«Viele Betreiber von Solaranlagen werden von ihrer zweiten Quartalsabrechnung dieses Jahr enttäuscht sein», vermutet Peter Tarnutzer aus Trin GR, der einen Leserbrief an die BauernZeitung schickte. Seine Solaranlage hat in den Monaten April, Mai und Juni 5 749 kWh produziert, wovon sie 3 780 kWh zu einem Vergütungspreis von 6 Rp. pro kWh ins Netz eingespeist hat.
Von seinem lokalen Elektrizitätswerk bezogen hat sein Einfamilienhaus 96 kWh zu einem Preis von 24 Rp. pro kWh. Tarnutzer überlegte, wie man die Vergütungssituation als Energieproduzent verbessern könnte, und entwickelte daraus eine Idee.
E-Autofahrer können per App Ladestationen einsehen
Anhand einer App-basierten digitalen Karte soll der Standort aller Solaranlagenbesitzer, die eine öffentliche E-Auto-Ladestation (Wallbox) betreiben, sichtbar gemacht werden. «Da viele Wallboxen heute bereits draussen stehen, können sie von vielen Menschen genutzt werden. Hinzu kommt, dass sie zumeist über LAN geregelt sind und nur den Stromüberschuss an die tankenden Autos liefern», erklärt Peter Tarnutzer.

E-Autofahrer könnten anhand der Karten-App den Standort und die aktuell verfügbare Leistung jeder Station einsehen, so die Idee. Peter Tarnutzer ergänzt: «Der kWh‑Verkaufspreis unserer Solarenergie könnte konkurrenzlos und einheitlich bei 25 Rp. pro kWh liegen, wovon wir Solarenergieanbieter rund fünf Rp. pro kWh an den App-Betreiber abliefern.»
Um dies zu realisieren, müsste jede teilnehmende Solaranlage die aktuellen Daten, den Zustand und die Verfügbarkeit der Solarenergie an eine zentrale Datenbank weitergeben. «Dafür benötigt jede Solaranlage einen ESP32‑Mikrocomputer für sechs Franken. Die Solaranlagen-Wechselrichter messen bereits heute die Energieflüsse und haben meist ein Interface, damit man den Solarüberschuss auch weitergeben kann», sagt Tarnutzer.
Mit grossen Solarflächen schnell laden
Gerade für Landwirtinnen und Landwirte mit grossen Solaranlagen wäre dies eventuell von Interesse, da auch E-Autos mit hoher Leistung dort schnell geladen werden können, so Tarnutzer. Die Verkaufspreise an Schnellladesäulen liegen aktuell bei 60 bis 80 Rp. pro kWh.
«Würden die Landwirte für 25 Rp. pro kWh verkaufen, wäre das konkurrenzlos und ein gutes Angebot. Für viele E-Autofahrer ist schnelles Laden mit über 100 kW Leistung wichtig. Für mich als Eigenheimbesitzer mit einer 16‑kW-Anlage ist das für E-Autofahrer auf der Durchreise uninteressant, weil zu langsam», erklärt Peter Tarnutzer.
Nutzung auf den eigenen Haushalt beschränkt
Fabien Lüthi vom Bundesamt für Energie (BFE) bestätigt, dass überschüssiger Solarstrom beispielsweise für das Laden von Elektroautos oder elektrischen Traktoren genutzt werden kann. Jedoch sei die Nutzung bei einer privaten Ladestation (Wallbox) in der Regel auf den Eigentümer beziehungsweise dessen Haushalt beschränkt.
«Unter bestimmten Voraussetzungen könnte der Betreiber den selbst produzierten Strom auch an Nachbarn weiterverkaufen, etwa im Rahmen eines Zusammenschlusses zum Eigenverbrauch», so Lüthi. Eine weitere Möglichkeit bestehe darin, die Ladestation in der Tat für Dritte zugänglich zu machen und den bezogenen Strom zu verrechnen. Dafür stünden verschiedene technische Lösungen zur Verfügung, etwa die Plattform Ecarup. «Allerdings würde dies bedeuten, dass externe Nutzer mit ihren Fahrzeugen Zugang zum privaten Parkplatz erhalten», gibt Lüthi zu bedenken.
Ein Verzeichnis für private Wallboxen gibt es noch nicht
Bei öffentlichen Ladestationen stelle sich die Situation anders dar. Diese werden unter anderem auf Plattformen wie www.ich-tanke-strom.ch erfasst. Ein vergleichbares Verzeichnis für private Wallboxen existiere hingegen nicht, so Lüthi. Betreiber öffentlicher Ladestationen beziehen den benötigten Strom grundsätzlich über ihr lokales Elektrizitätsversorgungsunternehmen. Fabien Lüthi weist in diesem Zusammenhang allerdings klar darauf hin, dass klar zwischen privaten Wallboxen und öffentlich zugänglichen Ladestationen hinsichtlich Nutzung, Abrechnung und regulatorischem Rahmen unterschieden werden muss. «Diese Abgrenzung kommt in der öffentlichen Diskussion häufig zu kurz», sagt Fabien Lüthi.
Wieland Hintz, stellvertretender Geschäftsführer des Branchenverbands Swissolar, ordnet die Idee von Peter Tarnutzer als grundsätzlich spannend ein, weist aber darauf hin, dass die bislang fehlende Marktöffnung im Strombereich die Umsetzung verhindere. «Endverbraucher bis zu einem Jahresverbrauch bis 100 000 kWh, wie zum Beispiel Ladestationen, dürfen ihren Strom nur vom lokalen Elektrizitätswerk beziehen. Eine Ausnahme ist Eigenverbrauch oder seit 2026 Strom, der innerhalb einer lokalen Elektrizitätsgemeinschaft ausgetauscht wird. Diese können sich maximal über das Gebiet einer Gemeinde erstrecken, und so könnte ein Austausch wie im Artikel beschrieben ermöglicht werden», sagt Wieland Hintz.
Innovative Modelle werden entstehen
Der Branchenverband Swissolar sei überzeugt, dass solche innovativen Modelle wie das von Peter Tarnutzer vorgeschlagene schweizweit entstehen werden, wenn die vollständige Marktöffnung im Rahmen des Stromabkommens mit der EU umgesetzt wird. Zu erwarten sei dies, vorbehaltlich der Bestätigung durch das Parlament, für 2030, so Hintz.

