ABO

Sonnenfinsternis: Wenn der Hahn zweimal kräht – und die Hühner zu früh schlafen gehen

Heute Abend verdunkelt der Mond in der Schweiz bis zu 93 Prozent der Sonne. Was bedeutet das für Hühner, Wiederkäuer und die Betriebe?

Es war ein unvergessliches Spektakel: Als sich am 11. August 1999 der Mond langsam vor die helle Mittagssonne schob, wurde es plötzlich still in den Bäumen: Die Vögel waren verstummt – nur, um zum Ende der totalen Sonnenfinsternis umso lauter den vermeintlichen Morgen zu begrüssen.

Vögel richten ihre innere Uhr nach der Sonne. Nimmt das Licht spürbar ab, interpretieren sie das als beginnende Dämmerung und bereiten sich auf die Nacht vor – sie werden ruhiger und suchen ihren Schlafplatz auf. Kommt das Licht danach wieder, kann das wie ein neuer Morgen wirken.

Kunstlicht überstrahlt den Effekt der Sonne

Die innere Uhr der Vögel ist auch in der Geflügelhaltung von Bedeutung. Die partielle Sonnenfinsternis am 12 August 2026 dürfte die meisten grossen Geflügelbetriebe aber kaum berühren. «Sie steuern das Verhalten der Hühner über Kunstlicht», erklärt David Zumkehr vom Aviforum.

Das Licht geht meist so früh an, dass die Eier um 8 Uhr morgens entnommen werden können. Die Verdunkelung wird deshalb bereits gegen 18 Uhr eingeleitet. Wäre die Finsternis mitten am Tag, sähe die Situation anders aus, so Zumkehr: «Man weiss, dass die Hühner in solchen Fällen schlafen gehen wollen.»

Betroffen sind vor allem kleinere Betriebe und Hobbyhalter ohne Kunstlicht. Dort kann es sein, dass die Hühner heute etwas früher ihren Schlafplatz aufsuchen. Weil der Höhepunkt der Finsternis aber erst gegen 20.15–20.20 Uhr erreicht wird und die natürliche Dämmerung ohnehin kurz daraufhin einsetzt, dürfte das die Tiere nicht gross aus dem Rhythmus bringen, so Zumkehrs Einschätzung. Möglich bleibt allerdings, dass einzelne Hähne nach dem Wiederaufhellen nochmals krähen.

Auch bei den Wildvögeln sind nur geringe Auswirkungen zu erwarten. «In der Schweiz wird die Sonne zum Zeitpunkt der Finsternis vielerorts gar nicht mehr am Horizont sichtbar sein», sagt Carine Hürbin von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach. Zudem neige sich die Brutzeit dem Ende zu, der Vogelgesang sei ohnehin schon weitgehend verstummt.

Studie fand keine Auswirkungen auf Wiederkäuer

Bei Wiederkäuern bleiben die Effekte meist bescheiden – selbst bei einer totalen Finsternis wie 1999. Eine britische Studie dazu fand bei Milchkühen auf der Weide keinen klaren Effekt auf das Wiederkäuen; beim Grasen liess sich ein Rückgang danach nicht eindeutig der Finsternis zuordnen. Zwar scheinen Kühe die abnehmende Helligkeit ebenfalls als beginnende Nacht zu interpretieren. Eine nachhaltige Störung ist aber nicht zu erwarten. Zumindest nicht wegen der Sonnenfinsternis selbst.

Achtung Störfaktor Mensch

Denn was die Tiere möglicherweise stärker irritiert als die Finsternis selbst, sind Menschenmengen an Aussichtspunkten. Wer die Verdunkelung von erhöhten Lagen oder Seeufern aus beobachten will, sollte Rücksicht nehmen: Zäune und Weiden nicht betreten, keine Tiere füttern oder anlocken und den Lärm möglichst gering halten.

Ob sich alle daran halten, ist wie immer fraglich – wer Tiere an exponierten Standorten hat, mag einen kurzen Kontrollgang in Betracht ziehen. Für die Beobachtung der Sonne selbst sind zertifizierte Schutzbrillen (ISO 12312-2) zwingend – normale Sonnenbrillen reichen nicht aus.

Für die meisten Betriebe wird die heutige Sonnenfinsternis also ein kurzes Naturschauspiel ohne Folgen bleiben. Wer seine Hühner ohne Kunstlicht hält, findet sie heute vielleicht schon etwas früher auf der Stange – und sollte sich nicht wundern, wenn kurz nach dem Wiederaufhellen ein Hahn nochmals kräht. Für ihn beginnt dann offenbar ein neuer Tag.

Weiterlesen

  • Dünger sollte dorthin, wo ihn Pflanzen aufnehmen können. Solche Flächen sind derzeit eher schwer zu finden.

    Wenn die Gülle trotz Dürre weg muss: «Möglichst stark verdünnt und wenig ausbringen»

    Wo es noch ein wenig grün ist, richtet Gülle aktuell am wenigsten Schaden an. Berater Simon Jöhr rät aber zu genereller Vorsicht mit Düngen: Wenn der Regen kommt, dürften Nährstoffe en masse freigesetzt werden.
    Show more
    ABO
  • Kulinarisches Berner Oberland: Gewinnen Sie das Buch «Alpe-Chuchi»

  • Die Linde auf dem Hausplatz herbstet im August: Ist sie noch zu retten?

    ABO