Ochs und Esel bei der Krippe – jeder christlich geprägte Mensch kann zu dieser Geschichte innige innere Bilder abrufen. Dass die beiden Tiere, Ochs und Esel, als Teil der Schöpfung dem heiligen Geschehen nahe sein dürfen, scheint gerade uns Bauern mehr als gerechtfertigt. Obwohl sie nur eine Statistenrolle spielen, finden die Vierbeiner immerhin bei zwei Evangelisten Erwähnung. Die Religionsgeschichte erklärt dazu, dass der Ochse damals als sogenannt «reines Tier» das Judentum und der Esel als «unreines Tier» das Heidentum symbolisierten. So verband also das kleine Christkind in jenem armseligen Stall Juden und Heiden.
Angesichts des Stellenwerts, den das Rindvieh in dieser biblischen Erzählung einnimmt, wage auch ich es, über ein Tier derselben Gattung zu schreiben. Bei unserem Tier handelt es sich um das einjährige Limousin-Rind Domenica – der Name ist italienisch und heisst auf Deutsch «Sonntag».
Nicht die besseren Menschen
Ausgerechnet an einem Sonntag – nomen est omen? – stellten wir bei Domenica ein ungewöhnliches Verhalten fest. Sie liess die Zunge permanent ca. zehn Zentimeter aus dem Maul hängen, was ihr ein recht komisches Aussehen verlieh. Immer wenn sie versuchte, Futter zu fressen, hörten wir ein Knacken. Die Diagnose des Tierarztes lautete auf Unterkieferfraktur.
Wie war das wohl passiert? Es ist offenbar ein Risiko des Freilaufstalls, der den Tieren einerseits viele Vorteile bietet, andererseits lässt er aber auch Futterneid und Rangordnungskämpfe zu – Tiere sind nicht die besseren Menschen. Ausserdem kommt es öfter zu Stürzen.
Tiefschlag nach Operation
Wir beschlossen, das verletzte Tier nicht zur Schlachtbank, sondern ins Tierspital Zürich zu fahren. Mit drei Metallpins wurde der gebrochene Kiefer wieder fixiert. Die Operation verlief positiv. Die Heilungsfrist sollte fünf Wochen dauern, also bis Anfang Dezember. Es war geplant, dass wir Domenica nach der ersten Woche nach Hause holen und die restlichen vier Wochen bis zur Implantatentfernung selbst pflegen sollten.
Ein Tag nach der Operation wurde uns jedoch mitgeteilt, dass Domenica nicht mehr aufstehe, wahrscheinlich aufgrund einer Muskelentzündung. Diese Art von Operationsreaktionen komme häufig bei Pferden vor und sei sehr gefürchtet, da die betroffenen Tiere oft gar nicht mehr aufstehen und schliesslich eingehen würden.
Nach dem anfänglichen Erfolg kam diese Nachricht einem Tiefschlag gleich. Am Tag darauf besuchten wir die arme Kreatur. Sie lag in einer Einzelbox ohne Sichtmöglichkeit zu andern Vierbeinern. Das bedeutet für ein Herdentier, das den engen Kontakt zu seinesgleichen gewöhnt ist und als Sicherheit braucht, eine völlig neue Situation, die es ängstigt und stresst. Domenicas Verletzung erforderte jedoch die separate Haltung zur Vermeidung von weiteren Risiken.
Viel Vertrautes
In regelmässigen Abständen wurde die Patientin von angehenden Tierärzten und Pflegern mithilfe von ausgeklügelten Einrichtungen auf die jeweils andere Körperseite gelegt. Bei ihren stattlichen 400 kg eine eindrückliche Prozedur! Etwas eigenartig wirkte die benzinkanisterähnliche Infusionsflasche, die über ihr hing.
Mein Mann und ich versuchten, Domenica unter diesen Umständen so viel Vertrautes wie möglich zu geben. Wir bürsteten und massierten ihren Körper. Ausserdem bot ich ihr Kraftfutter an, bis sie es aus meiner Hand frass. Sie erkannte uns und verfolgte alles mit aufmerksamem Blick, stand jedoch den ganzen Nachmittag nicht auf. Wunder lassen sich nun einmal nicht erzwingen.
Heilung über Nacht
Am nächsten Tag, es war wieder Sonntag, erkundigte ich mich beim zuständigen Veterinär über den Zustand des kranken Tieres. Erfreulicherweise hatte der Heilungsprozess über Nacht eingesetzt. Die Überraschung war auch für den Tierarzt gross, als ihn Domenica am Morgen stehend erwartete. Bei einem weiteren Besuch konnten wir uns von der langsamen Besserung überzeugen. Wenige Tage darauf durften wir das Rind nach Hause transportieren.
Zu Weihnachten 2004 war der Kieferfixateur entfernt, der Unterkieferknochen geheilt, Domenicas Zunge wieder in der richtigen Position und wir – wir fühlten uns beschenkt. Domenicas gemächliches Wiederkäuen erinnerte mich an den Ochsen, der wohl neben der Krippe mit stoischer Ruhe dasselbe tat ...
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