Kurz und bündig
- Die Afrikanische Schweinepest ASP ist auf dem Vormarsch. In Deutschland sind neben zahlreichen Fällen bei Wildschweinen nun auch Hausschweine-Bestände betroffen. - Um auf Schweizer Betrieben für Biosicherheit zu sorgen und den ASP-Eintrag zu vermeiden, können LandwirtInnen die ASP-Ampel des Suisag-Schweinegesundheitsdienstes ausfüllen. - Das Ampelsystem identifiziert betriebliche Strukturen, die hinsichtlich einer Übertragung verbessert werden können und unterteilt in grüne, gelbe und rote (Risiko-)Bereiche. - Für Landwirt Thomas Kempf war das Ausfüllen der ASP-Ampel hilfreich. Er umzäunte seinen Zucht- und Mast-Betrieb und optimierte die Hygieneschleuse. - Dennoch bleiben für den Landwirt viele Fragen offen, etwa beim Management der Kadaversammelstellen und dem Verhalten von Jägern bei der Wildschweinjagd.
Seit September 2020 steht die ASP-Risikoampel zur Verfügung. Alle BetriebsleiterInnen können sie online für ihren Betrieb ausfüllen. Mit dem Ausfüllen können Tierhalter ihre betriebliche Situation anonym und kostenlos analysieren und verbessern.
Die ASP-Risikoampel ist speziell auf die schweizerischen Haltungs- und Produktionsbedingungen angepasst und wurde insgesamt von 33 ExpertenInnen aus der Schweiz erarbeitet. Stefanie Klausmann, Tierärztin und stellvertretende Leiterin des Suisag-Schweinegesundheitsdienstes (SGD) Zürich-Ost, wirkte bei der Entwicklung der ASP-Risikoampel für die Schweiz mit. Sie berichtet: «Die Risikoampel gibt dem Betriebsleiter eine Einschätzung für das Risiko des Eintrags von ASP in seinen Betrieb. Er bekommt eine Auswertung, welche betrieblichen Strukturen im roten, gelben oder grünen Bereich liegen. Betriebsleiter erhalten dann Optimierungshinweise und konkrete Handlungsempfehlungen.»
Die ASP-Ampel werde derzeit von den LandwirtInnen gut genutzt, so Klausmann. Speichern Landwirte die Resultate der Risikoampel ab, können die beratenden Tierärzte diese beim Betriebsrundgang hinzuziehen.
Bricht ASP auf einem Betrieb aus, hat dies schwere Folgen: Der Bestand muss restlos gekeult werden, um eine weitere Ausbreitung der Tierseuche zu stoppen. Ein Alptraum für jeden Landwirt.
Keine gesundheitliche Gefahr für den Menschen
Die Viruserkrankung ist zwar nicht zoonotisch. Das heisst, Menschen können sich damit nicht infizieren. Allerdings können die ASP-Viren durch mangelnde Biosicherheit seitens der Betriebsmitarbeiter in einen Bestand eingetragen werden.
Da es keine Impfstoffe gibt, hat ein Ausbruch meist schwere sozioökonomische Folgen. Die Symptome einer Infektion variieren und sind oft nicht eindeutig zu erkennen, was schnelles Handeln bei einem Ausbruch erschwert.
Allgemein leiden infizierte Tiere unter Fieber, Bewegungsstörungen und Apathie. Kleine punktförmige Unterhautblutungen können am ganzen Körper vorkommen. Auch kann blutiger Durchfall und Erbrechen auftreten. Im Zusammenhang mit ASP kommen vermehrte Totgeburten und schwache Würfe vor.
Durch das Vorkommen und Ausbreiten der ASP in der Wildschweinpopulation steigt das Risiko eines ASP-Eintrags in einen Hausschwein-Bestand. Dies zeigt die aktuelle Lage in Deutschland. Doch die Infektionswege, auf denen ASP in einen Hausschweine-Bestand gelangen kann, sind vielfältig.
Ein gutes Biosicherheitsregime ist zur Infektionsvermeidung unerlässlich. Stefanie Klausmann beobachtet, dass die Schweizer Schweinebetriebe in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich aufgestellt sind: «Einige Betriebe haben ein sehr gutes bis gutes Biosicherheitsregime. Andere haben ein eher mässiges bis gar kein Konzept. Grundsätzlich denke ich, dass wir in Bezug auf Biosicherheit noch nicht alles ausgeschöpft haben.»
Um seinen Betrieb zuverlässig zu schützen, liegt die Hauptaufgabe darin, sich mit der Thematik intensiv auseinanderzusetzen und ein Bio-sicherheitskonzept zu erstellen. Dieses muss von der Betriebsleitung sowie von den Mitarbeitern und den Betriebsbesuchern konsequent gelebt werden, so Klausmann.
Kontakt von Hausschwein und Wildschwein unterbinden
Die wichtigste Maxime zum Schutz vor ASP auf dem Betrieb ist Abschirmung. «Oftmals kann nicht das ganze Betriebsgelände umzäunt werden. Deshalb sollten zumindest sensible Bereiche wie Auslauf, Silos, Futterlager und Miststock umzäunt sein.»
Der Kontakt von Hausschweinen und Wildschweinen muss komplett unterbunden werden. Eine doppelte Einfriedung der Aussenflächen ist zwingend notwendig, um einen Tierkontakt zu verhindern.
Da ASP sich auch über kontaminierte Kleidung verbreiten kann, rät die Expertin: «Betriebseigene Kleidung sollte auch für Besucher vorhanden sein. Stiefel schützen besser als Überziehschuhe aus Plastik. Sie sollten nicht nur Mitarbeitern, sondern auch Besuchern zur Verfügung stehen. Ebenso sollte die Kadaverlagerung sowie der Kadavertransport geprüft werden.» Hier empfiehlt Stefanie Klausmann Extra-Kleidung und Extra-Schuhwerk für die Kadaverentsorgung. Zudem sollte sichergestellt sein, dass keine Körperflüssigkeit bei der Lagerung beziehungsweise beim Transport des Kadavers auslaufen kann.
Bisher erkennt Stefanie Klausmann, dass in Sachen Umzäunung und dem Bereitstellen von Extra-Kleidung bereits viel umgesetzt wird. Aber auch an weitere Aspekte muss zur Infektionsprävention gedacht werden. Um den Betrieb zu schützen sollten die Tiere nicht mit Küchenabfällen oder sonstigen Lebensmitteln gefüttert werden, so Klausmann. «Gerade bei Ställen mit Ausläufen, wo viele Spaziergänger vorbeigehen, kann dies ein Risiko darstellen».
ASP-Übertragung durch Füttern von Küchenabfällen
Das Füttern von Küchenabfällen ist zu vermeiden, da das Virus durch Räuchern oder Pökeln von Fleisch alleine nicht abgetötet wird. Werden Küchenabfälle gefüttert, die solche Fleisch- oder Wurstreste enthalten, können sich Hausschweine infizieren. «Deshalb sollte der Betrieb, oder zumindest der Auslauf, umzäunt sein. Ebenfalls sollte ein Schild darauf hinweisen, dass die Tiere nicht gefüttert werden dürfen und das Betriebsgelände nur mit dem Betriebsleiter betreten werden darf.»
Thomas Kempf setzt viele dieser Expertentipps bereits in die Praxis um. Kempfs Betrieb ist zwischen dem Zürichsee und dem Walensee in der Linthebene beheimatet. Im St. Galler Ort Benken hält der Landwirt 150 Muttersauen und 578 Mastschweine. Auch er hat die ASP-Ampel der Suisag ausgefüllt und damit noch einige Punkte identifiziert, die auf seinem Betrieb verbessern konnten.
Kempf optimierte die Hygieneschleuse, achtet auf eine konsequente Umsetzung der Hygienemassnahmen und zäunte sein Betriebsareal ein. Die örtliche Tierkörpersammelstelle fährt er erst am Ende des Tages an, mit einem eigens für diese Fahrten zu nutzenden Fahrzeug. Es gibt Kleidung und Stiefel, die nur für die Fahrt zur Sammelstelle gebraucht werden.
Allerdings lassen die Hygienemassnahmen an der Kadaversammelstelle für Thomas Kempf einige Fragen offen. «Die Qualität und das Management der Kadaversammelstellen sind sehr unterschiedlich. Es gibt sehr gute Sammelstellen, aber leider auch viele untaugliche. Der Kanton stellt Massnahmen auf, die ich dort gar nicht umsetzen kann. Es mag banal klingen, aber ein Punkt auf der Hygieneliste ist: ‘Stiefel reinigen mit einer Bürste’. Und dann fehlt vor Ort die Bürste.»
Betriebsspiegel
Geschäftsführer Thomas Kempf, Betriebsleiter Florian Steiner Benken SG im Linthgebiet LN: 1 ha Tierbestand: 150 Mutterschweine, 578 Mastschweine Zum Betrieb: Erster Schweinestall wurde 1942 gebaut, neuer Maststall seit 2017 Arbeitskräfte: Thomas Kempf und Florian Steiner www.szdoggenag.ch
Ein weiterer Punkt, den der Landwirt an der Sammelstelle kritisch sieht, ist das Reinigen von Schuhen oder Behältern mit einem Wasserschlauch. Nach der Nutzung läuft das Wasser auf die Strasse. «Da die Sammelstelle öffentlich zugänglich ist, kann jeder einfach hineingehen und läuft durch das Abwasser des Vornutzers. Für mich stellt das ein Risiko dar.» Auch in anderen Bereichen sieht der Landwirt Probleme. «Wenn man sich bei den Schweizer Jägern umhört, merke ich immer wieder, dass manche in Bezug auf ASP nicht im Bilde sind. Die Informationen über die verschiedenen Ansteckungswege sind bei vielen noch nicht angekommen. Anders sieht es bei den Wildhütern aus. Sie wissen sehr viel und sind gut informiert. Das ist bei den einzelnen Revierjägern meiner Erfahrung nach leider oft nicht der Fall.»
Jagdausflüge in ASP-Gebiete als Risiko für Schweizer Schweine
Thomas Kempf macht auf einen weiteren riskanten Infektionsweg aufmerksam: Er berichtet, dass Schweizer Jäger nicht selten Jagdausflüge in den Osten machen, zum Beispiel nach Tschechien, um Wildschweine zu jagen. «Das macht mir Sorgen. Der Jäger hat dann seine Kleider, die er bei der Jagd trägt, dabei und ebenso sein Gewehr. Beides könnte bei der Jagd kontaminiert werden. Ob der Jäger die Kleidung vor dem nächsten Jagdausflug in der Schweiz auch wäscht, wird ja nicht kontrolliert.»
Dazu kommen gejagte Trophäen oder Fleisch, die im Anschluss mit zurück in die Schweiz genommen werden. Nachdem verwertbare Stücke ausgelöst wurden, wird der Rest bei der hiesigen Kadaversammelstelle entsorgt. Mangeln dort, wie oben beschrieben, die Hygienemassnahmen, stellt dies einen weiteren Übertragungsweg auf Schweizer Betriebe dar.
«Diese Infektionswege sind für mich völlig undurchsichtig. Als Sauenhalter bedeutet das für mich eine grosse Unsicherheit», erklärt Thomas Kempf. Der SGD bestätigt diese Sorgen und sieht den Menschen, der das Virus über weite Strecken an seiner Kleidung trägt oder über importierte Lebensmittel aus Risikogebieten mitbringt, als Hauptrisiko für den Eintrag von ASP an.
Sollte der erste ASP-Fall in der Schweiz ankommen, sieht Kempf das nächste Problem: Die Unberechenbarkeit der Konsumenten. Lesen diese boulevardeske Schlagzeilen, ziehen sie Konsequenzen beim Wocheneinkauf.
Mehr Aufklärungsarbeit als Vorbereitung für den Ernstfall
Auch wenn im Text nach der Schlagzeile erwähnt wird, dass das ASP-Virus beim Verzehr von Schweinefleisch keine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellt, greift diese Information nach Kempfs Einschätzung nicht so sehr wie eine griffige Schlagzeile.
Deshalb müsse eine gute Aufklärungsarbeit Teil der Vorbereitung auf eine ASP-Infektion in der Schweiz sein, so Kempf. «Um die Unsicherheit einzudämmen, müssen wir immer wieder davon reden und aufklären, anstatt nur mit Schlagwörtern umher zu werfen. Ich habe deshalb bei meinem Betrieb dort eine Informationstafel aufgehängt, wo Passanten vorbeikommen. Viele Menschen, die vorbeigehen, bleiben stehen und lesen die Tafel. Auch der QR-Code wird oft genutzt. So können die Informationen gelesen und an Interessierte weitergeleitet werden.»
Sieht Thomas Kempf seinen Betrieb gut gewappnet, sollte es zu einem ASP-Ausbruch kommen? «Gut gewappnet schon, aber es sind viele Fragen offen: Wie kommt ASP ins Land? Wie schnell wird sie verbreitet? Wir haben bisher leider keine Erfahrung. Deshalb wissen wir nicht, ob unsere Schutzmassnahmen reichen werden.»
Die Afrikanische Schweinepest ASP kommt näher
Die Afrikanische Schweinepest ASP breitet sich immer weiter aus. Aktuell meldet das Friedrich-Loeffler-Institut im benachbarten Deutschland 2052 Fälle bei Wildschweinen und drei Ausbrüche bei Hausschweinen. Im restlichen europäischen Raum wurden nach aktuellem Stand Fälle im Baltikum, in Bulgarien, Moldawien, Polen, Rumänien, Serbien, der Slowakei, Ungarn und der Ukraine verzeichnet. Laut dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV ist die Gefahr eines ASP-Übertrittes in die Schweiz gross. Bisher gibt es in der Schweiz zwar noch keine Fälle. Aber die Situation wird von den Bundesbehörden aufmerksam verfolgt, um gegebenenfalls schnell handeln zu können.

