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Ein Muni, viel Papierkram und 2305 Tonnen Importfleisch

Ein Emmentaler Hof importiert einen Hinterwälder-Muni aus Deutschland. Schon der Import ist ein Hürdenlauf. Doch als sich der Stier als unfruchtbar erweist, wird die Schlachtung zum noch grösseren Aufwand. Derweil beantragt Proviande 2305 Tonnen Importfleisch.

Blutauffrischung war angesagt. Michael und Andreas Schneider, Vater und Sohn aus dem Emmental, züchten Hinterwälder. Die Rasse ist in der Schweiz nicht auf vielen Betrieben vertreten, Inzucht ist deshalb ein Thema. Wer neue Genetik will, muss suchen. Diesen Frühling wurden Schneiders in Deutschland fündig: ein rund einjähriger Stier. Was nach einer Lösung aussah, wurde zur Odyssee.

Hinterwälder stammen aus dem südlichen Schwarzwald und gelten als kleinste Rinderrasse Mitteleuropas. Die Kühe erreichen eine Widerristhöhe von 115 bis 125 Zentimetern und wiegen 350 bis 450 Kilo. Die Rasse gilt als trittsicher, genügsam und langlebig und ist an steile Weiden angepasst. Sie ist gefährdet. Seit 1983 baut Pro Specie Rara in der Schweiz eine Erhaltungszucht auf, 1988 wurde der Schweizerische Hinterwälder-Zuchtverein gegründet.

Teurer Weg über die Grenze

Der Kauf war das eine, der Import das andere. «Viel Papierkram», sagt Andreas Schneider. Die drei Wochen Quarantäne organisierte die Familie schliesslich selbst. Am zweiten Tag kam die Amtstierärztin, um sich ein Bild zu machen. Später kam sie ein zweites Mal, zog dem Stier neue Ohrmarken ein und nahm Blut. Als der Muni endlich zur Herde durfte, hatten Import und Bürokratie den ursprünglichen Kaufpreis fast verdoppelt.

Hitze, Virus oder Muni?

Der Neue machte sich an die Arbeit. Er sprang, doch keine Kuh nahm auf. Vater und Sohn suchten den Grund zuerst anderswo. Der Sommer war heiss, und das Shamonda-Virus war bei Schweizer Rindern nachgewiesen worden. Beides kam infrage. Dass es am Muni liegen könnte, daran dachten sie erst spät. Doch so war es: Der Stier war unfruchtbar, die Herde ist leer.

Beim deutschen Züchter reklamieren? «Ich kann und will nicht», sagt Andreas Schneider. Einen neuen Muni hat die Familie inzwischen gefunden, denn die Zeit drängt. Für den deutschen Stier blieb nur der Schlachthof.

Zu kurz in der Schweiz

War schon der Import aufwendig, wurde der letzte Weg des Stiers zum noch grösseren Hürdenlauf. Um halb fünf in der Früh wurde der Muni in Walkringen BE verladen, Vianco brachte ihn zur Schlachtung nach Oensingen SO. Um neun Uhr klingelte das Telefon. Vianco meldete, das Tier könne nicht vermarktet werden. Der Stier hatte weniger als sein halbes Leben in der Schweiz verbracht.

Ein Verbot steht nicht dahinter, wohl aber die Herkunftsregel. Nach der Lebensmittelinformationsverordnung des Bundes gilt Fleisch nur dann als in der Schweiz produziert, wenn das Tier hier den grösseren Teil seines Lebens verbracht oder den grösseren Teil seines Gewichts zugelegt hat. Bell verlangt von zugekauften Tieren, dass sie für die Marke Suisse Garantie infrage kommen. Im Ausland geborene Tiere müssen dafür diese Regel erfüllen. Der Stier aus Deutschland erfüllte sie nicht.

Also mussten Schneiders das Fleisch selbst holen. Ein Anruf in Oensingen, am Montag klappe es, hiess es. Vor Ort dann die nächste Überraschung: Der Stier wird erst am Dienstag freigegeben. Abholen konnte die Familie das Fleisch nur in Vierteln. Dafür brauchte sie einen Kühlwagen und einen privaten Metzger, der die Viertel weiterverarbeitete. «Das kommt alles obendrauf», sagt Andreas Schneider. Jetzt liegt der Muni in der Tiefkühltruhe, rund 200 Kilo Fleisch.

2305 Tonnen für vier Wochen

Am Freitag, 16. Oktober, ging es im Verwaltungsrat von Proviande um andere Grössenordnungen. Massnahmen zur Marktentlastung beschloss er keine. Dafür beantragt die Branchenorganisation beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) für die vier Wochen vom 26. Oktober bis 22. November Importe von insgesamt 2305 Tonnen brutto.

Den grössten Posten machen mit 1300 Tonnen die Verarbeitungskühe aus, also ganze oder halbe Schlachtkörper, frisch oder gekühlt. Dazu kommen 775 Tonnen Nierstücke und High-Quality-Beef, 150 Tonnen Kalbfleisch und 80 Tonnen gewürzte und gesalzene Rindsbinden.

Bei Kühen, Nierstücken und Kalbfleisch wird jeweils die Hälfte der Menge versteigert, die andere Hälfte wird nach Inlandleistung zugeteilt. Die Rindsbinden kommen vollständig unter den Hammer.

Vom Kuhberg zurück zum Import

Im Sommer sah der Markt anders aus. Wegen Trockenheit, Futterknappheit und Krankheiten in den Herden kamen deutlich mehr Kühe zum Schlachter. Vom 1. Januar bis 6. September wurden laut Proviande 112 089 Kühe geschlachtet, 17,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Allein im August waren es 52,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Verwaltungsrat kürzte die Importfreigabe für Verarbeitungskühe im August auf 500 Tonnen, 800 Tonnen weniger als im Vorjahr. Für die kommenden vier Wochen sind es wieder 1300 Tonnen.

Laut den Schweizer Milchproduzenten standen im August 495 606 Milchkühe im Stall, 16 484 weniger als ein Jahr zuvor. Bereits im Frühjahr hatte Proviande-Direktor Donat Schneider den steigenden Importbedarf damit begründet, dass der Konsum stärker wächst als das Angebot. Mooh-Geschäftsführer René Schwager sagte im August, die vielen Schlachtungen würden sich erst ab dem Frühling richtig zeigen. Dann fehlten diese Kühe bei der Kalbung, und mit ihnen ihre Nachzucht.

200 Kilo und 2305 Tonnen

Die 2305 Tonnen, die Proviande für vier Wochen zum Import beantragt, sind über 11 500-mal so viel wie das Fleisch, das jetzt im Emmental in der Tiefkühltruhe liegt. Für diese 200 Kilo brauchte es drei Wochen Quarantäne, mehrere Besuche von Tierärzten, viel Bürokratie und schliesslich einen Transport nach Oensingen, einen Kühlwagen und einen privaten Metzger.

«Wegen 200 Kilo machen wir ein solches Theater», sagt Andreas Schneider. «Aber Tausende Tonnen Fleisch importieren, das können wir.»

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