Der 30-jährige Landwirt Steven Siegenthaler aus Mont-Soleil im Berner Jura ist seit drei Jahren Chefeinstufer bei der Linear SA. Seit fast acht Jahren beschäftigt er sich mit dem Exterieur der Kuh und lebt mit viel Leidenschaft und Neutralität seinen Traumjob. Steven Siegenthaler ist ausgebildeter Landwirt und studierte anschliessend an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL in Zollikofen Agronomie. Seit diesem Jahr hat er den elterlichen Betrieb übernommen. Er ist begeisterter Red-Holstein- und Holstein- Züchter und führt unter dem Präfix «Siegsoleil» eine Herde von fünfzig Kühen. Er bewirtschaftet einen silofreien Betrieb und produziert Käsereimilch. Zusätzlich hält er rund achtzig Aufzuchttiere auf seinem Betrieb. Im Jahr 2018 begann er nebenbei bei der Linear AG als Einstufer zu arbeiten. Per Januar 2023 wurde er zum Chefeinstufer befördert. Seine Leidenschaft und sein gutes Auge für das äussere Erscheinungsbild der Kuh hatte er schon früh. Die Fähigkeit, sich durchzusetzen und argumentieren zu können, hat er sich in den letzten Jahren angeeignet.
Die Tage werden lang
Als Chefeinstufer ist Siegenthaler viel unterwegs, hat aber auch einen fixen Bürotag. Jeden Montag arbeitet er vom Hauptstandort in Posieux aus, wo er zusammen mit der Geschäftsleiterin und den Planern zum guten Ablauf im Unternehmen beiträgt und als Ansprechperson der Einstufer gilt. Ein bis drei Tage pro Woche ist er dann als Einstufer unterwegs und bewertet Kühe direkt vor Ort. Je nach Region, wo er eingeteilt ist, steht er morgens früher auf, um zu Hause noch seine Kühe zu melken oder sich um die Rinder zu kümmern, bevor er zur Arbeit fährt. An solchen Tagen ist Siegenthaler viel mit dem Auto unterwegs, besucht verschiedene Betriebe und trifft viele unterschiedliche Landwirte. Das Ziel ist es, im Durchschnitt über vierzig Kühe an einem Tag beurteilen zu können. Dabei muss er seine Entscheidungen immer begründen und sich bei jeder einzelnen Kuh genau auf ihr Äusseres konzentrieren. Eine der wichtigsten, aber auch schwierigsten Aufgaben ist es, sich nicht beeinflussen zu lassen und immer konzentriert zu bleiben. «Solche Tage werden lang und ich bin froh, wenn ich zu Hause etwas Ruhe finde», sagt Siegenthaler.
Die Kommunikation ist das A und O
Um bei Linear SA als Einstufer zu arbeiten, benötigt es eine Ausbildung in der Landwirtschaft. «Freude an Kühen und gute Exterieur–Grundkenntnisse, sind natürlich Voraussetzung. Dabei ist man den ganzen Tag allein unterwegs, deshalb muss man selbstständig sein», betont Siegenthaler. Die Ausbildung zum Einstufer beginnt mit einem intensiven Schulungstag, an dem alle Merkmale und die Theorie genau unter die Lupe genommen werden. Anschliessend geht man vier Tage mit einem geschulten Einstufer mit und lernt dort aus der Praxis. Zum Schluss steht eine schriftliche und praktische Prüfung auf dem Programm. Bedingung ist jedoch, dass man sich nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Französisch verständigen kann. Eine zentrale Bedeutung hat die Kommunikation. Man muss sich gut verständigen und durchsetzen können. Jede Kuh bekommt eine eigene Beurteilung, die man dem Züchter am Schluss begründen muss. «Neutralität ist massgebend bei dieser Arbeit, man kennt sich manchmal untereinander und wir sind alles Berufskollegen», so der Chefeinstufer.

Wie funktioniert eine Einstufung?
Die Züchter melden ihre Tiere bei ihrem Zuchtverband an. Dieser leitet die Anmeldungen an Linear AG weiter. Kühe in der ersten Laktation werden automatisch angemeldet, wenn dies vom Züchter so gewünscht wird. Die Firma plant die Einstufungsbesuche aufgrund der Anmeldungen, wobei jeder Betrieb im Flachland alle 4 bis 5 Monate besucht wird. In Bergregionen, wo die Kühe gesömmert werden, sind zwei Besuche pro Jahr geplant. Wünscht ein Züchter einen Besuch zu einem bestimmten Zeitpunkt, kann er eine Spezialtour beantragen. Linear führt den beantragten Besuch zu einem Sondertarif durch. Die lineare Beschreibung erfasst mehr als zwanzig Exterieur-Merkmale objektiv auf einer Skala. Einige Merkmale werden in cm gemessen und unter Berücksichtigung des Alters, der Laktation und der Euterfülle in Noten von 1 bis 9 umgewandelt. Rund 40 Fehler können ebenfalls erfasst werden. Die Exterieur Merkmale jeder Kuh werden mit dem Zuchtziel verglichen. Die Gesamtnote berechnet sich anhand einer genauen Vorgehensweise. Sie zeigt, inwiefern die Kuh dem Ideal entspricht. Eine Kuh mit der Note EX-97 kommt der idealen Kuh sehr nahe. Zur Klarstellung des Resultats werden vier Einstufungsblöcke definiert. Jeder Block entspricht einem Teil des Körpers des Tieres. Bei den Zweinutzungsrassen ist der Block «Becken» im Block «Format und Kapazität» integriert, wogegen der Block «Euteranlage» zweigeteilt wurde und einen neuen Block «Zitzen» enthält.
Das Hauptziel der Datenerhebung durch die (LBE) für die Zuchtwertschätzung ist, die Erfassung von Exterieur-Merkmalen (Körperbau, Fundament, Euter) bei Erstmelkkühen. Diese Daten bilden die Grundlage für die Zuchtwertschätzung Exterieur, um erblich bedingte Leistungsunterschiede zu bestimmen, Selektionsentscheidungen zu treffen und die Paarungsplanung zu optimieren. Dazu trägt jede Kuh gleich viel bei, egal wie sie aussieht.
Die Einstufung erlaubt es, die besten Kühe der Rasse bezüglich ihres Körperbaus hervorzuheben. Einstufungen über 90 Punkte (Klasse Exzellent) sind nur für Kühe möglich, die mindestens dreimal gekalbt haben. Die absolute Höchstnote kann sogar erst ab der 5. Laktation erreicht werden. Bei einer solch hohen Einstufung ist der Vorgang so, dass der erste Einstufer die jeweilige Note vorschlägt. In den nachfolgenden dreissig Tagen besuchen ein oder mehrere andere Einstufer den Betrieb, um die Kuh nochmals einzustufen und sich zu vergewissern, dass die Einstufung gerechtfertigt ist. Dies nennt man dann die Bestätigung.
Vorbereitung für einen Lineare Beschreibung
Was rät der Chefeinstufer denjenigen, die ihre Tiere regelmässig einstufen lassen wollen? «Am besten nicht zu viel machen. Die Tiere sollten fit und gepflegt sein, müssen aber nicht extra geschoren werden», rät Steven Siegenthaler. Betreffend der Euterfüllung ist es nicht erlaubt die Kühe zu einem anderen Zeitpunkt als im normalen Alltag zu melken. Bei Anbindestall-Haltung oder Melkstand geht der Einstufer davon aus, dass die Kühe ungefähr zwischen fünf bis sieben Uhr morgens gemolken werden. Bei Roboterställen fragt jeder Einstufer den Züchter nach der genauen Melkzeit. Die Euterfüllung wird auf einer dreistufigen Skala im System angegeben (leer, mittel oder voll),– dann wird die Benotung entsprechend angepasst. Ein wichtiger Faktor für die reibungslose Arbeit des Einstufers ist, wenn die Kühe auf einem ebenen Untergrund stehen und sie in einem gut beleuchteten und sauberen Stall stehen. Die Kühe sollten angebunden sein oder im Fressgitter stehen. Für die Beurteilung der Gliedmassen müssen sie anschliessend entweder am Halfter oder frei im Laufstall laufen können.

Die Exterieur Top-Kuh
Und was zeichnet in Siegenthalers Augen eine Top-Kuh aus? «Die Exterieur Top-Kuh ist mittelgross, hat eine solide obere Linie, zeigt viel Breite in allen Teilen, hat ein hoch und breit aufgehängtes Euter, mit korrekt verteilten Zitzen und bewegt sich auf guten Beinen. Sie sollte schliesslich für jeden Betrieb passen. «Das heisst, für mich ist eine produktive Kuh eine breite Kuh – mit einem guten Euter natürlich, das ist mir am wichtigsten», sagt der Chefeinstufer abschliessend.









