«Egal, wie schlecht es einem geht, es gibt immer einen, dem es schlechter geht.» Für David Baumann wirkt dieser Satz motivierend, wie er am zehnten Seeländer Forum erklärte. Starke Worte von einem Landwirt und Feuerwehrkommandanten, dessen Leben nach einem Arbeitsunfall nicht mehr so ist, wie es war.
Wie macht man Motivatoin fassbar?
Der Anlass am Inforama Seeland in Ins BE behandelte heuer das Thema «Stark in stürmischen Zeiten – Motivation, die trägt». David Baumann war mit Sabrina Schlegel, Präsidentin Mittelland Milch und Betriebsleiterin, Aline Plüss, Geschäftsführerin landwirtschaftliche Betriebs- und Familienhilfe (LBF), sowie Matthias Glarner, Schwingerkönig 2016, als Podiumsgäste geladen.
Ziel des Abends sei, Motivation fassbar zu machen, erklärte der Moderator Stefan Wyss. Wer nun denkt, dass das Thema Stoff für einen schwermütigen Abend bot, der täuscht sich. Bereits in seinem Referat zu Beginn des Anlasses sorgte Matthias Glarner mit seinen Ausführungen mehrfach für Schmunzeln und auch Lacher im vollen Saal.
Spannend und erfrischend ehrlich berichtete er über seinen Weg zum Schwingerkönig, die Krise nach dem Sturz von der Gondel, den Rücktritt vom Spitzensport und das Einfinden im «Leben B», wie er sein jetziges Leben nennt.
Das Umfeld hilft in der Krise
Als junger Schwinger lernte Matthias Glarner, mit Visionen zu leben. Eine davon war der Königstitel im Jahr 2013 in Burgdorf BE. Gelungen ist ihm das nicht. Danach habe er noch härter daran gearbeitet, sein Ziel zu erreichen, erzählte Glarner. ER sollte dieses Ziel dann 2016 in Estavaer-le-Lac erreichen. Die weitere Vision Titelverteidigung in Zug rückte durch einen Unfall jäh in den Hintergrund.

Als Glarner aufzählte, was beim Sturz von der Gondel nach einem Fototermin in seinem Körper alles kaputtging, wurde es mucksmäuschenstill im Saal. Der damals frisch Verunfallte haderte nicht lange, auch wenn das nicht einfach gewesen sei: «Zwei Tage vor dem Unfall gewinnst du noch einen Kranz. Einige Zeit später findest du dich in Magglingen BE wieder und beginnst klein mit Beckenbodentraining», verdeutlichte er, wie sehr sein Leben plötzlich anders aussah. In dieser Zeit sei ihm sein stabiles Umfeld eine grosse Hilfe gewesen. Mehrfach erwähnte Glarner seine Mutter, die an diesem Abend zum ersten Mal bei einem seiner Referate anwesend war.
Glarner startet sein «Leben B»
Seinem Willen, einer speziellen Operation und Unmengen an Schmerztabletten war es zu verdanken, dass er am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest 2019 in Zug teilnehmen konnte. Doch das Resultat, ein Viertelpunkt hinter dem Kranz, sei eines Schwingerkönigs nicht würdig, befand er. Mathias Glarner trat zurück und begann sein «Leben B».
Die Neuorientierung benötigte Zeit. «Unterschätzt die Pension nicht», warnte er. Heute ist er selbstständig und führt zusammen mit dem Athletiktrainer Roli Fuchs die Firma «Spirit4Sports pro», die jungen Athleten auf dem Weg zu ihren persönlichen und individuellen Zielen ganzheitliche Unterstützung bietet. Auch ihnen erklärt Matthias Glarner: «Am Ursprung jedes grossen Zieles steht ein grosser Traum. Sei mutig, wage, gross zu träumen!»
Das Licht am Horizont nicht aus den Augen verlieren
Davon zu träumen, wieder einmal zu 100 Prozent arbeiten zu können, half auch David Baumann nach seinem schweren Unfall. Dem Sturm entgegenhalten und durchhalten, bis er vorbei ist, ist seine Devise. Er habe nach seinem Unfall zum Glück nicht gewusst, wie schlecht es um ihn stehe. «Ich sah nur das Licht am Horizont. Zu dem wollte ich hin, für mich selbst, meine Familie und mein Umfeld.» Und daher lautet seine Botschaft auch: «Schaut mit eurem Umfeld, dass ihr es gut miteinander habt.»
Seine Vision von der Vollzeit musste David Baumann bislang herunterschrauben. Heute, zweieinhalb Jahre nach dem Unfall, ist er zu etwa 20 Prozent arbeitsfähig. «Das tat so verdammt weh. Aber man muss es annehmen», weiss er. Gespräche mit Kollegen tun ihm gut. Und er setzt sich nun stark für die Blutspende ein. Eine Arbeit, die ihm viel Genugtuung bringt.
Hilfe rechtzeitig suchen
Aline Plüss hat in ihrer täglichen Arbeit die Vision, dass aus jedem Problem eine gute, individuelle Lösung entstehen kann. Oftmals entstünden die nur durch mehrere Zwischenschritte, gibt sie zu bedenken. Dass viele Bauernfamilien gewohnt sind, Probleme selbst zu lösen, vielleicht durch die Arbeit auf dem Hof auch isoliert sind, ist Aline Plüss bewusst.
Sie weiss, dass es in einer Krise hilft, ein gutes und stabiles Umfeld zu haben. Fehlt ein solches, könne eine Mitgliedschaft in einem Verein Abhilfe schaffen. Die Geschäftsführerin rät generell, dass Hilfe nicht erst gesucht werden sollte, wenn die Warnampel bereits auf dunkelrot stehe.
Austausch trägt durch Krise hindurch
Sabrina Schlegel hat als Milchproduzentin stürmische Zeiten hinter sich. Die Milchkrise, der trockene Sommer und dann auch noch ein Virus, das ihre Kühe krank machte, belasteten sie. Viele Telefonate mit Berufskollegen hätten ihr geholfen, sagt sie heute. Einerseits habe man einander Mut zusprechen können. Andererseits hätten sich neugewonnene Tipps zum Umgang mit dem Virus ausgetauschen lassen. «Das hat mich enorm durch diese schwierige Zeit hindurchgetragen.»
Sie betont die Wichtigkeit, sich nicht auf dem Hof zu isolieren, sondern auch Kontakte nach aussen zu pflegen. Nur durch das Hinausgehen und im Austausch mit anderen könnten sich gute Ideen entwickeln. «Zusammen etwas zu erreichen, finde ich motivierend», betonte sie. Sie wisse, dass ein guter Durchhaltewillen im Leben hilfreich sein kann. Dieser führe aber in der Landwirtschaft oftmals dazu, dass viel zu lange gewartet werde, bis man sich Hilfe suche. «Um Hilfe anzunehmen, muss man erst Schwäche zugeben.» Das sei zwar nicht einfach, aber wichtig.
Das Fazit des Abends? In stürmischen Zeiten, egal wie die aussehen mögen, ist ein persönliches und stabiles Umfeld aus Familie und Freunden essenziell, um den Sturm zu überstehen. Und Hilfe anzunehmen, ist keine Schande.

