Es ist dokumentiert: Die Antibiotikabehandlungen bei Schweizer Milchkühen stiegen zwischen 2021 und 2024 von 730 auf 1067 Behandlungen pro 1000 Tiere. Alle anderen Tierkategorien zeigen einen Rückgang. Nur die Rinder nicht. Dabei entfällt die grösste Anzahl aller Tierbehandlungen in der Nutztierhaltung ohnehin auf Milchkühe und Rinderaufzucht. Die Bundesstrategie Antibiotikaresistenzen (StAR) läuft seit Jahren. Die Kurve zeigt trotzdem steil nach oben.
Was die Wissenschaft weiss
Kälber, die kurz nach der Geburt von der Mutter getrennt werden, sind anfälliger für Atemwegs- und Magen-Darm-Erkrankungen. Der Grund ist bekannt: Stress hemmt das Immunsystem. Frühe Trennung bedeutet Stress – für das Kalb und für die Kuh.
Kälber in der muttergebundenen Kälberaufzucht (Muka) bleiben drei bis zehn Monate bei der Mutter. Sie trinken mehr Kolostrum, länger und natürlicher. Sie entwickeln eine stabilere Darmflora.
Was die Zahlen zeigen
Der Förderverein Mutter-Kalb-Haltung führt seit April 2024 gemeinsam mit dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) und dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) ein Projekt durch, das erstmals mit Schweizer Daten belegen soll, wie gross der Unterschied im Antibiotikaverbrauch zwischen Muka-Betrieben und konventionellen Betrieben tatsächlich ist.
19 Betriebe nehmen teil. Die Ergebnisse kommen 2026. Die Frage ist berechtigt: Warum wartet der Bundesrat auf Ergebnisse eines Projekts, das er selbst mitfinanziert – und lehnt gleichzeitig die Motion ab, die auf genau diesen Erkenntnissen aufbauen würde?
Die Antwort des Bundesrats überzeugt nicht
Die Komplexität ist eine Ausrede. Wer sie ernst nähme, würde Beiträge abschaffen – nicht neue verweigern. Ein Beispiel: Der Beitrag für die längere Nutzungsdauer von Kühen fördert ein Ziel, das der Markt längst vorgibt. Die Schweiz hat zu wenig Kühe, zu wenig Rindfleisch. Wer das richtige Tier auf der richtigen Futtergrundlage hält – eine Rasse, deren Leistungsniveau zur Futterbasis passt – hat langlebige, gesunde Tiere.
Nicht weil ein Beitrag es verlangt, sondern weil es betriebswirtschaftlich sinnvoll ist. Solche Anreize sind nicht nur unnötig. Sie zeigen, wie weit sich das Direktzahlungssystem von der landwirtschaftlichen Realität entfernt hat. Wer bereit ist, dafür Geld auszugeben, muss erklären, warum er bei Muka passen will: einem System, das eine naheliegende oder sogar offensichtliche Wirkung auf den Antibiotikaverbrauch hat – und das, anders als viele Tierwohlbeiträge, von der Gesellschaft aktiv nachgefragt wird.
Tierwohl über den Milchpreis abzudecken, funktioniert nicht. Der Markt ist zu eng, die Marge zu klein, die Abnehmer zu mächtig. Wer Muka allein dem Detailhandel überlässt, überlässt sie der Nische. Als Alternative schlägt der Bundesrat Garantiemarken und Kollektivmarken vor. Das klingt nach etwas. Es ist wenig.
Freilandeier haben sich nicht durch juristische Konstruktionen im Markt etabliert, sondern durch das RAUS-Programm. Labelfleisch nicht durch Markenrecht, sondern weil die Agrarpolitik den ersten Schritt gemacht hat. Ohne Förderbeitrag blieb die Muka nach ihrer Legalisierung 2020 das, was sie heute noch ist: eine Nische, die von Überzeugungstätern getragen wird.
Die Schweiz war einmal Pionierin
Grossbritannien, Deutschland, Frankreich und die Niederlande bauen die Muka aus. Im März 2026 trafen sich in den Niederlanden Bäuerinnen und Bauern aus zwölf Ländern zum internationalen Muka-Kongress. Die Schweiz war mit von der Partie – aber nicht als Vorreiterin.
Dabei war sie einmal Pionierin: Vor bald dreissig Jahren startete hier das erste Muka-Projekt. Dann versandete es. Heute riskiert die Schweizer Landwirtschaft, dereinst Muka-Milch importieren zu müssen, weil sie den richtigen Moment verpasst hat. Die Beratung der Motion ist im Nationalrat geplant. Er sollte Ja sagen.

