Der Sommer 2026 war der trockenste seit Messbeginn 1901. Zwischen April und Juli fielen landesweit nur 54 Prozent der üblichen Niederschlagsmenge, im Jura sogar nur 45 Prozent.
Auf vielen Alpen wurde das Wasser für die Tiere knapp, Herden mussten teils drei Wochen früher ins Tal. In Obersaxen GR griff man zur Notlösung: Die für die Beschneiung vorhandenen Wasserleitungen wurden zum Befüllen von Viehtränken genutzt.
Hat der Sommer 26 Modellcharakter?
Für die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) ist das kein Einzelfall, sondern ein Modell für die Zukunft.
In ihrem Diskussionspapier vom September fordert sie deutlich mehr multifunktionale Wasserspeicher im Sömmerungsgebiet – und ein Verfahren, das nicht mehr Jahre dauert: Solche Speicher sollen ausserhalb der Bauzone als standortgebunden gelten, eine Leitbehörde soll die zuständigen Ämter koordinieren und innert sechs Monaten eine rechtskräftige Bewilligung erteilen.
Als Positivbeispiel für Mehrfachnutzung nennt die SAB einen neuen Speichersee auf der Alpe des Chaux im Waadtland, der zugleich als Naherholungsgebiet mit Strandfeeling gestaltet wurde.
Der Mangel beschäftigt auch die Politik
Eine Woche nach dem SAB-Papier wurde die Forderung politisch konkret. Am 16. September reichte der Berner SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh, Präsident des Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verbandes, gleich zwei Motionen ein.
Die erste, «Wasserquellen vollumfänglich fassen», verlangt vom Bundesrat, die Restwasservorschriften des Gewässerschutzgesetzes für das Sömmerungsgebiet so anzupassen, dass Quellfassungen dort «vollständig, das heisst zu 100 %» genutzt werden können. Auf Nachfrage relativiert Wandfluh das allerdings: «Mit der Forderung nach einer möglichst unbürokratischen und bedarfsgerechten Fassung von Quellen geht es mir nicht darum, jede Quelle im Sömmerungsgebiet vollständig zu fassen.»
Auch für ihn solle die Natur nicht unnötig beeinträchtigt werden; es brauche aber praktikable Lösungen und eine Interessenabwägung. Könne mit der Teilfassung einer Quelle die Wasserversorgung einer Alp sichergestellt werden, während gleichzeitig genug Wasser für den natürlichen Lebensraum verbleibe, sei das für ihn eine sinnvolle Lösung. Sei eine Alp dagegen auf die gesamte Quelle angewiesen, müsse die Abwägung «klar zu Gunsten der Landwirtschaft ausfallen». Das eigentliche Problem sieht Wandfluh anderswo: in Bewilligungsverfahren, die «selbst einfache und kleine Projekte teilweise verunmöglichen oder unnötig verzögern».
Wenn die Quellen nicht mehr ausreichen
Die zweite Motion, «Erschliessung von Alpen mit Bewirtschaftungswegen», setzt dort an, wo Quellen nicht reichen: Sie verlangt vereinfachte und beschleunigte Bewilligungsverfahren für Bewirtschaftungswege im Sömmerungsgebiet – als Voraussetzung dafür, dass Wasser per Tankfahrzeug oder mobiler Pumpe auf die Alp transportiert werden kann. Die Begründung: Ohne griffige Massnahmen drohe die Aufgabe zahlreicher Sömmerungsgebiete, mit Folgen für Biodiversität, Landschaftsbild und Tourismus, so Ernst Wandfluh.
Das Wasserschloss Schweiz sichern
Nur wenige Tage später, am 22. September 2026, doppelte GLP-Präsident Jürg Grossen mit einer eigenen Motion nach: «Wasserschloss Schweiz sichern: Wasser auf der Alp halten statt abfliessen lassen». Auch sie verlangt vereinfachte und beschleunigte Bewilligungsverfahren für Wasserspeicher im Berggebiet und die Prüfung einer Mehrfachnutzung bestehender Beschneiungsspeicher – in der Stossrichtung nahe bei Ernst Wandfluh und der SAB.
Anders als dort soll der Bundesrat aber auch aufzeigen, wie sich «Zielkonflikte mit Natur- und Landschaftsschutz minimieren» lassen, und die Speicher sollen ausdrücklich auch der Biodiversität dienen, etwa als neue Lebensräume für Amphibien oder durch den Erhalt und die Aufwertung von Feuchtgebieten und Mooren. Alle drei Motionen liegen dem Bundesrat zur Stellungnahme vor.
Naturschutz warnt vor Schnellschüssen
Schnellere Verfahren, mehr bauliche Eingriffe – bei den Naturschutzorganisationen stösst das auf wenig Gegenliebe. «Quellen sind wichtige und gefährdete Lebensräume, die spezialisierte Arten beherbergen und unter Schutz stehen», gibt Rahel Marti zu bedenken. Die Co-Geschäftsführerin der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz hat sich für ihre Stellungnahme für die BauernZeitung mit Pro Natura und WWF Glarus abgesprochen. Diese seien derzeit intensiv mit der Thematik beschäftigt.
Kritisch sieht Marti insbesondere die Sechsmonatsfrist für Bewilligungsverfahren, wie sie sowohl die SAB als auch die GLP-Motion ins Spiel bringen: «Wenn man innerhalb von sechs Monaten Schnellschüsse baut in Form von schlecht durchdachten, grob geplanten Speicherbecken, ist das rein technische Symptombekämpfung, die der Landwirtschaft höchstens ein paar Jahre hilft.» Wasser, das gespeichert oder vollständig gefasst werde, fehle anderswo – in Bächen, Quellgebieten oder Mooren. Investitionen der öffentlichen Hand sollten auf 30 bis 50 Jahre ausgelegt sein, nicht auf die nächste Trockenheit reagieren.
Toggenburger Projekt ermöglicht Mehrfachnutzung
Dass Mehrfachnutzung dabei durchaus möglich sei, zeigt aus Sicht der Stiftung das Projekt Rüestel im Toggenburg, wo die Toggenburg Bergbahnen einen multifunktionalen Speichersee planen, der neben der Beschneiung auch der Landwirtschaft und als Löschwasserreserve dienen soll. Lage, Grösse, Gestalt, Bauweise und Vegetation seien dort in einer sorgfältigen Analyse und einem Variantenstudium festgelegt worden, das Projekt befinde sich derzeit in der kantonalen Prüfung.
Pro Natura bringt Stromproduktion ins Spiel
Pro Natura formuliert die Kritik grundsätzlicher. Der Verband hat zwar Verständnis dafür, dass Alpbetriebe nach diesem Sommer aufrüsten wollen, hält technische Eingriffe wie Speicher oder vollständige Quellfassungen aber für eine Scheinlösung: «Den Alpenraum, wie wir ihn kennen, wird es in 20 Jahren so nicht mehr geben. Ob es dann noch genug Wasser gibt, um die Mehrzweckspeicher zu füllen, ist heute unklar.»
Der Verband verweist zudem auf einen bisher kaum diskutierten Punkt: Rund 500 bestehende Wasserfassungen im Sömmerungsgebiet leiten schon heute grosse Mengen Wasser für die Stromproduktion ab – welchen Einfluss das auf die Wasserverfügbarkeit hat, sei nie systematisch untersucht worden. Bei rund 6500 Alpbetrieben in der Schweiz wäre es auch für die Resilienz der Landwirtschaft fatal, der Natur zusätzlich «im grossen Stil» Wasser zu entziehen, das künftig ohnehin knapper wird. «Wasser muss frei sein, um seine Wirkung als Lebensraum geltend machen zu können», so Pro Natura.
Bei der Mitnutzung bestehender Beschneiungsinfrastruktur, wie in Obersaxen praktiziert, sehen beide Organisationen dagegen weniger Konfliktpotenzial – mit Vorbehalten. Pro Natura weist auf einen Zielkonflikt hin: Wird im Sommer Wasser aus einem Beschneiungsspeicher für die Landwirtschaft entnommen, fehlt es unter Umständen im Folgewinter für die Kanonen. «Diesen Zielkonflikt muss die Landwirtschaft mit dem Tourismus lösen», so der Verband.
Wandfluh: «Kein grundsätzlicher Widerspruch»
Ernst Wandfluh selbst weist den Vorwurf zurück, er stelle Alpwirtschaft grundsätzlich gegen den Naturschutz. Die Alpwirtschaft sei weit mehr als Milch- und Fleischproduktion: Durch die Bewirtschaftung blieben die Alpen offen, Verbuschung und Verwaldung würden begrenzt, wodurch vielfältige Lebensräume für Pflanzen und Tiere erst entstünden und die typische Kulturlandschaft erhalten bleibe.
Gepflegte Alpflächen seien zudem für Tourismus und Erholungsnutzung von grosser Bedeutung. Dazu komme die Versorgung mit regional produzierten Lebensmitteln auf Flächen, die für andere landwirtschaftliche Nutzung kaum geeignet wären. Nicht zuletzt erhalte die Alpwirtschaft Wissen, Strukturen und Arbeitsplätze im Berggebiet, so der Berner Oberländer. «Eine nachhaltige Alpwirtschaft ist selber Teil der Kulturlandschaft und leistet einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität», sagt Wandfluh. Für ihn stehen Alpwirtschaft und Naturschutz deshalb «nicht grundsätzlich im Widerspruch» – bei sensiblen Lebensräumen brauche es aber sorgfältige Abklärungen im Einzelfall.
«Nicht immer gleich von einem Konflikt ausgehen»
Statt neuer Fassungen oder Speicher brauche es aus Sicht der Naturschutzorganisationen zuerst eine Diskussion und gegebenenfalls Anpassungen bei der Bewirtschaftung – etwa bei Zahl und Art der gesömmerten Tiere, bei Alpungszeitpunkten oder beim Erhalt und der Revitalisierung von Feuchtgebieten und Flachmooren als natürliche Wasserspeicher. Erst wenn diese «integrale Betrachtung» gemacht sei, lasse sich die nötige Infrastruktur überhaupt sinnvoll dimensionieren, so die Stiftung Landschaftsschutz.
Pro Natura fordert zusätzlich, die Wirkung der bestehenden Wasserfassungen zu klären und allenfalls die Restwassermengen anzupassen.
Ihm gehe es vor allem um eine vernünftige Interessenabwägung, sagt dazu Ernst Wandfluh. Sein Ziel sei nicht, Landschafts- oder Gewässerschutz auszuschalten. Und: «Ich bin überzeugt, dass wir nicht bei jeder notwendigen Infrastruktur grundsätzlich von einem Konflikt mit der Natur ausgehen dürfen.»

