ausgeprägte typische Lungenveränderungen. Genau darin liegt für mich der wesentliche Nutzen der Impfung», sagt Pabst.
Der gesundheitliche Effekt habe auch eine wirtschaftliche Bedeutung. Ein Schwein mit einer gesünderen Lunge könne sein Leistungspotenzial besser ausschöpfen. «Wir impfen nicht mit dem Anspruch, den Erreger vollständig aus dem Tier oder aus dem Bestand herauszuhalten. Wir impfen, um das Tier vor den gesundheitlichen, und den Landwirt vor den wirtschaftlichen Folgen der Infektion zu schützen», erklärt der Tierarzt.
Schweizer Strategie setzt auf Erregerfreiheit
«Um EP-freie Schweinebestände erhalten zu können, müssen Infektionen früh erkannt und betroffene Bestände saniert werden», erklärt das BLV. Eine Impfung könne dieses Ziel nicht ersetzen. Deshalb seien Überwachung und Sanierung gemäss der Behörde weiterhin notwendig.
«Würden einzelne Betriebe impfen, würde die Gefahr bestehen, dass sich der Erreger wieder in der Schweiz ausbreitet und die Gesundheit vieler Schweine beeinträchtigt wird, auch wenn wieder flächendeckend geimpft werden würde. Da der Erreger der EP in der Schweiz weiterhin nur sehr selten vorkommt und EP-freie Bestände einen besseren Gesundheitsstatus aufweisen als geimpfte, überwiegen die Nachteile der Impfung deutlich», präzisiert Dr. Dolf Kümmerlen, Leiter der Schweinemedizin am Universitären Tierspital Zürich.
Ob die aktuelle Situation Anlass für eine Änderung der Strategie gibt, will das BLV derzeit nicht vorwegnehmen. Nach Abschluss der Bekämpfung müsse die Situation sorgfältig aufgearbeitet werden.
Dazu gehöre auch die Frage, welche Risiken entstehen, wenn Tiere zwischen zahlreichen Betrieben ausgetauscht werden. Auch die Schweinebranche müsse prüfen, welche Lehren sich daraus für die Organisation der Produktion und die Biosicherheit ziehen liessen. Tiergesundheit und Tierwohl müssten dabei im Zentrum stehen. «Ob Anpassungen der Bekämpfungsstrategie nötig sind, lässt sich erst nach der Aufarbeitung beurteilen», lässt das BLV offen.
Die Branche warnt vor einem Strategiewechsel
Suisag-Geschäftsführer Matteo Aepli sieht aufgrund der aktuellen Situation keinen Anlass, die Impfung in der Schweiz einzuführen. «EP-Flächensanierung ist eine der grössten Errungenschaften der Schweizer Schweineproduktion», sagt Aepli.
Er weist ebenfalls darauf hin, dass die Impfung keinen 100-prozentigen Schutz biete und eine Aufhebung des Impfverbotes bedeuten würde, dass man Neuinfektionen erst später bemerkt. Auch einen möglichen Zusammenhang mit der Tiergesundheit und dem Antibiotikaeinsatz führt er als Argument gegen eine Aufgabe der bisherigen Strategie an.
«Mycoplasmen führen tendenziell zu einer schlechteren Tiergesundheit und zu mehr Antibiotikaeinsatz. Das ist nicht zu befürworten», so Aepli. Aus seiner Sicht würde eine Einführung der Impfung zudem die bisherige Trennung zwischen EP-freien und möglicherweise infizierten Beständen verändern: «Eine Impfung würde faktisch bedeuten, dass die Mycoplasmenfreiheit aufgegeben wird. Es würde dann Impfbetriebe oder sogar Impfregionen und weiterhin freie Betriebe geben», sagt der Suisag-Geschäftsführer.
Er sieht in der heutigen Situation keinen Grund, über eine Impfung in der Schweiz nachzudenken, und weist ebenfalls darauf hin, dass diese die Schweizer Schweinehaltung mit mehreren Millionen Franken pro Jahr an zusätzlichen Kosten belasten würde.

In Deutschland gehört die Impfung zum Standard
Für Torsten Pabst ist die Impfung dagegen seit Jahren ein fester Bestandteil der Schweinegesundheit. Seine Praxis liegt im westlichen Münsterland, einer Region mit hoher Schweinedichte. Dort sei der EP-Erreger weitverbreitet.
«Entsprechend gross ist die Bedeutung des Erregers in unserer täglichen Bestandsbetreuung. Die Impfung gehört zum Standardprogramm bei den Ferkeln», sagt Pabst. Sie sei etabliert, gut in die betrieblichen Abläufe integrierbar und besitze eine hohe Akzeptanz innerhalb des Berufsstandes.
Gleichzeitig betont Pabst, dass die Impfung nur ein Baustein eines Gesamtkonzeptes sei. Sie ersetze weder gutes Management noch Stallklima, Hygiene oder Biosicherheit. Gerade weil der EP-Erreger die Abwehrmechanismen der Atemwege beeinträchtigen und Schweine für weitere Atemwegsinfektionen anfälliger machen kann, gehe der Nutzen einer guten Kontrolle über den einzelnen Erreger hinaus.
Wie die Schweizer Strategie künftig aussehen soll, ist damit eine Frage des angestrebten Ziels. Bislang ist man vom Impfverbot überzeugt. Neben der Frage der Impfung dürften künftig auch die Organisation des Tierverkehrs und die Biosicherheit eine zentrale Rolle spielen.

