In der Landwirtschaft scheint vieles – wie von einer unsichtbaren Hand geleitet – vorbestimmt. Etwa, dass «schöne Betriebe» von der nächsten Generation übernommen und wie selbstverständlich weitergeführt werden. So begann auch die berufliche Laufbahn von Daniel Häfliger. Der heute 43-Jährige lernte Landwirt, das lag auf der Hand, und besuchte später die Betriebsleiterschule. Relativ früh, im Alter von 26 Jahren, gründete er eine Familie und führte in einer Generationengemeinschaft gemeinsam mit seinem Vater einen stattlichen Milchwirtschaftsbetrieb in der Region Sempachersee.
Für 100 Kühe gebaut
«Vollgas» war das Motto, blickt er heute zurück. Gebaut wurde ein moderner Milchviehstall mit 100 Plätzen. Als die Ehe in die Brüche ging, nahm Daniel Häfliger erstmals in seinem Leben die enormen Erwartungen wahr, die an einen Betriebsleiter eines Familienbetriebs gestellt werden. Vor allem auch gesellschaftliche. Als dann auch noch die Zusammenarbeit auf dem Hof komplizierter wurde, zog er die Reissleine. «Ich packte meinen Koffer und war am nächsten Tag weg», erzählt er auf der Terrasse des Bergrestaurants bei der Bergstation auf Klewenalp NW.
Daniel Häfliger wirkt reflektiert, ausgeglichen und noch immer mit einer Portion Schalk versehen, wie ihn der Berichterstatter schon vor langer Zeit mal auf einer Feier kennengelernt hat. Seit seinem abrupten Abgang ist viel Zeit vergangen. Mit seiner Familie hat er heute ein gutes Verhältnis und auch seine bald erwachsenen Kinder sieht er regelmässig.
Unvorstellbares Szenario
Der Sohn ist in der Lehre als Zimmermann und die Tochter besucht das Gymnasium. Bereuen tue er nichts. Dass sein Fall für ordentlich Gesprächsstoff sorgte in der Region, ist ihm bewusst. Wie kann man nur einen solch schönen Betrieb aufgeben und die Familie verlassen? Für landwirtschaftliche Kreise ein unvorstellbares Szenario.
Heute hat Häfliger nur noch sporadisch Kontakt mit Berufskollegen aus seiner Heimat. Nidwalden, die Bergregion und die Alpwirtschaft sind ihm näher. Dies habe auch mit seiner Partnerin zu tun, die auf einem Innerschweizer Bergbauernbetrieb aufwuchs, und mit seinem Arbeitsort auf der Klewenalp natürlich.
Daniel Häfliger ist Pisten- und Rettungschef bei den Bergbahnen Beckenried-Emmetten. Im Sommer ist er nun ebenfalls fix angestellt und kümmert sich um Unterhalt und Betrieb des touristischen Angebots hoch über dem Vierwaldstättersee.
Landwirtschaft als Hobby
Arbeiten, wo andere Ferien machen, und wohnen in einer Mietwohnung am Vierwaldstättersee – Daniel Häfliger schätzt seine Situation und macht einen zufriedenen Eindruck. Das «Chrampfer»-Gen trägt er noch immer in sich. Jahrelang war er bei einer Event-Firma angestellt und arbeitete etwa im Messebau.
Was er tut, macht er mit Leidenschaft, und natürlich komme er auch den finanziellen Verpflichtungen als Vater zweier Kinder nach. Heute weiss er aber auch, wenn es genug ist. Dann erkundet er mit seiner Partnerin im Camper die Schweiz und halb Europa.
«Ich packte meinen Koffer und war am nächsten Tag weg.»
Ex-Landwirt Daniel Häfliger
Und so oft wie in den vergangenen paar Jahren habe er während seiner ganzen Zeit als Landwirt eine Heugabel in der Hand gehabt. Etwa, wenn er auf dem elterlichen Betrieb seiner Partnerin bei der Bergheuete hilft, oder Arbeitskollegen der Bahn – viele Teilzeit mit eigenem Bergbetrieb – unterstützt.
Auch beim Kleinballenpressen und für Alpabzüge war seine Hilfe schon gefragt. Die Alpwirtschaft hatte er zuvor kaum gekannt, jetzt wisse er, was ein Dreistufenbetrieb ist. Heute habe er noch mehr Verständnis für Natur und die Kreisläufe. Als Junglandwirt war er intensiv unterwegs, gebaut wurde für 100 Kühe und es gab schon Ideen für eine Aufstockung. Weide sei wohl nach wie vor nicht schlecht für eine Kuh, sagt er heute mit einem Lächeln im Gesicht. Aber wenn man nicht davon leben müsse, sage sich einiges einfacher.
In der Eventbranche unterwegs
Nach bereits fünf Wintersaisons ist er seit dem Frühling das ganze Jahr auf der Klewenalp angestellt. Einmal in den Bergen zu arbeiten, habe ihn gereizt, durch Zufall sei er dann auf der Klewenalp gelandet. In der Eventbranche habe er damals ohne einen Plan B in der Tasche gekündigt.
Zu oft sei er beruflich weg gewesen. Etwa im Messebau, an Events, Open Airs, als Industriekletterer, am WEF Davos, an den Skirennen Wengen und Adelboden. Manchmal habe er fast 400 Stunden im Monat gearbeitet. Gleich nach dem Weggang vom Hof blieb er vorübergehend in der Landwirtschaftsbranche, als Vertretung einer Melkroboter-Firma. «Ich musste mich beruflich wiederfinden», erklärt er. Und von Milchproduktion hatte er eine Ahnung.
Es braucht Mut, Traditionen zu durchbrechen
Alle hätten viel gelernt, als er damals vom Betrieb wegzog. Es brauchte Mut, Traditionen zu durchbrechen. «Was sagen die Leute?», sei noch heute ein Treiber auf vielen Betrieben. Er habe sich in dem System wie eingesperrt gefühlt. Auch wenn er sich voll einbrachte: «Wahrscheinlich war ich im Nachhinein betrachtet nicht der leidenschaftlichste Bauer.» Gedrängt hätten ihn seine Eltern nie zur Betriebsübernahme.
Heute gehört der Hof seiner jüngsten Schwester und ist verpachtet. Daniel Häfliger hat sich aus dem Familienbetrieb zurückgezogen. Es war ein komplettes Loslassen und stimmte so für ihn. Er habe es damals ohne professionelle psychologische geschafft. Irgendwie blieb er immer positiv und seine Kinder waren wie ein Anker. Grund und Motivation, um weiterzumachen, zu arbeiten und Geld zu verdienen.
Einfach mal freihaben
«Die Veränderung startet die Veränderung», zitiert er ein Sprichwort. Auf die Landwirtschaft habe er bloss noch eine Aussensicht, aktiv informieren tue er sich nicht. Er hat heute ein anderes Umfeld, privat und beruflich. Einfach mal «angestellt» zu sein, habe seine Vorzüge. Mal frei zu haben und Ferien zu machen, sei fantastisch.
Wobei er im Winter wieder stark eingespannt ist. Vor allem wegen des Wetters. Täglich macht er mehrmals eine Wetterbeurteilung, dies sei noch intensiver als früher als Landwirt im Sommer, sagt er mit einem Schmunzeln im Gesicht.
Auf Pisten- und Rettungschef Daniel Häfliger lastet Verantwortung. Er ist auch Lawinen-Sprengmeister auf der Klewenalp. «Es geht darum, die markierten Pisten zu schützen.» Beim Sprengen ist er auf den Ski unterwegs oder er wirft die Ladung aus dem Helikopter. Für seine aktuelle Tätigkeit als Pisten- und Rettungschef absolvierte er mehrere anspruchsvolle Weiterbildungen und Prüfungen.
Aktuell könne er sich nichts Schöneres vorstellen. Zufriedenheit kommt an erster Stelle. Einfachheit helfe, Materielles habe an Bedeutung verloren. Wer reich werden möchte, müsse ohnehin nicht unbedingt im Tourismus arbeiten, schiebt er nach. Und wenn sich der Job nicht als Arbeit anfühle, sei dies das Maximum.
Hadern bringt nichts
Auch Musik spiele er wieder, aber nicht mehr in einem Verein, sondern als Tubist in einer Jazz-Band und zusätzlich in einer kleinen Fasnachts-Formation. Dafür habe er heute Zeit. Als Landwirt habe er noch Hobbyfussball gespielt. Das habe aber nie gepasst. Entweder war er an einem am Match und verpasste etwas auf dem Feld oder umgekehrt. Dieser ewige Clinch sei weg.
Was würde er heute anders machen? Diese Frage stelle er sich nicht. Es sei zwar spannend, zurückzublicken und zu reflektieren. «Hadern bringt nichts», sagt er. Damit verschwende er keine Minute. Er habe auch nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben im Leben. Und dass es ihm nicht allzu wichtig ist, was andere über ihn denken, zeigt sich auch an seiner Abwesenheit in sozialen Medien.

120 Tage in den Skischuhen
Im Winter startet er meist um 6.30 Uhr und checkt das Wetter. Dann geht es an den Berg und das Team wird instruiert und die Arbeiten werden verteilt. Dann werden die Pisten kontrolliert. Durch den Tag werden Netze gestellt oder geschaufelt, wo es zu viel oder zu wenig Schnee hat. Und natürlich ist er einsatzbereit für die Rettung. Teilweise macht er auch Mittagsablösungen am Lift. Es sind lange Tage, Überstunden werden im Sommer kompensiert. Im Frühsommer und Spätherbst ist der Winterbetrieb ebenfalls Thema, und zwar wegen Vor- und Nachbereiten. Rund 120 Tage sei er in den Skischuhen pro Jahr.
Anfang Winter ist die Beschneiung ein wichtiges Thema. Wobei die Klewenalp mit knappem Wasserangebot nur wenig beschneien kann. «Eine Beschneiung wird es brauchen, damit wir den Winter absichern können», sagt er. Entsprechende Projekte seien am Laufen. Alle Pisten brauche es und sie seien wichtig für die Destination, insbesondere auch der Bereich rund um die Bergstation, also etwa das Kinderland. aem

