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Nicht die erste Krise: Die Geschichte der Schweizer Milch

Die Schweizer Milchwirtschaft war schon früh von Krisen, politischen Eingriffen und strukturellem Wandel geprägt: vom staatlich gestützten Milchpreis über die Kontingentierung bis hin zur heutigen Selbstregulierung durch die Branche.

Kurz & bündig

- Die Schweizer Milchwirtschaft war zu Beginn des 20. Jahrhunderts von politischen Eingriffen geprägt, um Preise zu stabilisieren und die Versorgung sicherzustellen. - Die Milchkontingentierung, die 1977 eingeführt wurde, konnte das Überangebot an Milch langfristig nicht lösen und wurde schrittweise abgeschafft. - Mit der Abschaffung der Milchkontingentierung sollte die Schweizer Milchbranche für eine Selbstregulierung sorgen, dazu wurde die Branchenorganisation Milch (BOM) gegründet.

Die Milchwirtschaft war bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein politisches Thema in der Schweiz. Während die Milchpreise zunächst stark vom Weltmarkt abhängig waren, wurde kurz nach der Mobilmachung im August 1914 die «Genossenschaft schweizerischer Käseexportfirmen» gegründet, die im Ersten Weltkrieg die Versorgung des Landes mit Käse sicherstellen sollte.

Nach dem Krieg geriet die Milchwirtschaft unter Druck: Importierte Konkurrenzprodukte nahmen zu, während der Export wegen wirtschaftlicher Probleme im Ausland zurückging. Die Preise für landwirtschaftliche Produkte brachen schnell ein, und auch der Milchpreis sank stark. 1922 fiel der Produzentenmilchpreis von 36 auf 19 Rappen hinunter. Bereits damals gab es eine staatliche Unterstützung zur Sicherung eines Mindestpreises. Diese reichte aber nicht mehr aus, da sich die Lage weiter verschlechterte und erneut Absatzprobleme auftraten. Dies führte in den 1930er-Jahren zu Eingriffen wie Einfuhrzöllen, Absatzförderung der Milchprodukte sowie zur Einführung eines Krisenrappens auf Konsummilch. Zudem galt eine Kontingentierung auf der Ebene Verband.

Im Zweiten Weltkrieg übernahmen die Milchverbände zusätzlich die Rationierung von Milch und Milchprodukten, um die Versorgung sicherzustellen. Nach Kriegsende schritt die Neuausrichtung der Landwirtschaft, welche Ende der 1930er-Jahre angestossen worden war, voran, um auch in Krisenzeiten eine stabile Lebensmittelversorgung zu gewährleisten.

1953 wurde auf Grundlage des Landwirtschaftsgesetzes im Rahmen des «Milch-Beschlusses» ein gesetzlicher Milchgrundpreis festgelegt. Dieser Grundpreis diente als Ausgangsbasis für den Abschluss der Milchkaufverträge und für die Berechnung der Käse- und Butterpreise.

Auch die Flächenproduktivität hat zugenommen: Während 2000/2001 durchschnittlich 4278 kg Milch/ha produziert wurden, waren es 2025 bereits 6765 kg.
Auch die Flächenproduktivität hat zugenommen: Während 2000/2001 durchschnittlich 4278 kg Milch/ha produziert wurden, waren es 2025 bereits 6765 kg.

Kontingentierung führte nicht zum gewünschten Effekt

Die gesprochenen Bundesmittel reichten jedoch bald nicht mehr aus. Die Milchmenge stieg an, gleichzeitig stagnierte die Nachfrage. Zudem waren auch die Butterlager voll. Neben der staatlichen Absatzförderung und den erhobenen Schutzzöllen mussten weitere Mittel beantragt werden. Das Überangebot blieb allerdings weiterhin bestehen. So wurde im Rahmen des Milchwirtschaftsbeschlusses 1977 die einzelbetriebliche Kontingentierung eingeführt.

Die einzelbetriebliche Kontingentierung vermochte den Milchpreis zu stabilisieren. Bis 1993 stieg dieser auf 107 Rappen pro Kilogramm Milch an. Dieser hohe Milchpreis in Kombination mit der Absatzgarantie sorgte jedoch dafür, dass Milch produziert wurde, die mit Staatsgeldern subventioniert verarbeitet und exportiert werden musste. Die Kosten beliefen sich Anfang der 1990er-Jahre auf mehr als eine Milliarde Franken und machten gut ein Drittel des ganzen Agrarbudgets aus. Die Milchkontingentierung wurde zwischen 2005 und 2009 schrittweise aufgehoben.

Mit der Abschaffung der Milchkontingentierung sollte die Schweizer Milchbranche für eine Selbstregulierung sorgen, was auch so im Landwirtschaftsgesetz festgehalten wurde: «Die Förderung der Qualität und des Absatzes sowie die Anpassung der Produktion und des Angebotes an die Erfordernisse des Marktes sind Sache der Organisationen der Produzenten und Produzentinnen oder der entsprechenden Branchen.»

Dazu wurde am 26. Juni 2009 die Branchenorganisation Milch (BOM) gegründet.

Bessere Wettbewerbsfähigkeit führte zu Strukturwandel

Mit dem Ausstieg aus der Milchkontingentierung veränderten sich die Kräfteverhältnisse, die Milchbauern selbst wurden zueinander in Wettbewerb gestellt. Laut einer Studie des «European Milk Board» hat der Ausstieg aus der Kontingentierung zu einer Zunahme der Flächenproduktivität geführt, was auf eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit hindeute.

Die verbesserte Wettbewerbsfähigkeit hat allerdings einen Strukturwandel zur Folge: Im Jahr 2000 gab es noch 38 082 Milchproduzenten. Bis 2018 halbierte sich diese Zahl auf 19 568 Milchproduzenten, auch heute mit weiterhin sinkender Tendenz. Gleichzeitig wird pro Betrieb mehr Milch produziert (siehe Grafik).

Nach der Aufhebung der Milchkontingentierung war der Milchmarkt von weiteren Ereignissen geprägt:

2011: Einführung der Segmentierung der Milch entsprechend ihrer Verwertung und Wertschöpfung.

2014: Rekordjahr in Bezug auf Milchmengen und Milchpreise.

2015: Aufhebung des Euro-Franken- Mindestkurses löst zusätzlichen Preisdruck im Milchmarkt aus.

2018: Die Zahl der Milchproduzenten sinkt erstmals auf unter 20 000.

2019: Der Bund führt die allgemeine Milchzulage als Nachfolgelösung für das Schoggigesetz ein, die Branche lagert die Mittel über zwei Fonds (Marktentlastung und Exportunter-stützung) um, zudem wird der Branchenstandard für nachhaltige Milch eingeführt.

2024: Es darf nur noch Schweizer Milch produziert, gehandelt und verarbeitet werden, die dem Branchenstandard für nachhaltige Milch entspricht.

Die Schweizer Milchwirtschaft ist von einem Strukturwandel geprägt. Während die Anzahl Milchproduktionsbetriebe stark zurückgegangen ist, steigt die durchschnittliche Milchproduktion pro Betrieb.
Die Schweizer Milchwirtschaft ist von einem Strukturwandel geprägt. Während die Anzahl Milchproduktionsbetriebe stark zurückgegangen ist, steigt die durchschnittliche Milchproduktion pro Betrieb.

Quellen

Artikel «Warum die Milch zum politischen Dauerbrenner wurde»

Artikel «10 Jahre nach der Milchkontingentierung» («die grüne»-Ausgabe 5/2019)

Was geschieht aktuell?

25.2.2026: Die Milcheinlieferungen lagen auch im Januar 2026 bei bis zu 10 % über dem Vorjahr. Die hohe Milchproduktion der vergangenen Wochen beginnt jedoch etwas zurückzugehen und nähert sich einem Plus von 5 %. Da die Einlieferungen nach wie vor über den im normalen Markt absetzbaren Mengen liegen, entscheidet die BOM, weitere 1325 t Butter zu exportieren. 13.1.2026: Die Milcheinlieferungen lagen im Dezember 2025 nach wie vor bis zu 10 % über dem Vorjahr. Viel Milch fliesst deshalb in Regulierprodukte. Tiefpreisige C-Milch ist zur Marktrealität geworden. Die BOM empfiehlt als weitere Marktmassnahme, im Fall von hohen Überlieferungen die Milch zu einem noch tieferen Preis zu handeln («Beschleunigungserlass»). 15.12.2025: Der Vorstand der BOM beschliesst eine Senkung des A-Richtpreises um 4 Rappen pro kg. Der neue A-Richtpreis von 78 Rp. pro kg gilt ab 1. Februar 2026. 14.11.2025: Der Vorstand der BOM beschliesst eine weitere Stützung von 1530 t Butterexporten. 29.8.2025: Der Vorstand der BOM beschliesst befristete Massnahmen zur Entlastung des Milchmarktes (Exporte von 2000 t Butter und 2000 t Rahm). www.ip-lait.ch/medien

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