Mit dem Beginn der Milchproduktion steigt der Calciumbedarf einer Kuh innerhalb kurzer Zeit stark an. Kann der Körper nicht genügend Calcium bereitstellen, droht Milchfieber. In schweren Fällen liegen die Tiere fest.
Warum Vitamin D bei Calciummangel?
Mireille Meylan, Leiterin der Nutztierklinik der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern, erklärt, Vitamin D sei an der Regulation des Calciumstoffwechsels beteiligt. «Es unterstützt insbesondere die Aufnahme von Calcium aus dem Futter im Darm.»
Meylan erklärt weiter: Sinke der Calciumspiegel im Blut rund um die Geburt, aktiviere der Körper verschiedene Anpassungsmechanismen. Er nehme mehr Calcium aus dem Darm auf, scheide weniger über die Nieren aus und mobilisiere Calcium aus den Knochen. Damit versuche er, den Calciumspiegel im Blut zu normalisieren beziehungsweise aufrechtzuerhalten.
Bei den meisten Kühen funktionierten diese Mechanismen ausreichend gut, erklärt Meylan weiter. Bei älteren Tieren könne die Anpassung jedoch zu langsam erfolgen. Gleichzeitig produzierten sie rasch mehr Milch und benötigten entsprechend mehr Calcium. «Gelingt es dem Körper nicht, den Bedarf rechtzeitig zu decken, kann Milchfieber entstehen.»
Thomas Mock, Tierarzt und Teilhaber der Grosstierpraxis Langnau im Emmental, sagt, Vitamin D sei früher aus medikamentöser Sicht die einzige Möglichkeit gewesen, Milchfieber vorzubeugen. «Festliegende Kühe sind aber nur die Spitze des Eisbergs.» Viel wichtiger sei der subklinische Calciummangel, der nicht unmittelbar sichtbar sei und bereits bei Erstkalbinnen vorkommen könne.

Das Hauptproblem ist das Timing
Wie sinnvoll die Vitamin-D-Spritze ist, hängt wesentlich davon ab, wann sie verabreicht wird. Thomas Mock erklärt, das injizierte Vitamin D sei eine Vorstufe des biologisch aktiven Vitamins. Bis es seine Wirkung auf den Calciumstoffwechsel entfalte, seien weitere Reaktionen im Körper nötig. «Deshalb braucht es eine gewisse Zeit, bis die gewünschten Effekte eintreten.» Eine Verabreichung zwei bis acht Tage vor der Abkalbung sei sinnvoll.
Doch genau darin liege die Schwierigkeit, erklärt Meylan: Kühe kalbten nicht immer am errechneten Termin. «Wird die Spritze zum falschen Zeitpunkt gesetzt, kann der gewünschte Effekt ausbleiben und die Kuh erkrankt trotzdem an Milchfieber.»
Gleichzeitig bestehe die Gefahr, dass die körpereigene Regulation gestört werde. Durch die externe Gabe von Vitamin D könne der Körper die Situation als ausreichend kontrolliert wahrnehmen und seine eigenen Mechanismen zur Einsparung von Calcium nicht genügend aktivieren. Hinzu komme, dass Vitamin D fettlöslich sei. Es könne daher nicht einfach wieder ausgeschieden werden. Sei die Spritze verabreicht, lasse sich ihre Wirkung nicht nachträglich an den tatsächlichen Geburtstermin anpassen, erklärt Meylan.
Zu viel Calcium führt zu Verkalkungen
Eine zweite Spritze ist deshalb keine Lösung, wenn die Kuh nach der ersten Gabe nicht wie erwartet abkalbt. Meylan warnt vor der Gefahr einer Anreicherung und einer Überdosierung. In der Folge könne sich zu viel Calcium im Körper ansammeln. Dadurch könnten Verkalkungen unter anderem in Blutgefässen und Gelenkkapseln entstehen.
Auch eine Verabreichung nach der Geburt empfiehlt sie nicht. Diese mache aus ihrer Sicht keinen Sinn und könne höchstens die körpereigenen Regulationsmechanismen durcheinanderbringen.
Auf eine weitere Gefahr weist Thomas Mock hin: «Gemäss den Herstellerangaben können bei den Rindern auch nach korrekter Anwendung schwere allergische Reaktionen auftreten, die tödlich enden können.»
Diese allergischen Reaktionen seien zwar selten, aber immer mal wieder zu beobachten. Bei einer bekannten Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder einem sonstigen Bestandteil dürfe das Präparat nicht eingesetzt werden.

Welche Kühe brauchen besondere Aufmerksamkeit?
Nicht jede Kuh benötigt dieselbe Vorbeugung. Besonders gefährdet seien ältere Tiere und Kühe, die bereits bei einer früheren Abkalbung festgelegen seien, so Mireille Meylan. Zusätzliche Massnahmen zur Vorbeugung könnten deshalb insbesondere bei Kühen ab der dritten Laktation und bei Tieren mit entsprechender Vorgeschichte sinnvoll sein.
Bei Erstkalbinnen sei das Milchfieberrisiko dagegen geringer als bei älteren Tieren. Eine zusätzliche Vitamin-D-Versorgung sei bei ihnen deshalb in der Regel nicht nötig, sagt Meylan. Auch Mock hält eine Vitamin-D-Spritze bei Erstkalbinnen nicht für besonders sinnvoll. Er räumt allerdings ein, dass auch diese Tiere einen subklinischen Calciummangel aufweisen können.
Ob eine zusätzliche Massnahme nötig sei, hänge laut Mock auch vom Management des Betriebs ab. Mit einer geeigneten Fütterung und einer angepassten Körperkondition könne Milchfieber auf anderem Weg vorgebeugt werden. Dafür müssten allerdings verschiedene Faktoren zusammenspielen.
Fütterung und Boli als Alternativen
Für die Vorbeugung von Milchfieber gibt es verschiedene Möglichkeiten. Mireille Meylan sieht Fütterungsstrategien während der Galtzeit als die beste Prophylaxe. Da gebe es verschiedene Möglichkeiten, wie zum Beispiel den Einsatz von sauren Salzen.
Meylan hält fest, dass das Vitamin D nur dabei helfe, mehr Calcium aus dem Futter aufzunehmen. Deshalb müsse in der Ration genügend Calcium vorhanden sein. Enthalte das Futter zu wenig Calcium, könne die Vitamin-D-Spritze keine Wirkung haben. «Deshalb ist die orale Calciumgabe als Bolus, Pulver oder Gel im Zweifelsfall bei Risikotieren immer eine gute Idee.» So sei der Darm mit Calcium «überflutet» und der Körper könne bei Bedarf dessen Aufnahme steigern.
Eine weitere Möglichkeit seien Vitamin-D-Boli. Meylan erklärt, das Vitamin werde daraus langsamer freigesetzt. Die Wirkung halte länger an und nehme langsamer ab, sodass der Körper mehr Zeit habe, sich anzupassen. Versuche bei Agroscope in Posieux FR in Zusammenarbeit mit der Nutztierklinik der Universität Bern hätten diese Wirkung bestätigt. Negative Nebeneffekte seien dabei nicht beobachtet worden.
Nicht für alle dieselbe Lösung
Thomas Mock betont ebenfalls, dass die Vorbeugung nicht auf ein einzelnes Präparat beschränkt werden sollte. In der Galtphase spielten neben der Körperkondition und weiteren Faktoren insbesondere die kaliumarme und magnesiumreiche Versorgung eine wichtige Rolle. Eine calciumarme Galtphasenfütterung sei zwar theoretisch mit entsprechendem Erfolg möglich, in einer weitestgehend graslandbasierten Schweizer Landwirtschaft aber nur schwer umsetzbar.
Für die Vorbeugung von Milchfieber stehen somit verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Welche Massnahme sinnvoll ist, hängt laut den beiden Fachpersonen unter anderem vom Alter der Kuh, von früheren Fällen von Festliegen und von den Bedingungen im Betrieb ab.

